Die Glatt könnte ein Aushängeschild der Schweizer Gewässer sein. Im Gegensatz zu vielen anderen Flüssen und Bächen ist sie wenig verbaut und fliesst auf weiten Strecken natürlich oder zumindest naturnah durch die Kantone Appenzell Ausserrhoden sowie St. Gallen und mündet bei Oberbüren in die Thur. Doch der Schein trügt. Der Fluss wird stark durch gereinigtes Abwasser belastet, denn noch können die Abwasserreinigungsanlagen (ARA) nicht alle schädlichen Stoffe zurückhalten. Unterhalb der ARA Oberglatt beträgt der Abwasseranteil bei Niedrigwasser beinahe 50 Prozent.

Früher setzten den Schweizer Gewässern vor allem Tenside, Phosphat und Stickstoffverbindungen aus Haushalten und der Landwirtschaft zu. Tote Fische und schaumbedeckte Bäche waren ein gewohnter Anblick. Dank dem flächendeckenden ARA-Netz hat sich die Situation stark verbessert. Dank den Kläranlagen im Einzugsgebiet der Glatt hat sich die Wasserqualität stark verbessert, was sich nicht zuletzt positiv auf den Fischbestand auswirkt. Im oberen Teil des Flusses pflanzen sich heute wieder verschiedene Fischarten fort. Bei einer im Jahr 2017 durchgeführten biologischen Untersuchung wiesen denn auch sämtliche untersuchten Abschnitte des Flusses einen guten bis sehr guten Zustand in Bezug auf Kieselalgen und wirbellose Wassertiere auf. Erstmals überhaupt wurden 2017 in der Glatt bei der biologischen Gewässerqualität die gesetzlichen Anforderungen erfüllt.

Medikamente und Pestizide bereiten Sorgen

Dieser erfreulichen Entwicklung zum Trotz hat der Fluss nach wie vor mit den Folgen des eingeleiteten Abwassers zu kämpfen. Während sich die Situation bei den Nährstoffen verbessert hat, bereiten nun vor allem sogenannte Mikroverunreinigungen Probleme. Das sind Stoffe des täglichen Gebrauchs, die bereits in tiefen Konzentrationen Schädigungen bei Wasserlebewesen hervorrufen können.

Die neue Messstelle in Buechental in Oberbüren, mit der seit 2019 Mikroverunreinigungen lückenlos überwacht und ökotoxikologisch bewertet werden können, zeigt, dass die Glatt an ihrem Unterlauf vor allem durch Stoffe wie Medikamente, Kontrastmittel, Korrosionsschutzmittel, künstliche Süssstoffe und Pestizide belastet ist. Doch mit Hilfe neuer Technologien ist es heute möglich, auch Mikroverunreinigungen aus dem Abwasser zu entfernen. Dazu werden die Kläranlagen mit einer vierten Reinigungsstufe ausgestattet. So auch die ARA Herisau. Sie wurde mit einem Pulveraktivkohle-System aufgerüstet, das seit 2015 in Betrieb ist. Dank dieser Verbesserung gelangen heute deutlich weniger Mikroverunreinigungen mit dem gereinigten Abwasser in die Glatt. Allerdings bewirkt das Abwasser der noch nicht ausgebauten ARA Oberglatt in Flawil, dass die im Oberlauf erzielte Verbesserung fast wieder aufgehoben wird. Das soll sich bald ändern: Die Gemeinden Flawil, Degersheim und Gossau stimmten 2018 mit grossem Mehr einem Kredit zum Ausbau der ARA Oberglatt für insgesamt 20 Millionen Franken zu – der letzte Ausbau liegt rund 20 Jahre zurück. Die Anlage soll mit einer vierten Stufe zur Elimination von Mikroverunreinigungen aufgerüstet werden. Nach den guten Erfahrungen in Herisau sieht auch das Projekt der ARA Oberglatt ein Pulveraktivkohle-System vor. Die Anlage soll im Herbst 2021 in Betrieb gehen. Läuft dann alles glatt bei der Glatt? (gk/red)