Wie den Medien zu entnehmen war, wird das oberste Stockwerk im Derby am Bahnhofplatz in eine Arztpraxis umgewandelt. Der Mitvertrag mit dem Betreiber eines Partyclubs wird 2018 nicht mehr verlängert. Der Gesundheitsaspekt der im Gebäude eingemieteten Arztpraxen vertrage sich nicht mit zerbrochenen Bierflaschen und Zigarettenstummeln im Treppenhaus, begründet die Liegenschaftsverwaltung ihren Entscheid.Rückblende: Im Frühjahr 2012 berichteten die Medien, das Dachgeschoss werde umfassend umgebaut und in eine Diskothek im Lounge-Stil umfunktioniert. Fortan nannte sich das Lokal Sky Club L`etage. Wie er festgestellt habe, vergnügten sich die Wiler Partygänger an den Wochenenden in den Clubs in St.Gallen und in Winterthur, erklärte der damalige Pächter seine Absichten. Er wolle den Feierwilligen vor Ort eine Möglichkeit zum Nachtamüsement bieten, daher das neue Angebot. Sechs Jahre später ist die letzte Facette der wechselvolle Gastrokultur im legendären sechsten Stock Geschichte.

Zunehmender Reiseverkehr
Der Standort des heutigen Derby-Gebäudes ist gewissermassen eine Art Spiegelbild für den Wandel des Zeitgeistes. Als Wil 1855 einen eigenen Bahnhof bekam, waren auch Verpflegungsmöglichkeiten für Wartende und Durchreisende gefragt. Der damalige Gemeinderat stimmte 1876 einem Gesuch zur Eröffnung einer Tavernenwirtschaft „Zum Bahnhof“ zu. 1901 wurde sie zu einem Hotelbetrieb erweitert.

Überwältigender Eindruck
Wenige Jahre später wurde der Namen in „Hotel Bahnhof Terminus“ ergänzt. Es bestand bis 1955. An seiner Stelle wurde das „Hotel Derby“ errichtet, das im Frühjahr 1959 seinen Betrieb aufnahm. An der Fassade waren Flaggen aus verschiedenen Nationen aufgereiht, deren Landsleute man gerne einquartierte. Der Neubau bewegte.

Guido Bünzli ist Präsident des Quartiervereins Wil West. Er ist im ländlichen Eschlikon aufgewachsen. Als kleiner Bub fuhr er mit der Bahn in Begleitung seiner Mutter nach Wil zum Zahnarzt. „Ich erinnere mich noch genau, wir kamen die Treppe von der Bahnunterführung hoch.“ Da fiel sein Blick auf das neue Derby-Gebäude: „Ich rief ungläubig, wow, dass man so ein hohes Haus bauen kann. Ich war damals völlig überwältigt.“ Heute wohnt Guido Bünzli neben dem Alleeschulhaus, in Sichtweite des Derbys. „Noch heute muss ich jedes Mal an jene eindrückliche Erfahrungen denken, wenn ich das grosse Haus sehe.“

Breites Angebot
Der mehrgeschossige Bau umfasste damals gemäss dem Buch „Gastliches Wil“ von Willi Olbrich 22 Gästezimmer, eine Snack Bar, ein Stadtrestaurant, ein Tea Room, ein Restaurant francais „Dauphin“ im 6. Stock mit Bar und Dachterrasse sowie eine Kegelbahn im Untergeschoss.

1963 kam das Kino „Studio Derby“ hinzu. 1964 öffnete ein Dancing mit Bar im ersten Stock, es hiess „Carrousel“. Vier Jahre später wurde die Kegelbahn im Untergeschoss in die Diskothek „Rave Club“ umgewandelt. Später wurde aus dem gehobenen Speiselokal im Dachgeschoss der „Nightclub Penthouse“.

Neue Funktion
1983 wurde das Gebäude umgebaut und sein Konzept geändert. Die Hotelzimmer wurden aufgehoben, an ihre Stelle traten Anwaltskanzleien und Arztpraxen. Im 1.Stock öffnete das Restaurant „Allegretto“ mit einer italienisch orientierten Küche seine Türen.

