Roger Edelmann sitzt auf der Terrasse und nimmt einen Schluck Mojito. Zu Hause, im «Schiffhaus» an der Fürstenlandstrasse, erzählen seine Frau und Geschäftspartnerin Maja und er von der Zeit, als sie ihr Architekturbüro Arson neu erfanden. Schon während des Studiums habe ihn die vermittelte zeitgenössische Bauweise mit ihrer Obsession mit Funktionalität und Effizienz gelangweilt, sagt Roger Edelmann. «Es geht heute oft nur noch darum, Kilowattstunden zu zählen». Ökologisch bauen? «Natürlich», sagt Edelmann. Aber es sollten nicht nur Minergie-Würfel aus Holz mit wenig Fenstern dabei rauskommen dürfen.

An jener Besprechung in ihrer Wohnung (siehe Teil I) befürchteten sie jedenfalls, mit ihrem eigenen Büro in das abzudriften, was Roger Edelmann «gepflegte Langeweile» nennt. Darunter fallen für ihn auch viele der vorwiegend aus rechten Winkeln bestehenden Gebäude aus Stahl, Beton und Glas, wie sie viele Überbauungen in der Schweiz prägen, gerade in Bahnhofnähe. 

Dass auch auf dem Landhaus-Areal in der Unteren Bahnhofstrasse in Wil in diesem Stil gebaut werden soll, überrascht Roger Edelmann nicht. Weil Projekte von städtebaulicher Bedeutung vor dem städtischen Architektenkollegium bestehen müssen, werde oft nichts Aussergewöhnliches gewagt. Dies liege auch an der auf Konsens ausgerichteten Aufgabe des Gremiums.

Architektur mit Autos und Raketen

Er schätze eben Brüche und Reibungsfläche, sagt Edelmann. Darum gefalle ihm das Haus am Übergang von Oberer Bahnhofstrasse zur Altstadt, in dem der «Feinbeck Dietsche» untergebracht ist und das von aussen aussieht, als wären die Stockwerke Schichten, die übereinander rutschen. «Endlich mal ein mutiges Gebäude», sagt Edelmann. Oft sei Architektur eine ernste Angelegenheit, bei der Werte wie Wahrheit und Echtheit im Zentrum stehen. Edelmann nimmt einen Schluck Mojito. «Ich bevorzuge die Illusion und das Spiel.»


Nach L.A. konnten Roger und Maja Edelmann nicht gehen, (siehe Teil I) also musste L.A. zu ihnen kommen. Und damit nach Wil, wo die Arson AG schon damals ihren Sitz hatte. Von der Rakete im neuen Logo musste der Grafiker beim Relaunch erst einmal überzeugt werden. Inspiration für das Signet waren die Mond-Bände der Comic-Serie «Tim und Struppi» und das «Aufbruchgefühl», das sie vermitteln. Die expressivsten Gebäude aus der Feder von Arson atmen den Optimismus, den Humor, aber auch den verspielten Trash des «Googie», eines in den 1940er Jahren in Südkalifornien entwickelten Stils, der viel Popkultur, aber auch Formelemente von Autos und Raketen in die Gestaltung von Gebäuden einfliessen lässt. 

Die Wohnung in den Schiffscontainern

Eines haben die Arson-Bauten gemeinsam: Sie lassen einen nicht einfach in Ruhe. Man bleibt stehen, ist vielleicht erstmal irritiert, auf den zweiten Blick vielleicht amüsiert. In der Region Wil gibt es viele davon. Uzwil zum Beispiel hat gleich mehrere: die «Giesserei» der Benninger AG mit dem riesigen Bild einer Guss-Szene auf der Fassade, das Einkaufszentrum «Mühlehof» im Zentrum, das Bistro in der «Uzehalle» oder der «Polybau Cube», eine Unterkunft für Lernende der örtlichen Fachschule für Dachdecker und gleichzeitig öffentliches Hotel. Die schuppenartig und schief übereinander geschobenen Blechtafeln bewirken auf der Fassade die illusorische Wirkung wellenförmiger Bewegung. 

Das markanteste Gebäude in Wil aus dem Hause Arson ist vielleicht das «Kraftwerk» hinter dem Bahnhof. Direkt an den Gleisen gelegen ist darin neben dem Architekturbüro der Edelmanns auch ein Fitnessstudio untergebracht. Als kreative «Sparringspartner» für die Ideenfindung hatten sie befreundete Architekten aus Spanien nach Wil eingeladen. 

Passend zum Standort flossen diesmal Motive einer Dampflokomotive in die Gestaltung des Gebäudes ein. Von aussen prägen den Bau hohe Fensterbögen, verchromte Deko-Elemente und ein Keil mit überdimensionaler Sprossenleiter. Schönes Detail im Lokomotive-Kontext: Im Keil mit der Leiter ist der Holzpellets-Tank für die Heizung untergebracht. Die Krone aufgesetzt bekommt das Gebäude schliesslich von einer in zwei gekreuzten Schiffscontainern untergebrachten Wohnung auf dem Dach. Der eine Container schaut über den Rand des Gebäudes hinaus. Leicht schräg, natürlich.