«Hier ist es ganz anders als Zuhause», denkt sich der achtjährige Junge, als er mit seinen Eltern und Geschwistern in der Gemeinde Bazenheid ankommt. Er schaut sich die Wohnblöcke an. Und rümpft seine Nase. In seiner Heimat Kosovo hat er vor wenigen Tagen noch in einem Einfamilienhaus gelebt. Dann blickt er zu seinem Vater und lächelt. In diesem Moment ist der Achtjährige einfach nur glücklich, seine ganze Familie um sich zu haben. Vor einem Wohnblock sieht er andere Kinder spielen. Die einen versteht er, die anderen nicht. Weil hier die ganzen Fabriken stehen, es günstige Wohnungen zu mieten gibt, ist der Ausländeranteil besonders hoch. Hier leben Gastarbeiter mit ihren Kindern. Gerade weil zu dieser Zeit viele Familien mit albanischen Wurzeln in Bazenheid leben, ist es für den Jungen einfach sich, zu verständigen. Obwohl er sich im neuen Land noch völlig fremd und unsicher fühlt. Ein Jahr lebt der Junge mit seiner Familie im unteren Toggenburg, bis sie nach Wil am Fusse des Hofbergs ziehen. Plötzlich erlebt der Junge ein anderes Extrem: Er ist in der Klasse der Einzige mit Migrationshintergrund.

An diesem warmen Sommertag sitzt Arber Bullakaj gemütlich in einem schwarzen Loungesessel der «Sein Lounge» in Wil. Einem Ort, den der politische Anwalt manchmal gerne nach seinem Feierabend besucht. «Leider kommt das selten vor», sagt Bullakaj. Die Zeit reicht nicht immer dafür aus. «Ausserdem möchte ich nach der Arbeit gerne Zeit mit meiner Familie verbringen», so der 33-jährige SP-Politiker, der vor sieben Jahren als erster albanischstämmiger Schweizer in das Wiler Stadtparlament gewählt wurde. Seine Tochter ist zwei Jahre alt. Sein Sohn fünf Monate. «Meine Ehefrau und meine Kinder sind mein Lebensmittelpunkt – sie bedeuten mir alles.» Und an dieser Stelle leuchten seine Augen – eben wie die eines stolzen Familienvaters. Viel mehr möchte der Vize-Präsident der SP St. Gallen über seine kleine Familie nicht erzählen. Dafür redet er offen über seine Lebensgeschichte. Wie er im Kosovo seine ersten acht Lebensjahre verbracht hatte. Wie er in die Schweiz gekommen ist. Wie er gegen Vorurteile ankämpfen musste. Wie er hier hart gearbeitet hat. «Viele Menschen mit Migrationshintergrund können sich mit meiner Geschichte identifizieren», weiss Bullakaj. Als er in die Schweiz gekommen sei, habe er sich darüber gefreut, dass sein Vater wieder mit der ganzen Familie vereint sei. «Zuvor hat mein Vater in der Schweiz jahrelang als Saisonier gearbeitet», erzählt Bullakaj, «und plötzlich konnten wir ein richtiges Leben als Familie führen».

Für seine Eltern ist die Saisonarbeit in der Schweiz eigentlich eine vorrübergehende Situation gewesen. Eigentlich. Denn sein Vater hat die Familie aus Angst in die Schweiz geholt. «Wie viele Migrantenfamilien wollten auch meine Eltern irgendwann zurückkehren». Es ist aber nie zu einer Rückkehr in die Heimat gekommen. Noch heute leben sein Papa und seine Mama in der Schweiz. Wegen den Kindern. Wegen den Enkelkindern. Und nicht zuletzt wegen des Lebens, das sie sich hier aufgebaut haben. Bullakaj mag das Wort Gastarbeiter nicht. Es sei so negativ. «Das ist auch ein unmenschliches System», sagt er. Denn Gastarbeiter würden als billige Arbeitskraft ausgenutzt und werden nicht in die Gesellschaft integriert.

