Durch die grossen Fensterfronten kommt besonders viel Licht in die Galerie, die mit unzähligen Kunstwerken ausgestattet ist. Auf dem Sofa sitzt die Geschäftsfrau, welche die Idee zu dieser Galerie hatte. «Wie lange wird der Termin etwa dauern?», fragt sie freundlich. Sofort formen sich ihre rot geschminkten Lippen zu einem Lächeln. «Ich habe eben in zwei Stunden bereits den nächsten Termin», erklärt sie. Dabei zupft sie ihren dunkelblauen Frühlingsmantel mit weissem Blumenmuster zurecht. Sie schlägt das eine Bein über das andere. Klopft die apricot-farbenen Kissen auf dem weissen Sofa zurecht und macht es sich bequem. Sie ist offen, gesprächig und ehrlich. Die Corona-Krise hat ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht, wie sie gleich zu Beginn erzählt. In den letzten Wochen seien kaum neue Güter für Versteigerungen ins Haus gekommen. «Nun habe ich so viele Termine, weil ich nächste Woche im Ausland bei potenziellen Kunden unterwegs bin», erklärt sie.

Seit ihrem 22. Lebensjahr ist Marianne Rapp Ohmann im Familienunternehmen tätig: dem Wiler Auktionshaus «Rapp» an der Toggenburgerstrasse. Das Unternehmen ist nicht nur in der Region bekannt, sondern schweizweit, aber auch international. Denn «Rapp» gehört zu den weltweit führenden Auktionsunternehmen für Münzen, Schmuck, Uhren, Briefmarken und Luxushandtaschen. Seit die gelernte Bankkauffrau im Jahr 1997 in das Unternehmen eingestiegen ist, führt sie es gemeinsam mit ihrem Vater Peter Rapp, der vor bald 50 Jahren das Wiler Auktionshaus ins Leben gerufen hatte. Doch wie ist es, wenn zwei verschiedene Generationen zusammen an der Spitze sind? «Wir ergänzen uns perfekt», sagt Rapp Ohmann und lacht herzlich. Zumindest sei das heute so. Früher seien vor allem am Anfang die Fetzen geflogen. «Meistens wegen mir», gesteht die heute 43-Jährige. «Mit 22 Jahren war ich so, wie junge Menschen eben sind», führt sie weiter aus, «ich wollte meinen Kopf durchsetzen und dass alles so läuft, wie ich es mir vorstellte.» Heute sei sie viel ruhiger und gelassener – das wiederum sei mit der Erfahrung und Reife gekommen.

Dass sich Rapp Ohmann und ihr Vater so gut verstehen und eben ergänzen, hat ein einfaches Erfolgsgeheimnis: «Jeder macht das, was er am besten kann», meint Rapp Ohmann. Ihr Vater hat das Familienunternehmen mit seinem Fachwissen über Briefmarken aufgebaut. Sie selbst habe sich nie für Briefmarken so begeistern können. «Bei Münzen ist das eine ganz andere Geschichte», ist die überzeugt. So hat sie Schritt für Schritt weitere Luxusgüter ins Auktionshaus geholt: Kunstwerke, Gemälde, Schmuck und Handtaschen. Als Frau liebe sie eben Gegenstände, die funkeln und glitzern. «Die eben einfach schön zum Anschauen sind.» 

 
Marianne Rapp Ohmann im grossen hallowil.ch-Video-Interview. (Video Mykhailo Zinchenko)

Die Welt des Glamour

Während Rapp Ohmann über ihr Leben redet, steht sie plötzlich auf. «Ich hole uns jetzt etwas zu trinken», sagt sie und bietet einen Kaffee und Wasser an. Sie geht zur Bar, die gegenüber des Galerie-Eingangs steht. Während sie dem Besuch das Wasser serviert, beginnt sie von ihrer Kindheit zu erzählen. Sie erinnert sich an so viele Abende, als «Kundenfreunde» – so liebevoll nennt Rapp Ohmann langjährige Stammkunden zu denen die Familie eine Freundschaft pflegt – aus der ganzen Welt im Haus ihrer Eltern zu Besuch waren. Ihre Mama organisierte damals ständig elegante Dinnerpartys. «Sie kochte ununterbrochen Schweizer Spezialitäten», erzählt Rapp Ohmann, die selbst einen 16-jährigen Sohn hat. Dabei kann sie sich an so viele Damen mit den elegantesten Kleidern sowie dem schönsten Dekolleté-Schmuck und die stilvoll in schicken Anzügen gekleideten Männern erinnern. Sie versteht es, Geschichten mitreissend zu erzählen. «Wissen Sie, diese glamouröse Welt der Auktionen ist für viele verführerisch», sagt sie. Alles drehe sich um schöne Gegenstände, Luxus, zufriedene Kunden und viel Geld. «Aber die Bodenständigkeit war meiner Familie trotz allem immer sehr wichtig.»

