Obwohl es bereits Abend ist, heizt die Sonne die Terrasse der Wirtschaft «Rössliguet» in Rossrüti noch einmal auf. Während eine Gruppe Stammgäste unter dem halb offenen Zelt sitzt, wählt sie einen Schattenplatz in der Nähe des Restaurant-Eingangs. Sie setzt sich hin, streicht sich mit den Händen durch ihre kurzen lockigen Haare. «Puh, jetzt brauche ich aber eine Abkühlung», sagt sie an diesem heissen Sommertag. Bestellt gleich einen Schweizer Durstlöscher. «Ein Shorley bitte.» In den ersten Momenten redet sie mit ihrem Gegenüber über Rossrüti und «wie schön es ist, hier zu leben». Hier fühle sie sich wohl, hier lebe sie seit zwei Jahrzehnten mit ihrem Ehemann, hier seien ihre vier Kinder aufgewachsen. Dann wartet sie einen Augenblick und fragt dann direkt: «Was möchtest Du denn gerne alles über mich wissen oder von mir hören?»

Wer Ursula Egli begegnet, dem fallen gleich drei Eigenschaften auf: Sie trägt eine auffallende Ruhe mit sich. Wenn sie etwas zu sagen hat, dann fällt sie gleich mit der Türe ins Haus – ihre Antworten sind nicht lang, aber sie kommt gleich auf den Punkt. Und sie lacht viel. «Ja, ich würde von mir sagen, dass ich ein bodenständiger Mensch bin», erzählt sie gleich zu Beginn des Gesprächs, indem es um ihre Lebensgeschichte und ihren politischen Weg geht. Seit sieben Jahren ist sie Mitglied des Wiler Stadtparlaments. Im Jahr 2017 war sie sogar Parlamentspräsidentin und damit erste Rossrütnerin, die höchste Wilerin war. Und seit dem Jahr 2016 ist sie Kantonsrätin. «Warum die SVP?», wiederholt die Wiler Stadtparlamentarierin die Frage. «Bereits mein Vater hat sich für die Anliegen der SVP interessiert – obwohl er nie in der Politik tätig war.» Ausschlaggebend für diesen Entscheid sei für Egli die EWR-Abstimmung im Jahr 1991 gewesen, als das Schweizer Stimmvolk sich für oder gegen einen Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) entscheiden musste. «Auch wenn die SVP immer wieder polarisiert, ist es für mich die einzig richtige Partei», führt die Präsidentin der Wiler SVP-Ortspartei weiter aus. Sie sei davon überzeugt, dass es dies auch brauche.

Von Rüeterswil über Bad Ragaz bis Rossrüti

Nur eine halbe Stunde vor dem Gespräch im «Rössliguet» sitzt Egli gemütlich auf dem SVP-Bänkli oberhalb des Boxloo in Rossrüti. Sie liebe diesen Ort, wie sie erzählt. Hier sei es ruhig. Hier stehen unzählige Mostobstbäume ihres Familienbetriebs. Und man habe eine schöne Aussicht auf die Stadt Wil. «Aktuell muss man aber dafür über die Maisfelder blicken», sagt sie und lacht. Und normalerweise wehe hier immer ein Lüftchen. Aber an diesem Tag sei es fast zu heiss. Aufgewachsen ist die 50-Jährige auf einem Bauernhof in Rüeterswil – oberhalb von Eschenbach. Später ist sie mit ihren Eltern und ihren fünf älteren Geschwistern ins nahegelegene Ricken gezogen. Ihre Oberstufenzeit hat sie in Wattwil verbracht. «Ich habe mich ziemlich früh entschieden Familienhelferin zu werden», erzählt Egli ihre Lebensgeschichte zurück gelehnt auf der Bank, auf der die Wörter «Heimat im Herzen» geschnitzt wurden. «Ich habe ein Helfersyndrom», sagt Egli von sich selbst. Als junge Erwachsene habe sie es aufregend und lehrreich gefunden wochenlang bei einer fremden Familie zu leben, dieser unter die Arme zu greifen und danach zur nächsten Familie zu ziehen. Während ihrer Ausbildung – für diese musste Egli damals das 18. Lebensjahr erreicht haben – lebte sie eine Weile bei einer Familie in Bad Ragaz. «Da hatte ich nur alle zwei Wochen frei und habe meine Heimat und Familie sehr vermisst», erinnert sie sich noch heute. Da der Betrieb direkt neben dem Bahnhof stand, hörte Egli jeweils die Durchsagen. «Als ich durch den Lautsprecher hörte: ,Nächster Zug nach Sargans und Ziegelbrücke’, dann hatte ich immer richtiges Heimweh», erzählt die gelernte Hauspflegerin weiter. Sie sei immer gerne auf Reisen gewesen – so habe sie beispielsweise auch eine Weile in Norwegen gelebt. Aber noch lieber sei sie immer wieder nach Hause gekommen. Das hatte auch damit zu tun, dass Egli ein gutes und enges Verhältnis zu ihrer Familie hatte. «Vor allem meine Schwester und ich durften einen besonderen Status bei unserem Vater geniessen.» 