Fairness wird grossgeschrieben

Arber Bullakaj besucht die Wirschaftsmittelschule in St. Gallen. Dass er eine Mittelschule besucht, hat er seinem Durchhaltevermögen zu verdanken. Haben ihn die Primarschullehrer doch zuerst in die Realschule zugeteilt. Immer wieder merkt der Jugendliche, dass Schüler mit Migrationshintergrund von einigen Lehrpersonen anders behandelt werden. Bewusst benachteiligt werden. So auch in der Mittelschule. Besonders auffällig verhält sich die Lehrkraft für bildnerisches Gestalten. Dem jungen Schüler Bullakaj fällt auf, dass eine Schweizer Mitschülerin immer bessere Noten bekommt als ein Mitschüler mit Migrationshintergrund. Und das, obwohl Bullakaj findet, dass die beiden gleichermassen ein zeichnerisches und malerischen Talent haben. «Vertauscht doch einmal eure Bilder, dann sehen wir schnell, ob die Lehrperson fair benotet», schlägt Bullakaj seinen beiden Mitschülern spontan vor. Nach einer Unterrichtsstunde trauen sich die beiden Schüler und geben jeweils die Zeichnung des anderen ab. Eine Woche später bestätigt sich Bullakajs Verdacht: Die Schweizerin bekommt mit der fremden Zeichnung eine hervorragende Note. Der Junge erhält im Gegenzug mit ihrem Werk eine ungenügende Note.

«Fairness», sagt Bullakaj, «liegt mir besonders am Herzen». Seine Eltern hätten ihm diese mit auf den Lebensweg gegeben. Diese sei in allen Lebensbereichen wichtig. Und für diese setzt er sich noch heute ein. So würde eine Gemeinschaft entstehen und mit ihr der Zusammenhalt. «Und das ist der Schlüssel zum Erfolg», betont der politische Anwalt, der sich heute für Kulturvereine und Menschen mit Migrationshintergrund einsetzt. Deshalb, erklärt er, sei er nie ruhig gewesen, wenn es um die Rechte anderer Menschen ging. Schlussendlich habe er sich deshalb entschieden, in der Politik tätig zu sein. Mit seiner Stimme und seinem Engagement wollte er etwas bewegen. Auslöser für diesen Entscheid waren die diskriminierenden Schäfchenplakate der SVP. Chancengleichheit im Bildungssystem ist unter anderem eines seiner politischen Ziele. Das Schweizer Bildungssystem sei sehr gut. «Aber es muss noch weiter ausgebaut werden», ist er überzeugt. Denn auch Kinder aus benachteiligten Familien müssten eine Chance auf eine hervorragende Ausbildung bekommen.

Bullakaj vergleicht die Gesellschaft mit einem Zahnrad. «Damit das ganze System überhaupt funktionieren kann, braucht es jeden einzelnen Zahn – also jeden einzelnen Menschen», so der Unternehmer, der im Jahr 2011 mit einem Partner eine eigene Firma gegründet hat. Und für dieses Gemeinwohl möchte sich Bullakaj als Nationalrat in Bern einsetzen. Sein Blick ist nachdenklich. Er wählt die Worte sehr bedacht und spricht sie ruhig aus. Dieses Thema scheint ihn besonders am Herzen zu liegen. Wie er seine Chancen einschätzt, es in den Nationalrat zu schaffen? «Eigentlich ziemlich gut», antwortet Bullakaj, «weil mich so viele Menschen unterstützen, glaube ich daran, gewählt zu werden». Seine ganze Familie. Nachbaren. Parteikollegen. Unternehmer. Die Liste des Empfehlungskomitees ist lang. «Aber damit es wirklich klappt, werde ich noch viel Engagement zeigen und alles geben», so Bullakaj.

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Arber Bullakaj wurde vor sieben Jahren als erster albanisch-stämmiger Schweizer in das Wiler Stadtparlament gewählt. (Bild: Simon Dudle)


Auf der Seite der Frauen

Prizren – die zweitgrösste Stadt Kosovos: Im Jahr 1986 kommt Arber Bullakaj zur Welt. In einem kleinen Vorort der Stadt wächst er auf. Seine Familie besitzt einen florierenden landwirtschaftlichen Betrieb. Mit 100 Schafen, ein Dutzend Büffel. Einer Früchteproduktion. Einem Rebberg. Viel Land für den Acker. Der Junge wächst idyllisch und naturverbunden auf. Die Dorfbewohner kennen sich untereinander sehr gut. Die Menschen greifen einander unter die Arme. Vor allem bei der Ernte helfen die Bewohner einander aus. Solidarität und Hilfsbereitschaft wird hier grossgeschrieben. Denn das Dorf hat eine besondere Eigenschaft: Die Ehemänner und Familienväter arbeiten vorwiegend im Ausland als Saisonniers. In der Schweiz. In Österreich. In Deutschland. So ist die Situation auch bei der Familie Bullakaj. In dieser Zeit beobachtet der Junge immer wieder seine Mama. Er staunt über ihre Kraft und ihr Durchhaltevermögen. Er wertschätzt ihre Leistung als Ehefrau, Mutter und Unternehmerin. Er versucht seine Mutter zu unterstützen und übernimmt mit seiner älteren Schwester einzelne Arbeiten.

