Eigentlich wollte sie an diesem tropischen Sommerabend ein paar Längen schwimmen gehen. Das tut sie im Moment immer wieder nach einem langen Arbeitstag. Für sie ist das ein wichtiger Ausgleich zu ihrem Berufsalltag. «Ich habe diesen natürlichen Bewegungsdrang in mir», sagt Jutta Röösli, amtierende Wiler Stadträtin und Schulratspräsidentin, während sie zügig in Richtung Leichtathletikbahn der Sportanlage Lindenhof schreitet. Sport sei ein wichtiger Bestandteil in ihrem Leben. Sie liebt aber auch das Wandern, Skifahren und Biken. Noch immer ist ihr Gang zügig, während sie, an diesem Tag sportlich-elegant gekleidet, von ihrer grossen Leidenschaft und ihrem Leben erzählt. «Meinen ersten Kilometerlauf absolvierte ich im Kindergarten», erinnert sich Röösli noch heute. Und weiter: «Ich war Primarschülerin als ich alleine zum Skifahren ging.» Auf der Leichtathletikbahn weht kein Lüftchen und allmählich wird es in der prallen Abendsonne heiss. Dass sie an diesem Abend ihr Schwimmtraining sausen lässt, fällt Röösli nicht schwer. «Auch meine Arbeit als Stadträtin ist eine grosse Leidenschaft», erklärt sie. Für den bevorstehenden Wahlkampf nehme sie sich gerne Zeit. «Schliesslich möchte ich am 27. September wiedergewählt werden.»

Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen, wenn Röösli als Jugendliche nicht eine Lehre als Konstrukteurin absolviert hätte. «Eigentlich wollte ich Lehrerin werden», erzählt sie weiter. Aber weil sie in einer technikbegeisterten Familie – mit einem älteren Bruder und einer jüngeren Schwester – aufgewachsen ist, hat sich das so entwickelt. «Ich hatte keine grosse Freude an meiner Lehre», erzählt sie heute, «aber es lag mir am Herzen, diese Ausbildung bis zum Abschluss durchzuziehen.» Sie habe aber immer davon geträumt mit Menschen zusammenzuarbeiten. «Im Berufsalltag wollte ich andere Menschen unterstützen und mit ihnen Gutes realisieren», sagt Röösli, die in Bad Ragaz aufgewachsen ist. Nach der Berufslehre hat sie sich entschieden, Psychologie am Institut für Angewandte Psychologie in Zürich zu studieren. Heute empfindet sie dies als beste Entscheidung. «Mein Leben hat dann eine komplett neue Richtung eingeschlagen», schildert sie. Dieser Schritt ermöglichte ihr vor allem etwas: die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Menschen. Ab dem Jahr 1992 arbeitete Röösli als IV-Berufsberaterin der Sozialversicherungsanstalt (SVA) des Kantons St. Gallen. «Zehn Jahre habe ich Menschen mit gesundheitlichen Handicaps, die deswegen den Anschluss im Arbeitsmarkt verloren haben, begleitet.» Diesen Menschen bei der Integration zu helfen, das hat die diplomierte Psychologin erfüllt. So war sie unter anderem auch für die Patienten des Rehazentrums Valens und der Klinik Pfäfers zuständig. «Mein Leben hat nach dem Studium diesen Weg eingeschlagen und deshalb bin ich dann nie Lehrerin geworden», so Röösli. 

 
(Video Mykhailo Zinchenko)

Angefangen hat alles im Lindenhofquartier

Unabhängig. Bildungserfahren. Führungsstark. Unkompliziert. Das sind Wörter, die Röösli oft gebraucht, wenn sie von sich und ihren Erfahrungen redet. Eine Frau wie sie, obwohl ziemlich zurückhaltend, ist sehr sichtbar. Einer Menge Menschen fällt sie sofort auf: Eine Frau mit einer zierlich-sportlichen Figur, die ihre Naturlocken ganz einfach frisiert. Mittlerweile sitzt sie auf der Terrasse des Wiler Gasthauses «Rössli» und nippt an einem Glas Wasser. Ein Ehepaar, das etwas weiter weg sitzt, bezahlt seine Rechnung und steht auf. «Ah Jutta, du bist es doch», sagt der Mann. Schnell steigt Röösli in den Smalltalk ein, fragt wie es dem Ehepaar geht. «Bist du schon wegen der Erneuerungswahl nervös», fragt die Frau nach einer Weile. Die Stadträtin schüttelt den Kopf und lächelt dabei. Erklärt, dass sie ihr Bestes gebe und zufrieden mit ihrer Arbeit in den letzten sechs Jahren als Stadträtin ist. «Unsere Stimmen hast du auf jeden Fall», sagt der Mann zur Verabschiedung. Röösli lächelt. Ihr Blick ist leicht verlegen. Aber auch ein bisschen Stolz ist spürbar. Dann erzählt Röösli, dass sie gerne im Lindenhofquartier unterwegs ist. Sie hat sich in den Stuhl zurück gelehnt. Sie ist so in die Erzählung ihrer Lebensgeschichte eingetaucht, dass sie konzentriert mit der weissen Perlenkette rund um ihren dünnen Rollkragenpullover spielt. «Hier hat meine Geschichte mit Wil angefangen, hier bin ich als Neuzuzügerin angekommen», erzählt Röösli weiter. Dafür sei sie dankbar. Wil sei ihre zweite Heimat, ihr Zuhause. 

