Gleich zu Beginn: Es geht nicht darum, das Auszeichnen von ausgezeichneten Leistungen zu kritisieren. Niemandem soll die Freude über erreichte Spitzenresultate vergällt werden. Allemal stecken Einsatzfreude, Ausdauer und meist auch Leidenschaft dahinter. Der Stolz der Betroffenen und ihrer Eltern und Lehrmeister ist verständlich und berechtigt.Tatsache aber ist, dass die grosse Mehrheit von Schul- und Lehrabgängern – meist um die 90 Prozent – nicht zu den Ausgezeichneten zählt. Ihre Ergebnisse werden nicht publiziert. Selber verraten sie sie oft nur den Menschen in ihrer engsten Umgebung. Es ist halt ein Unterschied, ob man auf die Bühne gerufen wird und einem zur erreichten Durchschnittsnote 5.5 gratuliert wird, oder ob man die Prüfung mit einer 4.2 eher knapp bestanden hat.

Unterschiedliche Talent-Ausstattung
Und doch ist manchmal eine 4.2 einer 5.5 ebenbürtig. Natürlich nicht in der Achtung, die dem Spitzenergebnis gezollt wird oder der Türöffner-Funktion, die es für den weiteren Berufsweg hat. Aber die erbrachte Leistung, gemessen an den zur Disposition stehenden Fähigkeiten, kann durchaus gleich gross oder sogar grösser sein.

«Seid keine Bananen»
Diesbezüglich hat mich die Festrede anlässlich der Schlussfeier der industriellen Berufe beeindruckt. Ein ehemaliger Absolvent der Berufsschule, heute Mitglied der Geschäftsleitung eines KMU, forderte die Absolventen auf, keine Bananen zu sein. Bei den Bananen seien nämlich Mutter- und Tochterpflanze genetisch absolut identisch. Damit ermunterte er alle Lehrabgänger, sich so zu akzeptieren wie sind.

Das bedeutet natürlich nicht, sich als Minimalist durchs Leben zu schlagen. Vielmehr sich auf seine Talente und Stärken zu konzentrieren und so im Leben jene Rolle zu spielen, die auf die eigenen Fähigkeiten zugeschnitten ist.

Wertvoll in der Einmaligkeit
Wenn zwei den gleichen Beruf erlernen und den gleichen Abschluss gemacht haben, bedeutet das noch lange nicht, dass ihr Berufsweg parallel verlaufen muss. Weil sich jeder Mensch von jedem anderen unterscheidet, ist es nicht sinnvoll, einen Gleichschritt anzustreben. Eine funktionierende Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass sich jeder Mensch mit seinen Voraussetzungen bestmöglich einbringt. Das gilt natürlich auch für die Wirtschaft und ebenso für jeden einzelnen Betrieb.

Vielleicht wäre es gut, wenn dies an Abschlussfeiern ebenso stark betont würde wie das Lob auf die Spitzenleistungen. Es würde die Mehrheit betreffen.