Es sei ihm relativ gut gelungen, die Kontroverse um ihn nicht persönlich zu nehmen, sagt Bekim Alimi heute. Sowieso dürfe man nicht vergessen, dass er im Vorfeld seiner Einbürgerung in Wil vor allem Unterstützung erfahren habe – von den Bürgern, aber auch speziell von den Leuten, mit denen er in seinem Alltag als Imam und Religionslehrer zu tun gehabt habe, etwa Politikerinnen und Lehrern. Manchmal habe es aber schon weh getan, dass seine seit 1999 dauernde Arbeit für die Integration und den interreligiösen Dialog in der Region höchstens noch eine untergeordnete Rolle gespielt habe, zumindest in der in den Medien geführten Diskussion. Wie diese Diskussion verlief, und wie Bekim Alimi Imam in Wil wurde, lesen Sie im ersten Teil dieses Porträts.

«Sichtbarkeit ist wichtig für die Integration»

Nach den IS-Anschlägen auf das Pariser Konzertlokal Bataclan im Jahr 2015 hatte sich Alimi in der «Arena» des SRF für eine differenzierte Wahrnehmung des Islams stark gemacht und auf die zentrale Funktion der Integration zur Vorbeugung von Extremismus verwiesen. Dazu gehöre auch die Sichtbarkeit, also dass Muslime ihren Glauben in schönen Moscheen statt in heruntergekommenen Industriehallen praktizieren können, sagt er. Er fragt rhetorisch: «Was erzählt eine nichtmuslimische Schülerin zuhause über die Muslime, wenn sie im Religionsunterricht eine Moschee in einer Tiefgarage besucht hat?» 

Nach langem Kampf konnte die muslimische Gemeinde Wils im Jahr 2017 ihre Moschee einweihen. Der Widerstand gegen das Gotteshaus kam aus unterschiedlichen Kreisen, insgesamt seien über 300 Beschwerden eingegangen – viele davon von auswärts, zum Beispiel aus den Kantonen Glarus oder Zürich. Es gab Spekulationen, ob Katar oder Saudi Arabien den rund 4 Millionen teuren Bau subventionierten. Alimi wies die Gerüchte immer als haltlos zurück.

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Bekim Alimi unter der Kuppel der Moschee. Wie die Kirchen kämpfen auch die Moscheen um praktizierende Gläubige.

Der Imam lächelt, schüttelt den Kopf und rechnet vor: Eine genug grosse Halle zu kaufen und auszubauen wäre nicht viel günstiger gekommen. Dann führt er aus seinem Büro und durch den Gang in den Gebetsraum der Moschee. Er zeigt auf die goldenen arabischen Schriftzeichen, in denen Koran-Suren um die Kuppel laufen: «Aus Styropor, zugeschnitten von Mitgliedern der Gemeinde.» Zudem hätten Gemeindemitglieder, die in Handwerks-Betrieben in der Region arbeiten, viel Fronarbeit geleistet, sagt Alimi. Er nennt als Beispiel den Parkettboden in seinem Büro, den ein albanischer Bodenleger aus der Region freiwillig verlegt hat. Die hölzerne Gebetsnische im Gebetsraum wurde in Uzwil gezimmert.

Auch die Moscheen kämpfen um Besucher

Landauf, landab gehen seit Jahren immer weniger Menschen in die Kirche. Wie sieht es in den Moscheen aus? «Ähnlich», sagt Alimi. Gemäss Bundesamt für Statistik sind 6 bis 8 Prozent der muslimischen Bevölkerung der Schweiz praktizierende Gläubige. 12 Prozent geben an, regelmässig die Freitagspredigt zu besuchen, 68 Prozent fasten während des Fastenmonats Ramadan. Ziemlich genau so sei das Verhältnis auch bei den Wiler Muslimen, sagt Alimi. Kurz vor dem Gespräch mit hallowil.ch fand das Mittagsgebet statt, gekommen seien rund 15 Leute. Zu den Freitagsgottesdiensten kämen in normalen Zeiten regelmässig 200 Leute. Das sind dann etwa 10 Prozent der muslimischen Bevölkerung Wils.

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Im Hauptraum dürfen nur Männer beten, die Frauen haben eine Empore.

«Wir dürfen Gott nicht in die Moschee einsperren»

Aber auch aus den umliegenden Gemeinden kommen die Leute in die Moschee, sagt Alimi und zählt auf: «Sirnach, Münchwilen, Zuzwil, Rickenbach, Wilen, Kirchberg, Bazenheid.» Zum Zeitpunkt dieses Gesprächs markierten Klebeband-Streifen auf dem Teppich, wo mit 2 Metern Abstand überall gebetet werden darf – unten, wo die Männer sind, genauso wie oben auf der Empore, wo die Frauen beten. Nach dem Frauenanteil bei den Gottesdiensten gefragt sagt Alimi: «Im Vergleich zu anderen Moscheen sind wir glücklich.» An einem durchschnittlichen Gebet nehmen in Wil zweieinhalb Mal mehr Männer als Frauen teil. 

«Wir dürfen Gott nicht in die Moschee einsperren», sagt der Imam. Was er damit meint: Abgewandt hätten sich die Menschen in den vergangenen Jahrzehnten vor allem von den religiösen Institutionen. Religiöse Fragen wie die Frage nach der Seele oder danach, was nach dem Tod passiert, hingegen würden sich die Menschen auch heute und in Zukunft stellen, ist er überzeugt. Zudem werden bestimmte Rituale auch von den nicht so gläubigen Muslimen nach wie vor praktiziert – bei Todesfällen, Taufen oder dem Fest zum Fastenbrechen Bajram. Auch hier also: ein ähnliches Bild wie in den Kirchen.  

Einen aktuellen Beleg für den religiösen Weltzugang sieht Alimi in manchen Deutungen des Coronavirus: «Suchen Leute, die an Verschwörungstheorien oder eine göttliche Strafe glauben, nicht auch eine Erklärung bei einer höheren Intelligenz?» Besonders bei Dingen, die sie nicht kontrollieren können, suchen die Menschen die Verbindung nach oben, ist der Imam überzeugt.

«Sonst wäre ich nur ein halber Imam»

Speziell in der Diaspora – der Begriff bezeichnet Gebiete, in denen konfessionelle Gruppen als Minderheiten leben – könne er als Imam nicht nur «in der Moschee sitzen und Gebete vor ein paar alten Leuten leiten», wie er sagt. Genauso wichtig sei es, den Atheisten am interreligiösen Dialog anzusprechen, oder der Patientin im Spital Seelsorge zu spenden. Sein Ziel sei es, dass die Muslime in der Schweiz in ein, zwei Generationen über ihre Community sagen können: Wir sind angekommen – «nicht nur, um Arbeit zu nehmen, sondern als wirtschaftliche und gesellschaftliche Kapazität». Deshalb mache ihn die Arbeit für Integration und kulturellen Dialog erst komplett, sagt Alimi. «Sonst wäre ich nur ein halber Imam.»