Den Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag begingen die beiden Wiler Landeskirchen in der Kreuzkirche der Evangelischen Kirchgemeinde. Während Pfarrer Markus Lohner (Evang.Wil) und Diakon Walter Lingenhöle (Kath. Wil) die Leitung des Gottesdienstes inne hatten, hielt der St. Galler Kirchenratspräsident, Pfarrer Martin Schmidt, die Predigt. Neben dem Stellenwert des vom Staat ausgerufenen Tages ging Schmidt weitergehend auch auf das Jubiläum von Niklaus von Flüe ein, der sich auch aus staatspolitischer Sicht verdient gemacht habe. Für Bettagsstimmung musikalischer Natur sorgten die Bläserinnen und Bläser der Stadtharmonie. Ökumenisch wurde der Wiler Bettagsgottesdienst mit den beiden Wiler Kirchen, Katholisch- und Evangelisch gefeiert. In den Predigtgedanken seitens des Kirchenratspräsidenten der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen, Pfarrer Martin Schmidt, fand eine tiefere Betrachtung zum Bettag statt, dass dessen Ursprung nicht kirchlicher Natur ist, sondern staatspolitisches Fundament besitzt.

Friedensarbeit thematisiert
Pfarrer Markus Lohner hielt zur Eröffnung des Gottesdienstes fest, dass der Dank-, Buss- und Bettag in der Verfassung der Schweiz von 1848 auch die Achtung von Minderheiten festhielt. In der Lesung kam seitens Walter Lingenhöle die Bergpredigt zur Sprache, wo die erlösende Seligkeit den Armen, Trauernden, Barmherzigen versprochen wurde. Friedensarbeit war weiteres Thema bei den Fürbitten.

Die Kirche muss politischer werden
Pfarrer Martin Schmidt ging eingangs seiner Predigt auf die Entstehung des Dank-, Buss- und Bettages ein. (siehe Kästli). Zur aktuellen Situation wies er darauf hin, dass der Bettag seit dem zweiten vatikanischen Konzil ökumenisch gefeiert werde, im Besonderen im Engagement der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen begründet. Der politische Vorschlag des autofreien Tages sei bald wieder schubladisiert worden.

Wenn die Jung-CVP des Thurgau diesen Tag lockern und abschaffen wolle, gehe es nicht um den Verlust des Tages selber, sondern um das, was die Gesellschaft zusammenhalte. Die Kirche muss nach Schmidt politischer werden und der Staat sich auf die Werte zurückbesinnen, welche zu diesem Tag geführt haben. Die Schweiz gelte heute als „GeldLand“. Dass dies nicht negativ sei habe Karl Valentin passend verdeutlicht: „Reich sein sei keine Schande, eine Schande sei hingegen, wenn man nichts als reich sei“.

Bruder Klaus: „Alles gehabt, aber nicht sein Glück“
Nach Pfarrer Schmidt hatte Niklaus von Flüe eigentlich beste Voraussetzungen, als grosser Staatsmann in die Geschichte einzugehen. Offizier am „Alten Zürichkrieg“, wohlhabender Bauer mit Gattin Dorothea und den 10 Kindern, geachteter Ratsherr des Kantons und Richter seiner Gemeinde. Nach seinem Empfinden war es offensichtlich nicht sein Glück.

Bruder Klaus habe auf Umwegen zu intensivem Gebetsleben gefunden mit Schwerpunkt der Betrachtungen des Leidens Christi. Dass er mit besonderen Gaben bedacht war, ist gemäss Legenden in den 19 Jahren ohne feste Nahrung belegt. Die Bekanntheit des geistlichen Beraters habe internationale Züge erreicht. Niklaus von Flüe sei auch als Mystiker an weltlichen Dingen interessiert gewesen, weshalb seine Ratschläge positiv aufgenommen wurden. Sein tägliches Gebet „Mein Herr und mein Gott...“ nimmt in allen Kirchen auch heute eine hohen Stellenwert ein.

Ein Botschafter für den Bettag
Pfarrer Martin Schmidt betonte, dass Bruder Klaus nicht überall positiv aufgenommen werde. Unabhängig davon bleibe er Botschafter für den Bettag. Er habe für den Staat und die Gesellschaft da sein wollen und nicht auf sich bezogen, sondern auf Gott. Wir lebten aktuell in einer Welt die nur noch von Egomanen regiert zu werden scheine, Trump, Kim und Erdogan zitierend.

Die Bergpredigt Jesu fordere eine Haltung und Werte, die in Taten münden. Schmidt wörtlich dazu: „Wir Christen haben den öffentlichen Auftrag, uns dafür einzusetzen. In seinen Seligpreisungen für die Armen, Trauernden, Sanftmütigen, Gerechten und Barmherzigen tritt Jesus als politischer und meditativer Prediger auf“. In diesen Versen werde zum Bettag und zur Frage geführt, was unser Leben ausmacht und zu Glück führe. Als Christen hätten wir andere Massstäbe, andere Lebenswerte, als es in unserer Welt üblich sei. Wir lebten in der neuen Welt Gottes, im Reich Gottes hier auf Erden, schloss Pfarrer Schmidt seine Gedanken zum Bettag.

Musikalisch endete der Bettagsgottesdienst mit Klängen seitens der Stadtharmonie Wil. Im Anschluss waren die Gottesdienstbesucher zum Apéro-Imbiss vor und im Kirchgemeindezentrum geladen. Dank Sonnenschein zur aktuellen Stunde war auch der Aufenthalt im Freien ein Genuss.

Ein Tag, den der Staat dafür festgelegt hat
In seiner Predigt ging Pfarrer Martin Schmidt auf die Herkunft des Dank-, Buss- und Bettags ein. Man müsse wissen, dass der Tag vom Staat und nicht von den Kirchen festgelegt wurde. Es sei deshalb auch der Tag, an dem Staat und Kirche darüber nachdenken, wie sie ihr Miteinander gestalten. Schmidt erinnerte, dass früher an diesem Tag keine Tanz- und Sportveranstaltungen stattfinden durften, es sei um Besinnung gegangen, was uns trägt und zusammenhält. Dazu zitierte Schmidt Pfr. Von Laberti unter anderem: „Herr, setze dem Überfluss Grenzen und lasse die Grenzen überflüssig werden.

Ein erster gemeinsamer Bettag der beiden Landeskirchen sei am 17. September 1797 unter dem Eindruck der Französichen Revolution abgehalten worden. 1832 beschloss die Tagsatzung, dass der Bettag am dritten Sonntag im September gefeiert werden soll, woran sich allerdings Graubünden bis 1848 und Genf bis heute nicht daran halten. Die besondere Bedeutung erhielt der Tag mit der Gründung des schweizerischen Bundesstaates im 1848, dem ein liberal-konservativer Bürgerkrieg voran gegangen war. Damit sei besiegelt worden, dass dieser Tag in der politisch und konfessionell stark fragmentierten Schweiz von allen Parteiungen und Konfessionen gefeiert werde.