Nicole Bosshard singt die Hauptrolle in Donizettis «Die Regimentstochter», Marie. Nach Verdis «La Traviata» bringt MUSIKTHEATERWIL dieses Jahr eine komische Oper und feierte eine begeisternde Premiere. Trotz Krieg und Soldatenlager findet Marie als Findelkind aufgewachsen zu einer glücklichen Begegnung mit Tonio. Es gibt kaum emotionale Tiefschläage.Vor drei Jahren lag Nicole Bosshard sterbend auf dem Boden der Tonhallenbühne, Abend für Abend. Und Abend für Abend starb sie in der Rolle der Violetta weitere Tode: Sie musste ihre Liebe opfern, verlor die Hoffnung auf eine Zukunft, verlor ihr Leben an eine heimtückische Krankheit. Abend für Abend. Am Ende siegte der Tod. Obwohl die Traviata für Nicole Bosshard der ganz persönliche Höhepunkt war, stellt sie klar: «Im Anschluss an die Vorstellungen war ich emotional sehr erschöpft».

Weiblich geworden
Marie, die Regimentstochter, ist dagegen eine junge Frau, die den Wandel aus einer mehr oder weniger unbeschwerten Jugend in die Reife einer erwachsenen Verantwortlichkeit erlebt. Als Findelkind in einer reinen Männerwelt aufgewachsen, wird sie plötzlich mit ihrer adligen Abstammung konfrontiert und muss nun eine Entscheidung nach der anderen treffen.

«Im Beginn des Stückes ist Marie ein burschikoses Mädchen», beschreibt die Wiler Sopranistin ihr Verständnis dieser Figur. Plötzlich lernt sie die Liebe kennen: «Das lässt sie weiblich werden».

Eigenen Weg gehen
Die Rolle der Marie ist vielschichtiger, als man auf den ersten Blick in die Handlung dieser komischen Oper meint. Da ist der Drang eines Teenagers, seine wahre Herkunft kennen zu lernen. Emotionen, die heute bei Adoptivkindern im Alter von 18 Jahren durchaus vorkommen. Und: «Die Entschlossenheit, den Weg zu gehen, den sie als richtig empfindet,
auch wenn sich alle von ihr abwenden und ihr kein Verständnis entgegenbringen.», erläutert Bosshard diese Figur weiter.

In ihrer neuen Heimat ist Marie nicht glücklich, aber das Leben dort ist auch nicht schlecht – wo ist sie bereit, Kompromisse einzugehen, ihrer Mutter zuliebe auf eigenes Glück zu verzichten? «Wer A sagt, muss auch B sagen».

Eigene Marie gefunden
In der Zusammenarbeit mit der Regisseurin Regina Heer haben Nicole Bosshard und Flurina Ruoss, die Zweitbesetzung von Marie, versucht, die Beweggründe hinter ihren Entscheidungen zu verstehen. «Regina Heer zeigte uns immer wieder auf, dass hinter jeder Handlung auch eine Motivation steht, ein Subtext.» Es wurde auch die Abfolge des Stückes geändert, um den Gründen hinter Reaktionen auf die Spur zu kommen.

«Wir haben das Stück weitergespielt, losgelöst von Donizetti, mit unseren eigenen Ideen.», erzählt Bosshard von der Probenarbeit. «Durch die doppelte Besetzung war es möglich, sich jeweils wie von aussen zu betrachten und zu sehen, weshalb wir jetzt so reagieren, wie wir reagieren. Es war sehr spannend und so glaube ich, haben wir, Flurina und ich, gemeinsam mit Regina unsere ganz eigene Marie gefunden.»

Schlichte Musik
Musikalisch war die Partie ring zu lernen, abgesehen von den Texten, die sich als kompliziert erwiesen. «Als ich die ersten Aufnahmen hörte, dachte ich, ups, so viele Koloraturen, das ist heftig.» Aber das Studium des Notentextes überzeugte Bosshard von der schönen Schlichtheit der Musik, was sie in ihrer Interpretation auch beibehielt. «Ich liess Koloraturen immer in der Absicht einfliessen, das Stück schlicht zu halten.» Damit folgt sie auch der Intention von Kurt Koller, der ebenfalls eine mit Verzierungen künstlich aufgeblähte Musik ablehnt.

So kann diese wunderbare Musik Donizettis ihren ursprünglichen Charme entfalten und kommt zusammen mit der Inszenierung von Regina Heer authentisch und unterhaltsam zugleich daher.