Nein. Das Schaffen und die Auftritte von Drag-Queens ist in der Region Wil-Toggenburg nicht bekannt. So war es demnach auch der erste Auftritt in diesen Gefilden von Claudio Näf, alias LaMer. In der Dogo Residenz für Neue Kunst arbeiten aktuell fünf Kunstschaffende, einer davon ist der Luzerner Claudio Näf. Der Illustrator beschäftigt sich in seinen Arbeiten mit seiner Sexualität und der Art, wie er sein Geschlechtsausdruck nach aussen hin präsentiert. Für seinen rund einstündigen Auftritt hat er sein Basisprogramm in ein Lichtensteigerprogramm umgewandelt und das kam beim, vornehmlich jungen Publikum, gut an. In diesem Publikum sassen Heterosexuelle, Homosexuelle, sowie Queere und diese Beschaffenheit macht den Auftritt Näfs speziell. «Häufig trete ich in queeren Events, dann aber auch mal in einer Bar in Luzern, oder in einem Theater in Zürich auf.» Näf weiss haargenau, wo er als homosexueller Mensch, oder als Kunstfigur LaMer, gut ankommt. «In meinem Umfeld erfahre ich viel Unterstützung, doch auch Ablehnung, insbesondere im öffentlichen Raum, ernte ich immer mal wieder. Für mich und die ganze LGBT-Szene ist es wichtig, dass fortlaufend sogenannte queere Räume entstehen. Also ein Ort, wo sich Gleichgesinnte treffen», sagt Näf. Genauer heisst das, Lokale und Räume ausbauen, in denen sich Lesben (Lesbian), Schwule (Gay), Bisexuelle (Bisexual) und trans Menschen (T), treffen. Unlängst gehört nach dem Kürzel LGBT auch das Q für Queer dazu. LGBTQ-Aktivismus bezeichnet also die Wanderungsbewegungen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender-Personen und queeren Bevölkerungsgruppen, oft auch um der Diskriminierung oder der schlechten Behandlung, auf Grund ihrer sexuellen Identität, zu entkommen.

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Die erste Drag-Show in Lichtensteig


Drag wer? Queer was?

Queere Menschen sind Personen, die der Norm der Heterosexualität und des Zweigeschlechtersystems «in die Quere kommen». Queer ist ein Überbegriff für Lesben, Schwule, trans- und inter Menschen, beinhaltet aber zudem den Anspruch, Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität politisch, wie auch theoretisch, zu hinterfragen. Claudio Näf sagt, er wisse genau, wo er auf Ablehnung treffe, diese Orte meide er. Nun hat er seine Ostschweizer Premiere hinter sich gebracht und freut sich, unzählige positive Feedbacks erhalten zu haben. «Klar war ich vor der Show nervös. Auch ich habe coronabedingt lange Zeit keine Auftritte mehr gehabt. Zwischendurch machte sich dann schon mal etwas Unsicherheit bemerkbar, dies, weil es in meinem Programm sehr politisch zu und her geht; ein heikles Thema.» Seit 2018 tritt er als Drag-Queen LaMer, auf. Aus dem Englischen übersetzt, bedeutet Drag-Queen, dass eine Person in schrillen Frauenkleidern auftritt. Drag-Queens sind bis heute vornehmlich in den Schwulenszenen der Grossstädte zu finden.

Viermal Lob

Viel Gelächter und noch mehr Applaus begleiteten die Show von LaMer. Nach der Zugabe sollten vier Besucher in wenigen Worten die soeben erlebte Dragshow beschreiben. «Inspirierend», «tiefgründig», «zu Tränen rührend» und «haarsträubend gut», waren die Antworten. Also scheint es, als wäre Lichtensteig definitiv bereit für Drag-Queens. Diese Aussage könnte jedoch missverstanden werden, setzte sich das Publikum nämlich nicht nur aus Einheimischen, sondern auch aus Bazenheidern, Herisauern und Zürchern zusammen. Abschliessend sagt Claudio Näf, dass er sich des Risikos seiner Auftritte bewusst ist. «Auch ich wuchs in einem kleinen Dorf auf und bin gerade deshalb überzeugt, dass auch in ländlichen Regionen viele Menschen offen mit dem Thema Sexualität und Geschlecht umgehen können.»

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Zufriedenheit auf beiden Seiten. Claudio Näf (rechts, noch geschminkt) und Marcel Hörler, von der organisierenden «Dogo Residenz für Neue Kunst» nach der Dragshow in der Alten Turnhalle.