«Ich hatte immer Zugang zu dieser ganz eigenen und speziellen Welt», lässt Rapp Ohmann ihre Kindheit Revue passieren. Das Auktionshaus war immer ein grosses Thema im Zuhause ihrer Eltern. So sei das in einem Familienunternehmen. «Und ja, die Auktions-Branche faszinierte mich schon als kleines Mädchen.» Aber ihre Eltern hätten ihr nie etwas aufgezwungen oder sich in ihren beruflichen Werdegang eingemischt. «Im Gegenteil», sagt sie heute, «es war meine alleinige Entscheidung, dass ich ins Familienunternehmen miteinsteigen wollte.» Trotzdem seien ihre Eltern stolz gewesen, als sie sich zu diesem Schritt entschieden hatte. Nach über zwei Jahrzehnten in der Auktionsbranche kann Rapp Ohmann vor allem erzählen, wie herausfordernd es ist, diesen Berufsalltag und Familie unter einen Hut zu bringen. Sie habe schon immer 100 Prozent gearbeitet. «Ohne die Unterstützung meiner Mutter in der Betreuung meines Sohnes wäre dies nicht möglich gewesen.»

Sie tritt in grosse Fussstapfen

Auf jedem einzelnen Tisch in der Galerie liegen mehrere Hochglanz-Kataloge, die als Produktebroschüre dienen. Denn in jedem einzelnen Buch sind seltene Briefmarken, einzigartige Schmuckstücke wie beispielsweise Halsketten, aber auch wertvolle Uhren zu sehen. Rapp Ohmann nimmt eines der dicksten Kataloge in die Hand und zeigt ihrem Gegenüber die verschiedene Produkte, die noch unter die Leute gebracht werden müssen. Selbstverständlich jeweils für das höchste Gebot. Bevor es aber zur Versteigerung eines Gegenstandes kommt, wird es von Experten geschätzt. Denn nicht jede Anfrage – täglich flattern über ein Dutzend ins Auktionshaus – schafft es in den Katalog. «Jeder Gegenstand, den wir versteigern», sagt die Unternehmerin, «wird fotografiert und ausführlich beschrieben.»

Obwohl Rapp Ohmann seit mehr als zwei Jahrzehnten im Familienunternehmen tätig ist, trat sie erst im Jahr 2018 erstmals als Auktionatorin auf. Denn mit diesem Schritt ist sie in gross Fussstapfen getreten. «Mein Vater ist der geborene Auktionator», schwärmt sie. Bei ihr gebe es aber Verbesserungspotenzial, meint sie. Als ihr Gegenüber das Thema Zukunft und Generationenwechsel im Auktionshaus anspricht, meint die Mutter: «Ich werde es nicht anders als meine Eltern machen: Natürlich würde ich mich freuen, wenn mein Sohn irgendwann miteinsteigt, aber dies von ihm erwarten?» Nein, das wolle sie nicht. Sie wolle ihm die Freiheit lassen, seinen eigenen Weg zu gehen. Ihr 16-jähriger Sohn zeige aber jetzt schon Interesse am Unternehmen. «Er sagt immer: ,Mama, dann mache ich es aber nicht so wie du – sondern viel cooler’», erzählt Rapp Ohmann. Wieder lacht sie herzlich. Er habe angefangen mit dem An- und Verkauf von speziellen und limitierten Sneakers zu handeln. «Die Zeit wird zeigen, ob er auch ins Familienunternehmen einsteigen wird», so die Geschäftsfrau.