Oberarzt Andreas Haller sprach am «Referat am Montag» in der Psychiatrie St.Gallen Nord über den schwierigen Mitmenschen und zeigte den ungefähr 100 Interessierten auf, dass eine bestimmte Charaktereigenschaft zu einem massiven Leidensdruck führen kann, den die Medizin als Persönlichkeitsstörung definiert.
«Die Definition Persönlichkeit wird als Begriff meistens im Alltag mit Menschen in Verbindung gebracht, die als Person Ecken und Kanten haben», sagte Andreas Haller, Oberarzt am vergangenen Montagabend vor einem grossen Publikum in der Psychiatrie Nord in Wil. Ob wir mit diesen Menschen zurechtkommen oder das Zusammenleben und zusammen arbeiten nur mühsam und schwierig ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Starke Persönlichkeiten, starke Charakteren haben oft Schwierigkeiten mit Autoritäten umzugehen. Es seien die Erfahrungen, die aus uns den Mensch machen, den wir geworden sind, ist Andreas Haller überzeugt. «Beziehungserfahrungen prägen unser Leben und formen unseren Charakter.» Werden beispielsweise Kinder traumatisiert, von den Eltern vernachlässigt oder sexuell ausgebeutet, entwickeln diese Charaktereigenschaften, die ihre Persönlichkeit stark beeinflussen und schliesslich zu Störungen führen können.

Zum Beispiel Donald Trump
Mit den Stichworten egoistisch, selbstlos, ängstlich, harmoniesüchtig, rücksichtslos, immer auf den eigenen Vorteil bedacht, zwanghaft pedantisch, grossspurig oder streitsüchtig bezeichne man einen schwierigen Charakter. Haller schilderte den Anwesenden den Werdegang des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der bereits als Kind die Prinzipien seines Vaters wie Disziplin und Gehorsam verinnerlichte. Als Trump mit dreizehn Jahren in das überaus strenge militärakademische Internat eintreten musste, erlebte er hautnah den Sozialdarwinismus, was soviel hiess wie gewinnen oder verlieren in sozialer, ökonomischer oder auch in moralischer Hinsicht. «Der Verlierer ist bedeutungslos, der Gewinner ist voller Bedeutung», so wuchs Trump auf. Zum Sozialdarwinismus gehören auch Thesen wie gute und schlechte Erbanlagen, die entweder gefördert oder ausgelöscht werden müssen.

Zerbrochenes Selbstwertgefühl
Aufgrund schwieriger Charaktereigenschaften sei der Weg zu einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung nicht mehr weit, ist Haller überzeugt. So gebe es auch gesellschaftliche Entwicklungen, wie beispielsweise Arbeitslosigkeit, Armut, Rollenverständnis Mann und Frau, Bildungschancen, Geldprobleme, Solidarität und Endsolidarisierung, kapitalistische Wirtschaftsausrichtung, soziale Verantwortung, Materialismus, Idealismus, Verantwortung und Verantwortungslosigkeit, die eine narzisstische Persönlichkeitsentwicklung unterstützen können. Haller ist überzeugt, dass mit einem bedingungslosen Grundeinkommen Spaltungen verhindert und gesellschaftliche Entwicklungen verbessert werden könnten. «Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung haben ein zerbrochenes Selbstwertgefühl und wollen dies unter keinen Umständen zeigen», sagte der Oberarzt engagiert. Das Grundbedürfnis eines jeden Menschen sei ein positives Ansehen, Liebe und Wertschätzung zu erfahren. Menschen haben das Bedürfnis im Leben anderer Personen eine Rolle zu spielen und wollen, dass eine andere Person zu einem steht, hilft, unterstützt und schätzt.

Zwischen Grandiosität und schamvoller Zerknirschung
Die narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS) zeichnet sich durch einen Mangel an Empathie, Überschätzung der eigenen Fähigkeiten und gesteigertes Verlangen nach Anerkennung aus. Typisch ist, dass die betroffenen Personen übermäßig stark damit beschäftigt sind, anderen zu imponieren und um Bewunderung für sich zu werben, aber selbst kein zwischenmenschliches Einfühlungsvermögen besitzen und keine emotionale Wärme an andere Menschen zurückgeben. Narzisstische Persönlichkeiten weisen deutliche Probleme bei der Anpassung an ihre Lebensumstände und an ihr Lebensumfeld und in der autonomen Regulierung des Selbstwertgefühls auf. Der übermäßige Geltungsdrang kann entweder selbstsicher in Szene gesetzt oder schüchtern verborgen werden. Dementsprechend können Betroffene arrogant auftreten oder sich bescheiden geben. Pathologischer Narzissmus kann sich sowohl durch Prahlen und Hochstapelei äußern wie auch durch unersättliche Ansprüche und Erwartungen. Menschen mit einer NPS neigen dazu, Personen in ihrem unmittelbaren Umfeld – besonders Sexualpartner und Kinder – emotional zu missbrauchen, um dadurch den eigenen Selbstwert (ihr «Ego») auf Kosten anderer zu erhöhen. Andere Formen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind gekennzeichnet durch eine Instabilität des Selbstwertgefühls bis hin zu einer Bipolarität des Selbstwertgefühls, das zwischen Grandiosität und schamvoller Zerknirschung pendeln kann, oder durch eine im Inneren chronisch schwelende Wut, die schon bei geringem Anlass explodieren kann (vor allem bei Kritik oder subjektiv empfundener Kränkung. Schliesslich sprach der Oberarzt über das Krankheitsbild Borderline, das oft eine drei bis sechsjährige Psychotherapie mit sich bringe.