1819 richtete Joseph Marin Morel, Tuchhändler aus Savoyen, am Friedtalweg eine mechanische Spinnerei ein. Sie war der erste Industriebetrieb in Wil. Die Familie Müller, ursprünglich aus Mosnang stammend, etablierte sich in Wil als Inhaber des ehemaligen «Hotel Schöntal». Zusätzlich stieg sie in die Textilbranche ein. Laut Chronist Karl J. Ehrat richteten sie an der Toggenburgerstrasse eine erste mechanische Jacquardweberei ein.

Internationale Kundschaft 

Ab 1853 entstand zudem hinter dem heutigen Centralhof nach und nach ein ganzer Industriekomplex. Er entwickelte sich zu einer der grössten Buntwebereien im Land. Die Müllschersche Fabrik beschäftigte in seiner Spitzenzeit 200 - 300 Mitarbeitende. Sie exportierte ihre Produkte bis nach Indien, Japan und Afrika.

Später wurden weitere Textilbetriebe in Wil ansässig, etwa die St. Galler Firma Reichbach & Co, die 1895 in Bahnhofsnähe eine Fabrik mit Schifflistickmaschinen baute. 

Sechsjährige zwischen den Maschinen

Mit der Ausbreitung der Textilindustrie wurde Kinderarbeit immer mehr zum Problem. «In den Baumwollspinnereien arbeiteten sechs – bis zehnjährige Kinder» schreibt Thomas Gull im Historischen Lexikon der Schweiz. Zum Teil waren die Kinder auch jünger. Es kam immer wieder zu Unfällen, die zum Teil tödlich endeten. Bis zu 16 Stunden waren die Buben und Mädchen in schlechter Luft, bei spärlichem Licht und inmitten von gefährlichen Maschinen tätig. Auch Nachtarbeit war damals für Kinder üblich.

Laut Wikipedia sahen sich die entsprechenden Fabrikbesitzer als Wohltäter, weil sie den Kindern eine Möglichkeit gaben um zum Familieneinkommen beizutragen. Dabei waren die Minderjährigen preiswertere Arbeitskräfte als Erwachsene.

Fehlentwicklungen und Bildungsdefizite

Die Arbeit in der Industrie wirkte sich negativ auf die körperliche und die geistige Entwicklung der Mädchen und der Buben aus. Die Kinder waren zum Teil schlecht ernährt, es kam zu Deformationen am Skelett und zu chronischen Krankheiten. Da sie der Schule teilweise oder ganz fernblieben, hatten sie auch Bildungsdefizite. Laut einer Untersuchung von 1819 konnten von 715 arbeitenden Kindern lediglich 455 lesen, 351 ein wenig schreiben sowie 234 etwas rechnen.

Die Behörden reagierten auf diese gravierende soziale Entwicklung. Im Kanton St. Gallen wurde die 1812 Situation untersucht. Dabei kamen die Behörden zum Ergebnis, dass insbesondere in Gemeinden mit Textilbetrieben der Schulbesuch schlecht sei.

Bund wird aktiv

1815 erliess der Kanton Zürich eine Verordnung, die Fabrik- und Nachtarbeit für die Kinder unter neun Jahren gänzlich verbot. Für die Übrigen wurde die tägliche Arbeitszeit auf 12 bis 14 Stunden limitiert. Der Bund untersagte schliesslich 1877 in einem Gesetz die Arbeitstätigkeit für unter 14-Jährige gänzlich. 

Halbtage für den Schulbesuch

Gemäss Verena Rothenbühler und Oliver Schneider, Autoren der neuen Wiler Chronik, nahmen die Wiler Behörden 1844 erstmals Stellung zur Kinderarbeit. Sie vermeldeten, diese gebe es im Bezirk Wil nicht.

Etwas später deuteten sie in einem Schreiben an, bestimmte Tätigkeiten der Textilindustrie würden in Heimarbeit ausgeführt. Diese war oft sehr schlecht bezahlt und ohne Kinderarbeit kaum rentabel. In den Fabriken würden Kinder erst nach Beendigung der obligatorischen Primarschulzeit beschäftigt, teilten die Behörden im Weiteren mit.

1865 schrieb der Gemeinderat, in der Buntweberei Müller würden Kinder erst ab dem zwölften Lebensjahr eingesetzt. Sie erhielten bestimmte Halbtage für den Schulbesuch frei. 

Ob die Kinderarbeit in Wil tatsächlich weniger gravierend war als in anderen Gemeinden, bleibt ungeklärt.