 
(Video: Mykhailo Zinchenko)

Seit 25 Jahren ist Egli aber nun in Rossrüti sesshaft. Zusammen mit ihrem Ehemann führt sie einen Landwirtschaftsbetrieb oberhalb von Rossrüti mit 24 Hektaren Land. Das Paar, das vier Kinder hat, betreibt Milchproduktion, Obstbau mit Direktvermarktung und eine kleine Schweinemast. «Als ich eine junge Frau war, sagte ich immer, dass ich nie einen Bauern heiraten würde und schon keinen mit schwarz-weissen Kühen», lässt Egli weiter in ihr Leben einblicken. Damals sei sie der Überzeugung gewesen, das Kühe nun einmal braun sein müssten. Dann lacht sie herzlich. Zuckt mit der Schulter. Und fügt hizu: «Sag niemals nie.» Sie nimmt einen grossen Schluck Shorley, lehnt sich dann in den Stuhl zurück und erzählt weiter. Ihr Ehemann Lorenz Egli, der selbst einmal Kantonsrat war, ist ausgebildeter Landwirt und besass schon immer schwarz-weisse Kühe. Wieder lacht Egli. Mittlerweile ist das Ehepaar 26 Jahre verheiratet. Kennengelernt haben sich die beiden in der Landjugend. «Zuerst waren wir eigentlich nur Bekannte», so Egli. Erst später habe es gefunkt. «Während einer Landjugend-Reise in Holland», erzählt die vierfache Mutter, «auf dem Velo.»

Warum die Kandidatur zum richtigen Zeitpunkt kommt

Zurück zur Wirtschaft an der Braunauerstrasse, die Egli ab und zu besucht: Noch immer sitzt die Bäuerin und Politikerin am selben Platz. Das Glas mit der bestellten Shorley ist nur noch halbvoll. Sie zupft an ihrem türkisfarbenem und kurzärmligen Jäckchen, das sie über einem schwarzen Shirt angezogen hat. Sie spricht offen über ihre Kandidatur. «Diese kommt zum richtigen Zeitpunkt», ist die Stadtrats-Kandidatin überzeugt. Der Wiler Stimmbürger wolle eine Veränderung, aber auch die einzelnen Parteien. Sie sei bereit für diesen Schritt und habe die dafür nötigen Ressourcen. «Meine Kinder sind nun erwachsen», sagt Egli. 

Sollte die 50-Jährige am 27. September in den Wiler Stadtrat gewählt werden, wäre das für ihre Partei ein grosser Trumpf: In der Geschichte der Stadt Wil hatte die SVP nie einen Sitz im Stadtrat. «Meine Wahlchancen schätze ich als gut ein», sagt Egli, «von den Wählerstimmen steht uns ein Stadtrats-Platz zu.» Ausserdem sei sie selbst politisch erfahren und wisse, «wo beim Stimmbürger der Schuh drückt.» Auch wenn sie nicht weiss, ob es im Herbst für eine Wahl reichen wird, weiss Egli jetzt schon, welche politischen Themen sie als Stadträtin vorantreiben würde: «Beispielsweise die Entscheidung rund um das Kathi.» Seit über einem Vierteljahrhundert lebt Egli in Rossrüti. Eben solange ist das Kathi ein grosses Thema in der Äbtestadt. «Ich kann es nicht verstehen, dass man hier nicht längstens eine Lösung gefunden hat», kritisiert die Stadtparlamentarierin. In ihren Augen gehe es nicht, dass die Diskussion so weit getrieben wurde und immer noch keine Klarheit besteht, wie es mit dem Kathi weitergeht. «Natürlich geht es um ein gutes Bildungsangebot, auf das die Stadt Wil stolz sein darf», sagt Egli. Und genau das dürfe nicht verloren gehen. Aber irgendwann müsse man «Nägel mit Köpfen» machen. Egli ist davon überzeugt, dass eine Öffnung der Schule stattfinden muss. «Es kann nicht eine reine Mädchensek bleiben», meint sie. Ein weiteres Thema, das der Bäuerin am Herzen liegt: die Zusammenarbeit des Stadtrates. Es müsse ein Gremium sein, dass am gleichen Strick ziehe und zusammen Ziele erreiche. «Ich bin mir sicher, dass ich für dieses Ziel viel dazubeitragen kann», so Egli. Das Gegeneinander im Parlament sei nicht gut und führe nicht zu den Zielen. «Hierfür muss man auch ein Stück weit den eigenen politischen Hut ablegen», sagt Egli. Die Stadt Wil müsse sich weiterentwickeln und man dürfe nicht am Bürger vorbei politisieren. 

Bisher sind die Porträts und Video-Interview über die drei Stadtpräsidiums-Kandidaten Daniel Meili (FDP), Hans Mäder (CVP) und Dario Sulzer (SP) erschienen.