Ab dem Jahr 2002 wurde Röösli als Leiterin der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung des Kantons St. Gallen angestellt. Spannend, abwechslungsreich und herausfordernd – so beschreibt sie diese Tätigkeit heute. Denn sie war nicht nur im engen Kontakt mit Menschen. Sie bekam auch die Möglichkeit, Projekte zu führen und zu realisieren. Bevor Röösli im Jahr 2014 zur Wiler Stadträtin und Schulratspräsidentin gewählt wurde, war sie Leiterin der Personalentwicklung der Stadt Winterthur. «Beruflich bin ich in Wil richtig angekommen und die Arbeit im Stadtrat bereitet mir sehr viel Freude», erzählt Röösli. Sie sei nicht Lehrerin geworden. Sich aber im Bildungssektor so einbringen zu können, sei für sie genau das Richtige. Sechs Jahre reichen ihr noch nicht aus, um als Vorsteherin des Departements Bildung und Sport aufhören zu wollen. «Ich möchte mindestens noch eine Legislatur weitermachen und etwas bewegen», betont die 56-Jährige. 

Vielfältige politische Anliegen

Wieder nimmt Röösli einen grossen Schluck Wasser. Sie macht eine kurze Pause, bevor sie weitererzählt. Sie ist ein offener Mensch. Antwortet direkt auf jede Frage. Die Art, wie sie etwas erzählt, macht sie zu einer spannenden Persönlichkeit. Sie erzählt viel und Hintergründiges – aber sie ist nicht eine Person, die ohne Punkt und Komma redet. «Ich bin ein Mensch, der sehr neugierig ist und viele Interessen hat», sagt sie über sich. Deshalb seien ihre politischen Anliegen so breit gefächert. Vor allem in der Bildung hat die Stadträtin und Schulratspräsidentin klare Ziele. «Mir ist eine ganzheitliche Förderung der Kinder sehr wichtig», betont Röösli. Bei diesem Gesprächsthema fällt auch schnell das Wort Chancengerechtigkeit. «Alle Kinder müssen nach ihrem Potenzial gefördert werden», ist sie überzeugt. Das schaffe die Schule beispielsweise mit individualisiertem Unterricht und gezielten Forschungsprojekten. «Es geht hier nicht nur um die Wissensvermittlung, sondern auch darum die Sozial- und Selbstkompetenz zu fördern.» Den Schülern müsse man unter anderem auch Teamfähigkeit, vernetztes Denken, autonome Lösungsfindung mit auf den Weg geben. Diese Dinge seien gerade für die Berufswelt bedeutend. «Deshalb setze ich mich dafür ein, dass die Schulklassen in Wil nicht vergrössert werden», führt Röösli weiter aus. Denn so könnten die Lehrpersonen nicht individuell auf die Lernbedürfnisse und Talente der Kinder eingehen und vielfältige Lernmethoden anwenden. Aber auch im Sportbereich setzt sich die sportbegeisterte Stadträtin ein. «Für die Stadt Wil muss das sportliche Angebot weiter attraktiv gestaltet werden – mit niederschwelligen Möglichkeiten für den Individualsport wie beispielsweise Street Workout.», erklärt sie. Die Förderung der Mobilität zu Fuss oder mit dem Velo fliesst für sie in dieses Thema mit ein. Laut der 56-Jährigen braucht es hierfür gut getakteten Busfahrpläne, sichere Velo- und Fusswege und eine Entlastung des Zentrums vom motorisierten Durchgangsverkehr.

Dass sich Röösli für eine Wiederwahl zur Verfügung stellt, war für sie schon länger klar. «In den vergangenen Jahren konnte ich einiges aufgleisen und ich würde gerne auch in Zukunft Neues initiieren», begründet die amtierende Stadträtin. So wurde unter ihrer Federführung der neue Lehrplan «Volksschule» eingeführt. Und auch ein neues lokales Förderkonzept, das der integrativen und individuellen Förderung mehr Bedeutung schenkt. Im Projekt «Schule 2020» wurden wichtige Grundlagen für die Schulraumplanung und eine nachhaltige Oberstufenstruktur erarbeitet. Ihre Wahlchancen schätzt sie deshalb als «intakt» ein. Ihren Vorteil sieht sie darin, dass sie eine parteiunabhängige Kandidatin ist. «So können die Wähler sicher sein, dass ich alle wichtigen Themen offen und sachorientiert angehen kann», erklärt sie.

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Folgende Porträts sind bereits publiziert worden:

Stadtpräsidium:

Hans Mäder (CVP):

 

Daniel Meili (FDP):

 

Dario Sulzer (SP):

 

Stadtrat:

Ursula Egli (SVP):

 

Jigme Shitsetsang (FDP):