Sie steht hinter der hübsch eingerichteten Bar, die sich im Herzen ihres Ladens befindet. Auf dem minimalistischen Regal stehen Dekorationsartikel. Ausschliesslich schwarze und weisse Gegenstände. Darunter eine schwarz-weiss gestreifte Tasche aus Porzellan. Die Form der Tasche erinnert an die klassische Damenhandtasche Birkin Bag der Modemarke Hermès. «Ja, ich liebe die Farben schwarz und weiss», sagt die Dame, die hinter der Bar steht. An diesem regnerischen Frühlingstag trägt sie ein verspieltes weisses Oberteil, weite Hosen in crémeweiss und eine dazupassende Lederjacke. Ihre grauen Haare sind lässig nach hinten geglättet. Besonders auffällig ist ihre Brille mit dem markanten weissen Rahmen. Ihr Markenzeichen. Denn in der Äbtestadt kennt man sie unter anderem auch wegen ihrer Brille, die sie abwechslungsweise in weiss oder schwarz trägt. «Noch mehr liebe ich die Mode», führt sie weiter aus.

Seit dem Jahr 1999, also seit 21 Jahren, besitzt Luzia Leuenberger, die in Bischofszell im Kanton Thurgau aufgewachsen ist, ihr Modehaus «Va Bene» an der Oberen Bahnhofstrasse 52 in Wil. Das führt sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Kurt Leuenberger. «Als Mädchen habe ich schon davon geträumt, einen Laden in Wil zu besitzen», sagt Leuenberger. Sie nippt an ihrem Espresso, der mittlerweile kalt geworden ist. Den hat sie nämlich schon vor einer Weile zubereitet, aber in der Zwischenzeit vergessen. Weil sie in ihrem Laden wie ein leiser Wirbelwind unterwegs ist. Immer und überall packt sie mit an. Begrüsst Kundinnen und Kunden. Beantwortet Fragen der Angestellten. Weiss, wo welches Kleidungsstück und Accessoire steht. «Warum ich in Wil ein Geschäft besitzen wollte?», wiederholt Leuenberger die Frage. Weil Wil einen ganz eigenen besonderen Charme habe. Zuvor hatte Leuenberger im Jahr 1985 ein Modegeschäft für Herren in Bischofszell und im Jahr 1995 einen Laden in Weinfelden eröffnet. «Das Geschäft in Bischofszell habe ich im Jahr 1999 geschlossen, als ich nach Wil gezogen bin», erklärt Leuenberger, «der Laden in Weinfelden war bis im Jahr 2015 offen.»

Mode – eine Form der Kunst

Eine Kundin betritt das «Va Bene». Eine Kundin, die Leuenberger nur wenige Tage zuvor bei einem Kauf von neuen Outfits beraten hat. Die Frau ist Mama und wünschte sich für den Wiedereinstieg in die Berufswelt ein neues Styling. Sofort merkt Leuenberger, dass mit der Kundin etwas nicht stimmt. Dass sie verunsichert ist, sogar peinlich berührt. Leuenberger entdeckt die Einkaufstasche ihres Ladens in der Hand der Kundin. «Ich muss die Kleider leider alle zurückgeben», sagt sie. Die Ladenbesitzerin fragt, ob mit dem Kleidungsstücken etwas nicht in Ordnung ist. Die Kundin schüttelt den Kopf. Sie betont, dass ihr die Kleider sehr gefallen und ihren Stil unterstreichen. Leuenberger spürt die Verlegenheit, aber auch Scham. «Mein Ehemann möchte nicht, dass ich so zur Arbeit gehe», gesteht die Kundin mit leiser Stimme weiter, «deshalb darf ich sie nicht behalten.»

An diese Szene und Kundin erinnert sich Leuenberger noch heute. «Einerseits habe ich mit der Kundin so mitgelitten», erzählt Leuenberger nach mittlerweile zehn Jahren. «Andererseits war ich schockiert, dass Frauen im 21. Jahrhundert noch so etwas erleben müssen.» Sie habe der Kundin weder freizügige, noch für ein Büro unpassende Kleidung verkauft. Als Inhaberin eines Geschäfts erlebe man so manche Momente mit den Kunden. Leuenberger liege es am Herzen, das Beste aus ihren Kunden herauszuholen. «Bei mir stehen die Verkaufszahlen nicht an oberster Stelle», sagt sie, «sondern, dass die Frauen und Männer sich mit den Kleidern identifizieren können und eine kompetente sowie ehrliche Beratung bekommen.» Sie wolle, dass die Menschen lange Freude an den Kleidungsstücken aus ihrem Landen haben.

«Die Mode und Kleider haben mich schon immer fasziniert – seit ich denken kann», erzählt Leuenberger, die vier Geschwister hat. «In der Familie nannte man mich den Mode-Affen.» Sie habe schon immer die unterschiedlichsten Frisuren ausprobiert. Aus Vorhängen und Leintücher hat sie schon als Mädchen Kleider zugeschnitten und genäht. Heute ist die 67-Jährige überzeugt, dass sie die Affinität zur Mode in die Wiege gelegt bekommen hat. «Weil meine Familie ärmer war, trug ich meistens die Kleider von der Tochter meines Gottis», lässt sie ihre Vergangenheit Revue passieren. Besonders schlimm fand sie früher die Schürzen, die Mädchen tragen mussten. «Die habe ich immer sofort entsorgt und meine eigenen Kleider genäht.» Besonders erinnern könne sie sich an eine weisse Schlaghose, die sie als Oberstufenschülerin selbst genäht hatte. «Der Schnitt stimmte damals hinten und vorne nicht, aber für mich bedeuteten meine eigenen Kleider die Welt», erzählt die siebenfache Grossmutter heute. Erst zu einem späteren Zeitpunkt, als ihre Schwester eine Lehre als Schneiderin absolvierte, lernte sie, worauf sie beim Nähen achten muss. 

