Die 34-Jährige sitzt an einem Zweiertisch in der «Focacceria» in Wil. Vor ihr eine Tasse Kaffee. In den Händen hält sie eine Zeitung, die sie weit vor sich ausgebreitet hat. Kurz blickt sie über den Zeitungsrand, wendet wieder ihren Blick weg. Merkt aber binnen Sekunden, dass dies ihre Verabredung ist. Sie faltet die Zeitung wieder zusammen. «Ich dachte, ein Treffpunkt beim Bahnhof ist am besten», sagt sie gleich zu Beginn. Schliesslich reise sie so viel mit dem Zug. Ihre rot geschminkten Lippen fallen sofort auf. So auch ihre Sommersprossen.

Bettina Scheiflinger ist eine Wilerin durch und durch. In der Äbtestadt geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. «Ja, natürlich bedeutet mir Wil sehr viel», sagt Scheiflinger, die mittlerweile viel Zeit in Biel und Wien verbringt. Aus Liebe zum Schreiben hat sie ihre Heimatregion aufgegeben. Seit dem Jahr 2017 studiert sie an der Universität für Angewandte Kunst in Wien Sprachkunst. «Für das Studium in literarischem Schreiben bin ich nach Wien gezogen», sagt die junge Frau. Von knapp 300 Bewerbern wurden in ihrem Jahrgang nur 13 Studenten aufgenommen. «Ganz ehrlich, ich habe nicht damit gerechnet, dass ich die Aufnahmeprüfung schaffe.» Im Moment ist sie wieder öfters in Wil, pendelt aber drei Mal in der Woche nach Biel. Denn dort macht sie gerade einen Austausch am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. «Für mich ist das jetzt eine aufregende Zeit», so die Wilerin.

Wien – zwischen Schreibwerkstatt und Einsamkeit

Schluck für Schluck nimmt sie ihren Kaffee. Nickt ab und an. Hört aufmerksam zu, bevor sie auf die Fragen antwortet. Sie redet gerne und mag es mit Menschen zu kommunizieren. Wer sie erst gerade kennengelernt hat, wird sie als offen und unkompliziert beschreiben. Die Brünette hat an diesem Tag ihre Haare zu einem lockeren Dutt zusammengebunden. Sie trägt goldene auffällige Ohrringe. «Rede ich eigentlich zu viel», fragt sie plötzlich. Dann lacht sie herzlich. Verliert dabei den Faden. «Wo waren wir stehen geblieben?» «Achja, klar. Bei meinem Leben in Wien.» Ihr gefalle das Leben in Wien. Was die Stadt an Kultur biete, sei nicht zu übertreffen. Täglich würden tolle Kulturveranstaltungen organisiert werden. «In Wien ist das Normalität, dass die Menschen regelmässig in ein Theater oder an ein Konzert gehen», sagt sie. Aber in Wien würde sie sich auch manchmal einsam fühlen. «So zwischen Studium und dem Schreiben.» In der österreichischen Hauptstadt habe sie nicht so viele Freunde und Bekannte wie hier in der Schweiz. «Und nicht immer haben die ein Dutzend Menschen, die ich in Wien kennengelernt habe, zur gleichen Zeit wie ich frei», erklärt Scheiflinger. So geht sie dort auch allein ins Theater, in ein Museum oder an eine Lesung. Ihre neuen Freunde in Wien schätzt sie sehr, denn «uns verbindet das Interesse am Schreiben und der Literatur».

Scheiflinger will sich auf keinen Stil festlegen. Es gefällt ihr, verschiedene Gattungen auszuprobieren. Prosa schreibt sie ebenso gerne wie Drama. Auch Hörspieltexte reizen sie und die Beziehung zur Lyrik ist noch zerbrechlich. «Das Schreiben hat mich angezogen, weil ich gerne Dinge festhalte, die ich sehe», so die 34-Jährige. Unterschiedliche Themen müssen durch unterschiedliche Formen niedergeschrieben werden, denkt sie. Ursprünglich hat die Wilerin eine Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen gemacht und war sechs Jahre lang Lehrerin an einer Oberstufenschule. «Ich mag das Unterrichten sehr gerne», sagt Scheiflinger direkt, «und ich weiss, viele fragen, warum ich diesen Alltag als Lehrerin aufgegeben habe». Sie mag Neues. Allem voran liebt sie Herausforderungen. Sie kenne so viele Berufskollegen, die Jahrzehnte lang das Gleiche machen und irgendwann unzufrieden sind. Sie habe verhindern wollen, dass ihr der Beruf verleide. «Heute unterrichte ich noch ab und zu als Aushilfslehrerin. Hauptberuflich habe ich zu einem Zeitpunkt aufgehört, als es mir sehr viel Spass gemacht hat», ist Scheiflinger heute überzeugt. Sie wollte ihre Liebe zum Schreiben professionalisieren. Mit anderen Menschen, die schreiben, in Kontakt treten. Sie habe sich bewusst für diesen Weg entschieden. Kein Wunder, hat die talentierte Wilerin im Jahr 2016 den Schreibwettbewerb der Wiler Poeten gewonnen und im Jahr 2017 das Bick-Atelierstipendium erhalten.

Das erste Theaterstück

Noch immer sitzt sie in der «Focacceria» in Wil. Die Tasse vor ihr ist leer – der Kaffee längst ausgetrunken. Dass man Scheiflinger in letzter Zeit öfters in Wil sieht, hat mit ihrem aktuellen Projekt zu tun: Sie hat das Stück «Der perfekte Preis» für das Momoll-Theater geschrieben, welches am kommenden Samstag (4. Mai) Premiere feiert. «Warum ich das Projekt angenommen habe», wiederholt sie die Frage. Sie spielt mit der silbernen langen Halskette, die sie über ihre schwarze Bluse angezogen hat. «Claudia Rüegsegger, Leiterin des Momoll-Jugendtheaters Wil, hat mir vor einem Jahr angeboten, ihr nächstes Stück zu schreiben», erzählt die junge Schriftstellerin. Irgendwann habe sie die Neugier für ein Theaterprojekt gepackt. Also kontaktierte sie Theaterpädagogin Rüegsegger. Die grösste Herausforderung bei diesem Textprojekt war, den Überblick über den stetig wachsenden Text zu bewahren. «Weil das mein erstes Theaterstück war, musste ich die Figuren und ihr Handeln stets im Kopf und grafisch auf Papier vor mir präsent haben», sagt Scheiflinger. Überhaupt dürfe man die Arbeit eines Theaters nicht unterschätzen. Hinter den Kulissen brauche es so viele Menschen, die mit Leidenschaft anpacken. Bis ein Theaterstück reif sei, brauche es so viel.

Noch bis Juni wird Scheiflinger in Biel studieren. Im Oktober geht es wieder zurück nach Wien. Ihr Bachelor-Studium sollte dann noch ein Jahr dauern. «Ich werde voraussichtlich dann noch nicht fertig sein». Sie lasse sich Zeit und möchte so lange wie möglich von den Schreibseminaren profitieren. «Ich lerne eben sehr gerne», führt sie weiter aus. Mit dem Studium habe sie schliesslich auch den Freiraum, vieles mit dem Schreiben auszuprobieren. Wo sie sich nach dem Studium in Sprachkunst sieht, kann sie noch nicht sagen. «Wahrscheinlich werde ich mich für viele unterschiedliche Projekte begeistern lassen», antwortet sie. Sie könne sich sehr gut vorstellen, wieder einmal für ein Theaterstück zu schreiben.