Herr Reichlin, wie und weshalb haben Sie Schreiben für sich Medium entdeckt?

Die Wirkung des Schreibens auf andere bemerkte ich zum ersten Mal, als ich als Schüler der Sonnenhof-Schule in Wil einen Strafaufsatz schreiben musste. Meinem damaligen Deutschlehrer Herr Schmucki gefiel der Aufsatz so gut, dass er in der Schule damit herumlief und den Leuten erzählt, wie toll dieser Text war. Es war natürlich grossartig, eine Bestrafung in ein öffentliches Lob umwandeln zu können. Die Wirkung des Schreibens auf mich ist wiederum etwas anderes, die entdeckte ich erst später, als ich kontinuierlich zu schreiben begann.

Welche Themen beschäftigen Sie beim Schreiben?

Das sagen einem nach meiner Erfahrung die Leser. Kürzlich sagte mir ein Literaturkritiker: "Das Thema all Ihrer Bücher ist ja das Misstrauen." Das wusste ich gar nicht. Aber jetzt glaube ich, dass er völlig recht hat. Es ist aber wohl weniger ein Misstrauen gegenüber anderen Menschen als unseren Wahrnehmungen von der Welt. Natürlich täuschen Menschen andere Menschen, aber am häufigsten täuscht uns unser eigenes Gehirn. Die Buddhisten nennen das «Maya», das Leben in einer selbstkonstruierten Täuschung.

Haben sich die Themen im Laufe Ihres Lebens verändert?

Da müsste ich wieder jenen Literaturkritiker fragen. Ich kann das selbst gar nicht recht beurteilen, denn ich bin eigentlich weniger auf der Suche nach Themen als nach guten Erzählstoffen. Und mit «gut» meine ich durchaus auch «verkäuflich». Man muss ja auch mal ganz sachlich sagen, dass professionelle Schriftsteller erst mal ihre Verleger/innen von einem neuen Buchprojekt überzeugen müssen, denn hier geht es um Vorschüsse aufs Honorar. Und die Verleger/innen möchten Romane verlegen, die ein kommerzielles Potential haben. Die Themen eines Schriftstellers verändern sich also auch mit den Vorlieben der Leserschaft. «Die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter» von Peter Handke zum Beispiel würde heute trotz seiner Qualität kein Verleger mehr drucken, weil es einfach nicht mehr dem Zeitgeist entspricht.

An welchem Text oder welchen Texten arbeiten Sie momentan?

Im Augenblick schreibe ich einen Essay über Liebe im Alter. Mich interessiert die Frage, ob es leidenschaftliche Verliebtheit im Alter überhaupt noch geben kann. Aus biologischer Sicht lautet nämlich die Antwort nein.

Sie leben heute in Berlin, wie kam es dazu?

Berlin ist eine sehr offene und metropolitane Stadt, die einem Zugezogenen sehr schnell ein Heimatgefühl vermittelt. Die Berliner geben einander gegenseitig das Gefühl, in einer tollen Stadt zu leben und am richtigen Ort zu sein. Das erzeugt eine sehr inspirierende, positive Atmosphäre.

Sie haben Ihre Kindheit und Jugend in Wil verbracht, woran denken Sie dabei zuerst?

An die Konditorei Hirschy, wo ich immer die dunkle Helvetia-Torte kaufte. Und an die schöne Verkäuferin im Musikladen Felix, die mir, als ich 15 oder 16 war, die Platte «Deep Purple in Rock» empfahl und mir damit die Welt der Rockmusik eröffnete. Und ich denke an meine Zeit als «Tüüfel», das gefiel mir immer sehr. An die Spaziergänge um den Weiher mit Mädchen, in die ich verliebt war.

Hat Sie Wil in irgendeiner Weise nachhaltig geprägt?

Ich glaube, es macht schon einen Unterschied, ob man in einem Dorf, einer Kleinstadt oder einer Millionenstadt aufwächst. Die Kombination Kleinstadt/kleines Land ist bestimmt in vielerlei Hinsicht prägend. Aber vermutlich sind das oberflächliche Prägungen, die man schnell ablegt, sobald man als Erwachsener selbst den Ort wählt, an dem man lebt.

In welchem Quartier sind Sie aufgewachsen?

An der Bahnhofstraße. Wie das Quartier heisst, weiß ich nicht. Ich kannte schon damals eigentlich nur ein Quartier mit Namen, das Südquartier, das aus irgendeinem Grund einen schlechten Ruf hatte. Und dann gab es natürlich noch die Altstadt, die als exotische und eher noble Adresse galt.

Welche Verbindungen haben Sie heute noch nach Wil?

Eine gute Freundin von mir ist die einzige ehemalige Wilerin, mit der ich noch Kontakt habe, sie lebt aber mittlerweile auch nicht mehr dort.

Überkommt Sie manchmal so etwas wie Heimweh nach Wil?

Dazu ist inzwischen zu viel Zeit vergangen. Es wäre auch merkwürdig, wenn man Heimweh nach einem Ort hätte, aus dem man freiwillig weggezogen ist. Man sollte immer Heimweh haben nach dem Ort, an dem man gerade lebt, finde ich.

Gut zu wissen:

Linus Reichlin, geboren 1957, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Sein in mehrere Sprachen übersetzter Debütroman «Die Sehnsucht der Atome» stand monatelang auf der KrimiWelt-Bestenliste und erhielt 2009 den Deutschen Krimipreis. Der Assistent der Sterne (2010) wurde zum «Wissenschaftsbuch des Jahres 2010 (Sparte Unterhaltung)» gewählt. Der Autor hat bisher über ein Dutzend weitere Bücher veröffentlicht.