«Die ersten Jahre im Kosovo haben mich geprägt», erzählt Bullakaj heute, «sowohl in meinem Denken als auch Handeln». Diese Zeit habe ihn zu dem Menschen gemacht, der er heute ist. So seien ihm Themen wie Solidarität und Fairness extrem wichtig. «Gerade gegenüber Minderheiten», fügt der Politiker an. Dass seine Mama ihn und seine Geschwister in den ersten Jahren quasi alleine erzogen hat und nebenbei im grossen Landwirtschafsbetrieb arbeitete, hat ihm schon im Kindesalter gezeigt, wie bedeutend Frauen sind. Für ihre Ehemänner. Für ihre Kinder. Für ein Unternehmen. Für die ganze Gesellschaft. Ein Grund, warum sich Bullakaj für Frauenrechte einsetzt. «Mir liegt es am Herzen, dass die Gesellschaft anerkennt, was Frauen alles leisten», betont Bullakaj. Deshalb hat er dieses Jahr am 14. Juni auch am Frauenstreik teilgenommen und ist mit den Frauen auf die Strasse gegangen. Er habe eine Ehefrau, eine Tochter, eine Mutter und zwei Schwestern – «alleine das reicht schon, sich dafür einzusetzen, dass Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben».

Eine familien- und kinderfreundliche Politik bezeichnet Bullakaj als «Knacknuss». Familien würden in der Schweizer Gesellschaft oft anstehen. Gerade weil Kinder in vielen Fällen zu einer finanziellen Last werden. «Das darf doch in einem so reichen Land wie der Schweiz nicht sein», ist der Unternehmer und Politiker überzeugt. Deshalb setze er sich für diese Politik ein.

Dankbar für die neue Schweiz

Bullakajs Kindheit im Kosovo: Der Junge blickt aus dem Fenster seines Elternhauses. Er schaut seinem Vater hinterher, der für wenige Wochen aus der Schweiz gekommen ist und nun an diesem Tag an einem Protest teilnimmt. Es herrschen politische Unruhen im Land. Der Junge weiss nicht genau, worum es geht. Irgendetwas hat sich in seiner idyllischen und wohlbehüteten Welt verändert. «Es ist nicht mehr so wie früher», schiesst ihm durch den Kopf. Die Menschen gehen auf die Strasse, um für mehr Rechte zu demonstrieren. Der Junge zuckt zusammen als er die grossen Panzer sieht. Eine grosse Unsicherheit und Angst packen ihn. Er beobachtet die Erwachsenen in seinem Umfeld. Wie sie sich verhalten, was sie sagen, was sie tun.

Wil nennt Bullakaj heute sein Zuhause. «Die Schweiz ist für mich schon lange kein fremdes Land mehr», versucht der Nationalratskandidat die richtigen Worte zu finden. Hier schätze er vor allem die Demokratie, Sicherheit und Kontinuität. «Denn diese sind nicht in allen Ländern so selbstverständlich.» Natürlich sei es für ihn und seine Familie in der Schweiz nicht immer einfach gewesen. Widerstände, Vorurteile und Abneigung hätten seine Anfangszeit geprägt. Als diese einmal durchbrochen waren, habe er die Schweizer als ein offenes Volk erlebt. Das liege auch daran, dass sich auch die Schweiz weiterentwickelt habe. «Die neue Schweiz», nennt sie Bullakaj heute. «Menschen, die hier anpacken wollen, bekommen in der Schweiz eine richtige Chance», ist Bullakaj überzeugt, «unabhängig von ihrer Herkunft, Religion oder sexuellen Neigung». Und dafür möchte sich der St. Galler SP-Vizepräsident auch weiter einsetzen. Ein Satz begleitet Bullakaj schon seit Jahren. Mit wenigen Wörtern äussert sich die Meinung des Politikers darin. Es ist ein Zitat des athenischen Politikers Perikles, der schon vor über 2000 Jahren etwas Entscheidendes sagte: «Wer an den Dingen der Stadt keinen Anteil nimmt, ist kein stiller, sondern ein schlechter Bürger.» Er selber möchte deshalb «ein möglichst guter Bürger zu sein».