Ein Blick durch das Schaufenster des kleinen Ladens an der Hauptstrasse «im Dorf» in Oberbüren zeigt zwei Männer, die miteinander reden. Der eine mit einem roten Motorradanzug gekleidet, der andere Mann ist gross und trägt ein Hemd. Im Ladeninneren brennt ein rosafarbenes Licht. An der Verkaufstheke sind nur eine Kasse und eine Fleischschneidemaschine zu finden. Die Auslagen mit den schwarzen Tellern sind noch leer. Auf kleinen schwarzen Tafeln sind mit weisser Kreide die Produkte, die im Angebot stehen, beschriftet. Rindsgeschnetzletes. Spiessli. Schweinssteak. Bratwurst. Cervalat. Um nur wenige zu nennen. Nur im Hintergrund hängen rund zwei Dutzend frische getrocknete Wurstpaare. Die beiden Männer bemerken den Besuch, nicken freundlich und nach wenigen Sätzen beenden sie ihr Konversation. «Ciao Dani, dann bis nächste Woche zur grossen Eröffnung», sagt der Töfffahrer und winkt zur Verabschiedung beim Eingang.

Daniel Bösch gibt zu, stolz auf seinen Laden zu sein. «Den Traum von einer eigenen Metzgerei verfolge ich auch schon seit Jahrzehnten», sagt er. Die vergangenen Monate habe er gemeinsam mit seiner Ehefrau viel Leidenschaft und Arbeit in die Räumlichkeiten der Metzgerei und das Konzept hineingesteckt. Zur Begrüssung schüttelt er nicht die Hand. Wegen des Coronavirus. Seinen Besuch heisst er mit einem freundlichen und warmen Lachen willkommen. Im Hintergrund sind – nicht laut, aber deutlich – Radionews zu hören. Der Bundesrat berichtet über die verschärften Massnahmen, um die Ausbreitung des neuen Virus zu verlangsamen. Lang habe er auf den Tag der Eröffnung hingearbeitet und -gefiebert. «Wegen der aktuellen Lage des Coronavirus verlege ich die Eröffnung für die Dorfbewohner um einen Tag vor», erzählt Bösch.

Die offizielle Eröffnung findet am Donnerstag, 19. März, statt. Mit den neuen verschärften Massnahmen des Bundesrats im Kampf gegen das Coronavirus werde die Durchführung der Eröffnung eine Herausforderung. Im Moment wisse er noch nicht, wie er das organisieren solle. Auf die Frage, ob er sich fürchtet in Zeiten der Corona-Krise, in der andere Läden geschlossen bleiben müssen und die Bevölkerung Menschenmassen meidet und damit die Lebensmittel auch online kauft, eine Metzgerei zu eröffnen, meint Bösch klar: «Nein, im Gegenteil.» Gerade weil die Mensch nicht scharenweise eine lokale Metzgerei betreten und in naher Zukunft einige auch die Supermärkte wegen den grossen Menschengruppen meiden werden. «Viele werden wahrscheinlich das Kleine und Feine zu schätzen wissen», so Bösch, der im unteren Toggenburg aufgewachsen ist und heute in Zuzwil lebt. 

 
Daniel Bösch über seinen neuen Lebensabschnitt. (Video: Magdalena Ceak)

Karriere für ein neues Kapitel beendet

Das Logo, welches am Schaufenster klebt und an der Fassade des Gebäudes befestigt ist, ist minimalistisch. Der rote Buchstabe «B» schlingt sich durch zwei scharfe Messer. Darunter steht mit weisser und roter Schrift «Metzgerei Bösch». So einfach das Logo auch ist, fällt es trotzdem auf. «Genau das wollte ich», betont Bösch. Einfach. Modern. Hochwertig. Unkompliziert. So sollte es laut Bösch sein. «Das will ich auch meinen Kunden hinter der Fleischtheke anbieten.» Sein Flyer, den Bösch seit Wochen verteilt, mit einem Bild eines gebratenen Filetstücks wird mit einem Slogan ergänzt, der passender nicht sein könnte: «Es isch agrichtet. Ab i d’Hose».

Die Entscheidung, seine Karriere als Schwinger zu beenden, ist Bösch nicht leicht gefallen. «Nach 24 Jahren im Schwingsport, in dem ich viele Hochs und Tiefs erlebt habe, war das ein grosser Schritt.» Er sei aber für ein neues Kapitel in seinem Leben bereit und denke, dass der richtige Zeitpunkt für die Selbstständigkeit gekommen sei. «Wie sagt man so schön?», fügt Bösch weiter an, «man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist». Während den letzten zwei Jahrzehnten hat der 32-Jährige mehr als 100 Kränze erschwungen. Er holte sich beispielsweise vergangenes Jahr am eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Zug einen Kranz. Ebenfalls im Jahr 2019 siegte er auf der Schwägalp. Sein grösster Sieg war das Unspunnenfest im Jahr 2011 in Interlaken.

Die Vorstellung von einer eigenen Metzgerei hätte ihn nie los gelassen. Offiziell wollte Bösch seine aktive Karriere am 26. April am Toggenburger Verbandsschwingfest beenden. Dieses fällt wie alle anderen Veranstaltungen in der Schweiz dem Coronavirus zum Opfer. Wann wird Bösch zum letzten Mal im Sägemehl zu sehen sein? «Im Moment bin ich noch zu sehr mit der Vorbereitung für die Eröffnung der Metzgerei beschäftigt und konzentriere mich nur auf das», so Bösch nur wenige Stunden vor dem grossen Tag in seinem neuen Lebensabschnitt.