Als sich Bekim Alimi 1988 für das islamische Gymnasium in Skopje anmeldete, suchte er vor allem die Herausforderung: «Es war, als würde man zwei Gymnasien besuchen.» Zum normalen Schulstoff mit den Sprachen Madzedonisch, Albanisch, Türkisch, Aarabisch und Englisch kamen noch acht Fächer zum Islam. «Ich wollte sehen, ob ich das schaffe», sagt Alimi, der in Wil seit 1999 als Imam, als religiöses Oberhaupt der Muslime, amtet. 

Mitte Juni sitzt Alimi in einem hohen Sessel in seinem Büro in der Moschee Wil, im Regal hinter ihm leuchten goldene arabische Schriftzeichen auf Buchrücken. Auf dem massiven Holztisch steht ein Apple-Bildschirm. Während Corona habe viel Zeit mit Video-Chats und Facebook verbracht, sagt der Imam. Zum Beispiel mit einem Wettbewerb, bei dem Mitglieder von islamischen Gemeinden in Wil, Genf, Duisburg und Kumanove (Mazedonien) für ihre Moschee in Challenges gegeneinander antraten. Mit seinen Wiler Kollegen, dem reformierten Pfarrer Christoph Casty und dem katholischen Diakon Franz Wagner, diskutierte Alimi zum Thema «Wie fastet man bei Euch?». Ihren Videochat streamten die Geistlichen live ins Netz.

Die Wand gegenüber des Bürotischs ziert ein Teppich mit einer Luftaufnahme der Stadt Wil. Niemand in seiner Familie habe gedacht, dass er einmal Imam werde, sagt Alimi. In Mazedonien habe er als Schüler verschiedene Wissens-Wettbewerbe gewonnen. «Alle dachten, dass ich einmal etwas mit Mathematik machen werde.» Seine Familie sei auch nicht speziell religiös gewesen. «Wir haben den Glauben praktiziert, haben gebetet und sind zur Freitagspredigt gegangen, wie alle anderen im Dorf», sagt Alimi. Er vergleicht Neproshten in der Gemeinde Tetovo mit einem Dorf in der Schweiz, wo es zu der Zeit auch noch dazugehören konnte, dass man am Sonntag in die Messe ging.

Seit 1999 Imam in Wil

Die Aufnahmeprüfung ans islamische Gymnasium bestand Alimi mit guten Noten, also habe er sich gesagt: «Let’s do it». Nach Abschluss der Schule wollte er 1992 in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo an der renommierten dortigen Universität islamische Philosophie studieren. Doch dann brach der Krieg aus. Statt nach Sarajevo ging Alimi nach Kairo in Ägypten. Es habe rund ein halbes Jahr gedauert, bis er so gut Arabisch konnte, um dem Stoff folgen zu können. Nach fünf Jahren schloss er das Studium ab. Das Ziel, Imam zu werden kam eher spät. «Ich dachte, ich werde Religionslehrer oder Professor für Theologie oder sowas», sagt Alimi. Erst mit der vertieften Auseinandersetzung während des Studiums habe er den tieferen Grund für religiöse Praktiken wie Beten oder Fasten verstanden.

Ein Jahr vor dem Abschluss seines Studiums kam Bekim Alimi zum ersten Mal in die Schweiz. Er absolvierte das zum Curriculum gehörende Ramadan-Praktikum in der Wiler Moschee, am alten Standort in einer schäbigen Halle an der Titlisstrasse. Auch weil sein Vater, ein Bauarbeiter, in Sirnach lebte, sei seine Wahl auf Wil gefallen. Per Familiennachzug kam er schliesslich in die Schweiz. Wieder einmal ging es schnell im Leben von Bekim Alimi. Nach einem Jahr im Land habe er bereits für Schweizer Behörden übersetzt. 1999 wurde er in Wil Imam.

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Zwei Meter Abstand, auch beim Beten: Anfang Juni sind in der Moschee die Stellen, wo gekniet werden darf, mit Klebeband markiert.

Am 5. April 2018 spricht sich das Wiler Stadtparlament mit 26 zu 10 Stimmen dafür aus, Bekim Alimi das Orts- und Gemeindebürgerrecht zu erteilen. Stadtparlamentarier aus verschiedenen Parteien gratulieren dem Imam, nur die SVP stimmt geschlossen gegen die Einbürgerung. Es ist das erste Mal, dass im Kanton St. Gallen ein Gemeindeparlament über eine Einbürgerung befinden muss. Vorangegangen war eine weit über Wil hinaus wahrgenommene Diskussion über Alimis Verhältnis zum radikalen Islam. 

Die Familie erhielt 2017 den roten Pass – er nicht

Es begann 2016, als Alimi im Auftrag von Bunderätin Doris Leuthard als Vertreter der Schweizer Muslime an der Seite der Repräsentanten der beiden Landeskirchen und der jüdischen Gemeinschaft den Gotthard-Basistunnel segnete. 2017 erhielten Alimis Frau und Söhne den roten Pass – er nicht. Der ehemalige SVP-Parlamentarier Mario Schmitt erhob Einsprache gegen die Einbürgerung.

Unter anderem wurde Alimi vorgeworfen, als Vorsteher des «Dachverbands islamischer Gemeinden der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein» (DIGO) zu wenig gegen Auftritte radikaler Prediger in Ostschweizer Moscheen zu unternehmen. Fotos, auf denen Alimi mit Exponenten des radikalen und politischen Islams, darunter Nicolas Blancho, Präsident des fundamentalistischen «Islamischen Zentralrats Schweiz», zu sehen ist, wurden als Beweise für seine fehlende Distanz zur radikalislamischen Szene gesehen. Sogar der Nachrichtendienst des Bundes NDB überprüfte den Wiler Imam. Der Dienst kam zum Schluss, dass nichts Handfestes gegen die Einbürgerung sprach.

Alimi tritt als Vorsteher des DIGO zurück

Im Vorfeld der Abstimmung über seine Einbürgerung ersuchte die Grünliberale Erika Häusermann den Imam medienwirksam darum, einen Katalog mit 12 Fragen zu beantworten, um sich «ein Bild von Ihnen, und Ihrer politischen und religiösen Haltung zu machen», wie sie schrieb. Fragen wie «Darf ein Mann seine Frau schlagen, wenn sie ihm nicht gehorcht?», «Darf ein Muslim homosexuell, eine Muslimin lesbisch sein?» oder «Darf ein guter Muslim Freundschaft mit Juden, Christen, Hindus, Atheisten knüpfen?» empfand Alimi als demütigend, gleichwohl beantwortete er sie. «Wenn es dem Frieden dient», sagte er.

Bei der nächsten Wahl des Vorstehers des DIGO tritt Alimi nicht mehr an. Auch, weil er nicht mehr für alles, was in Ostschweizer Moscheen passiere, verantwortlich sein will. Hauptgrund sei aber, dass der ehrenamtliche Posten zuviel Zeit in Anspruch nehme, sagt der Imam. Er sei schliesslich bei der Islamischen Gemeinschaft Wil angestellt.

Lesen Sie im zweiten Teil des Porträts des Wiler Imams: Warum es für die Integration zentral ist, dass Moscheen nicht in Tiefgaragen untergebracht sind, welche Probleme die Kirchen und Moscheen in der Schweiz teilen und was Bekim Alimi zu Corona-Verschwörungstheorien sagt. Den zweiten Teil gibt es hier.