An diesem sonnigen Frühlingsnachmittag sitzt er auf der Terrasse eines Restaurants in der Nähe des Stadtweiers in Wil. Vor ihm steht eine kleine Espresso-Tasse. Er erzählt, dass er stolz ist. Stolz, dass man ihn in der Stadt Wil liebevoll «Entenvater» nennt. Das schmeichle ihm und er finde diesen Titel schön. Er nimmt einen Schluck vom bestellten Kaffee. Er legt eine kurze Pause ein, so als denkt er darüber nach, was er als nächstes sagen möchte. Von der Terrasse aus wirft er einen kurzen Blick in Richtung Weier. Er liebt Vögel, weil er mit ihnen aufgewachsen ist. Sein Vater hatte einst eine Volière mit den verschiedensten Vogelarten. Wieder nimmt er einen Schluck Espresso. Fragt sein Gegenüber dann freundlich, ob er am Tisch rauchen darf. Das, was er über Vögel weiss, hat er sich über die letzten Jahrzehnte angeeignet.

Seit 21 Jahren kümmert sich Ernst Weibel um die Enten und Schwäne, die am Wiler Stadtweier leben. Er füttert sie täglich. Er pflegt sie, wenn sie verletzt sind. Er kommt bei Notfällen vorbei und achtet auf ihre Sicherheit. Das alles tut er im Auftrag der Stadt. Als Geflügelwart. «Zu diesem Job gehört eine grosse Portion Leidenschaft», so Weibel. Denn er tut dies nebenberuflich. Geht es einem seiner Vögel einmal nicht gut oder ist verletzt, dann nimmt er diese mit nach Hause. «Ich ‘päpple’ sie dann vorsichtig auf», erklärt er. Denn jedes einzelne Tier liege ihm am Herzen. Neben seiner Tätigkeit als Wiler Geflügelwart, ist der 68-Jährige auch für den Kanton unterwegs: Er kümmert sich noch um alle Singvögel in St. Gallen. Gerade jetzt im Frühling hat er alle Hände voll zu tun.

Grosses Thema: die Fütterung am Weier

Auf dem Steg des Wiler Stadtweiers stehen drei Mütter mit ihren Kindern. Sie geniessen nach dem Mittag einen Spaziergang. Sie beobachten die Enten und Schwäne, die über das Wasser gleiten. Ein Kind will wissen, wie viele Tiere gerade zu sehen sind und beginnt zu zählen. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Ein anderes Kind zupft am Ärmel seiner Mama und fragt nach Brotstücken. Die Mutter zückt aus der Wickeltasche, die am Kinderwagen hängt, einen durchsichtiges Plastiksäckchen. Darin sind Brotstücke in mittelgrossen Würfeln geschnitten. Der Junge klatscht in die Hände, freut sich sichtlich. Entenvater Weibel beobachtet die Szene von weitem.

«Ich kann verstehen, dass es Kindern Spass macht, Tiere zu füttern», sagt Weibel, «dagegen habe ich absolut nichts.» Diese Freude wolle er den Kindern nicht nehmen. Schliesslich sei das ein Erlebnis. Aber der Entenvater hat etwas dagegen, wenn die Tiere permanent gefüttert werden. «Ich habe auch schon gesehen, dass Menschen ganze Säcke voll mit Brot in den Weier gekippt haben», führt er weiter aus. Ganze Brotlaibe sogar. Und dafür habe er absolut kein Verständnis. Das mache ihn wütend. Im Video-Interview erklärt Weibel, warum das Füttern von Enten und Schwänen eigentlich verboten ist.. 

 
(Video: Mykhailo Zinchenko)

«Wenn ich einschreite und die Leute freundlich darauf aufmerksam mache, dass Füttern am Weier verboten ist», erzählt Weibel, «dann reagieren einige Leute wütend, einige werden sogar beleidigend.» Nicht bei jedem stosse seine Sensibilisierung auf Zuspruch. Auf der anderen Seite gebe es viele Wilerinnen und Wiler, die eingreifen, wenn sie etwas Verdächtiges sehen. «Ich kann nicht den ganzen Tag am Weier sitzen und nur beobachten», sagt Weibel, weil es sich um eine nebenberufliche Tätigkeit handelt, kann er nicht immer wissen, was sich auf dem Wasser abspielt. Deshalb arbeite er eng mit den Passanten, der Polizei und dem Werkhof zusammen.

Ein Schwan, der einfach zu Wil gehört

Schimmerndschwarze Federn, ein leuchtendroter Schnabel, ein eleganter, langer Hals: Diese exotische Schönheit – australischer Trauerschwan genannt – findet man auch auf dem Wiler Weier. Dieses Tier ist dafür bekannt, dass es seit Jahren in der Äbtestadt lebt. In Wil wird sogar gemunkelt, dass es sich dabei um eine Schwanenart handelt, die es in der Schweiz sonst nirgends zu entdecken gibt. Der Entenvater zuckt mit der Schulter und zeigt damit, dass er sich nicht sicher ist. «Mittlerweile gehören aber diese Vögel einfach zu der Stadt Wil.» Er wisse aber auch, dass Schwarze Schwäne gerne in Zoos und privaten Volièren gehalten werden.

Der beinahe sterbende Schwan

Mehrere Sekunden vergehen während er an der Zigarette zieht. Mittlerweile redet Weibel nicht nur über seine Singvögel und Weier-Enten, sondern auch über seine zweite grosse Leidenschaft: das Reisen. «Ich liebe es», erzählt er vertieft im Gespräch. Sein liebstes Reiseziel ist Afrika. «Ich bin von diesem Kontinent besonders begeistert, weil mich die offene und herzliche Kultur so sehr berührt», sagt er. Wieder nimmt er einen Schluck von seinem bestellten Espresso. Es scheint, als überlegt er in diesen kurzen Augenblicken, welche Geschichte er als nächstes erzählen möchte. Weibel ist ein Menschen, der weiss, wie er Geschichten interessant erzählen kann.

«An einem kalten Wintertag ist einer der schwarzen Schwäne unter den Springbrunnen gekommen und wurde ganz nass», erzählt Weibel. Wegen der Kälte sei das Federkleid des Tieres komplett eingefroren. Der Entenvater bemerkte das und holte das Tier aus dem Wasser. «Es ist beinahe gestorben», so Weibel. Um das Tier aus seiner Notlage zu retten, fuhr es Weibel zum Werkhof hinaus. Dort wurde der Schwan in einen warmen Raum untergebracht und aufgewärmt. «Nach etwas drei Stunden ging es dem Tier wieder blendend», erinnert er sich an die Geschichte noch heute. In seiner Tätigkeit achtet der 68-Jährige darauf, dass er stetig weiss, was die Tiere brauchen. Schliesslich müsse er seinem Titel Entenvater gerecht werden.