 
Luzia Leuenberger spricht im hallowil.ch-Video-Interview über ihre grosse Leidenschaft: die Mode. (Video Mykhailo Zinchenko)

Ehrlichkeit, Ästhetik, freundlicher Umgang

«Bin ich wirklich so interessant, dass die Wilerinnen und Wiler ein Porträt über mich lesen wollen?», fragt Leuenberger am Telefon als die Redaktorin die Mode-Liebhaberin für ein Interview anfragt. Im ersten Moment ist die Ladenbesitzerin skeptisch. Bereits am Telefon wirkt sie bescheiden und bodenständig. Als die Redaktorin das Thema Mode und deren Bedeutung in der Gesellschaft anspricht, entschliesst sich Leuenberger doch spontan für ein Treffen mit der Redaktion. «Ja, ich bin ein offener Mensch», antwortet sie. Diese Offenheit bekommt die Redaktorin auch bei der Begrüssung am Tag des Interviews. «Herzlich Willkommen im ‘Va Bene’», sagt sie freundlich, «in meiner Welt.» Gleich unzählige Male formen sich ihre rot geschminkten Lippen zu einem Lächeln.

Ehrlich in allem, was sie macht und sagt. Sinn für das Schöne im Leben. Guter Umgang mit ihrem Vis-à-Vis. Mit diesen drei Sätzen beschreibt Leuenberger sich selbst und ihr Wesen. «Ehrlichkeit ist etwas, das ich in meinem Leben brauche», erklärt sie. Einerseits sage sie sowohl in ihrem privaten und beruflichen Umfeld immer ihre Meinung, andererseits erwarte sie Ehrlichkeit von ihrem Gegenüber. Ästhetik, also die Lehre der menschlichen Wahrnehmung beziehungsweise des sinnlichen Anschauens, ist etwas, das Leuenberger von Kindesbeinen begleitet. «Ich habe ein Händchen dafür, mich mit schönen Dingen zu beschäftigen, welche die Sinne der Menschen anregen», sagt sie. Und weiter: «Wil ist eine wunderschöne Stadt, aber man könnte noch viel mehr aus ihr machen: beispielsweise die Obere Bahnhofstrasse attraktiver gestalten», sagt sie offen. Dabei spricht sie die Bepflanzung und Gestaltung der Shopping-Meile an. Weil sie ein lebensfroher und positiv eingestellter Mensch ist, ist ihr der gute Ton und ein freundlicher Umgang sehr wichtig. «Ich gehe mit Menschen um, so wie ich wünsche, dass man mit mir umgeht», betont sie.

Gegen das Online-Shopping

Beim Entweder-oder-Fragespiel zeigt Modeliebhaberin Leuenberger, wie entschlossen sie ist. Bei der Frage, ob sie lieber ein kleines Schwarzes oder Hosenanzug anzieht, schiesst ihre Antwort wie aus der Pistole geschossen: «Ganz klar: Hosenanzug.» Dieser strahle eine grössere Selbstsicherheit aus. Zudem sei dieser vielfältiger einsetzbar: Egal, ob mit einer Bluse, einem T-Shirt oder einem Pullover. Auch unten rum könne man den Hosenanzug vielseitig kombinieren – sowohl flache Schuhe als auch Absätze passen zu ihm. «Aber das kleine Schwarze gehört in den Kleiderschrank einer jeden Frau», betont Leuenberger. Sneakers oder Pumps? Hier befindet sich die Ladenbesitzerin in einem Klinsch, wie sie sagt. «Pumps sind femininer und in ihnen laufen die Frauen viel schöner. Sneakers sehen dafür cool aus.» Bei der Wahl zwischen Ohrringen oder einem Hut, wählt sie die Kopfbedeckung. Ein Hut unterstreiche die Persönlichkeit eines Menschen bedeutend. «Für jede Frau und jeden Mann gibt es ein passendes Exemplar», ist sie überzeugt. Ein Hut verändere das Aussehen und werde vor allem von selbstsicheren Menschen getragen. Rock oder Hose? «Definitiv die Hose.» In dieser sei sie viel dynamischer, aktiver und sicherer beim Bewegen. «Manchmal fühle ich mich in einem Rock wieder zu weiblich», erklärt Leuenberger. Bei der Wahl zwischen T-Shirt oder Bluse, nennt sie eine dritte Antwort: «Es ist eine Mischung aus Bluse und T-Shirt.» Sie liebe spezielle und verspielte Oberteile, die sich unterschiedlich kombinieren lassen. Lippenstift oder Nagellack? «Lippenstift! Ohne diesen gehe ich nicht einmal wandern» so Leuenberger. Sie lacht herzlich. Zuckt mit der Schulter. Mit dem Lippenstift fühle sie sich angezogen und frischer.

Für Leuenberger ist Mode nicht nur Kleidung. Nein, Mode ist eine Haltung. Sie ist noch viel mehr: eine Lebenseinstellung. Eine Form der Kunst, wie sie sagt. «Deshalb bin ich kein Fan von Online-Shopping», erklärt Leuenberger. Ein Kleidungsstück müsse man sehen, anprobieren und den Stoff fühlen. Bei einem Kauf im Internet falle das alles weg. Die Mode sei eine Psychologie für sich, die oft unterschätzt werde. Man müsse sich mit Schnitten, Materialen, Stilrichtungen und Trends auseinandersetzen. «Einiges muss zusammenkommen, dass man das passende Kleidungsstück und den idealen Stil für sich findet.»