Jahre der Hochkonjunktur
Die Eröffnung des neuen Hotels Ende der fünfziger Jahre fiel in eine Zeit, in der die Bäume und die Häuser in den Himmel zu wachsen schienen. Nach entbehrungsreichen Nachkriegsjahren begann die Wirtschaft zu boomen. Um den grossen Bedarf an Arbeitskräften zu decken, wurden in Südeuropa massenhaft Gastarbeiter angeworben. In den Kinos und in den Illustrierten erfuhr das Publikum von einem anderen, mondänen Lebensstil, der den biederen Schweizer Alltag kontrastierte.

Beispielsweise heiratete unter grosser medialer Aufmerksamkeit 1956 die Hollywood-Schauspielerin Grace Kelly Fürst Rainer von Monaco mit viel Pomp und Glamour. Die Illustrierten berichteten damals auch mit farbigen Bildern von einer neuen vergnügungssüchtigen Gesellschaftsklasse, die als Jet-Set bezeichnet wurde und sich kaum um gesellschaftliche Konventionen kümmerte.

Prestigeprodukte
Wer damals in den einsetzenden Jahren der Hochkonjunktur mit guten Geschäftsabschlüssen vermögend wurde, trank an der Bar Whisky, baute sich einen Bungalow mit Swimmingpool und kaufte sich einen Chevrolet, ein Oldsmobile oder einen Opel Kapitän.

Ein US-amerikanisch geprägter Lebensstil hielt Einzug. Man rauchten Zigaretten die einen englisch klingenden Namen trugen. Und auch manche Frauen griffen damals neuerdings zum Glimmstängel. Rauchen galt als chic. Es waren die eher zweifelhaften Auswirkungen der damals einsetzenden Emanzipation der Frau.

Die grosse weite Welt lockt
Mädchen träumten davon Hostess und Buben Pilot bei der Swissair zu werden. Flugreisen galten damals als exklusiver Luxus mit einem Service auf Fünf Sterne-Niveau. Erst mit der Einführung des Jumbo Jets Anfang der siebziger Jahre wurde das Fliegen auch für Personen mit Angestellten-Einkommen erschwinglich, der Riesenflieger konnte wesentlich mehr Passagiere befördern, dadurch sanken die Ticketpreise.

Ölkrise
Aus Geschäftsführern wurden damals Manager. Sie machten bei üppigen Businesslunchs ihre Abschlüsse und setzten die Unkosten auf die Spesenrechnung. Nach der Ölkrise in den siebziger Jahren verschwanden die voluminösen Autokarosserien mit ihren üppigen Schwanzflossen. Ihre dumpf blubbernden Motoren wurden plötzlich als Spritfresser gebrandmarkt.

Nachtbar
In der Bar des Dachgeschosses des Derby trafen sich Nachtschwärmer mit Damen, die sich gerne zu einem Glas Champagner einladen liessen. Manche sprachen mit einem osteuropäischen Akzent. Derweil schauten die übrigen zuhause zusammen mit ihrer Familie `Doppelt oder nüt` mit Mäni Weber, `Teleboy` mit Kurt Felix, `Einer wird gewinnen` mit Hans-Joachim Kulenkampff , `Wünsch dir was` mit Vivi Bach und Dietmar Schönherr oder `Am laufenden Band` mit Rudi Carell.

Discolokal
Das jüngere Publikum suchte in den Abendstunden das Untergeschoss des Derbys auf. Es surfte dort auf den wechselnden Wellen der Discowelt mit. Dem Dach- wie dem Kellergeschoss des Gebäudes haftete damals ein Mythos des Verruchten an. Dies machte sie für die einen zum geheimnisumwitterten Anziehungspunkt, und für die anderen zum gefürchteten Sündenbabel. Gerüchte, Fantasien und Fakten schäumten wie eine zu schnell geöffnete Champagnerflasche über.
Rebellische Jugend
Wo heute Schleckmäuler im `Eiscafé Enrico` aus einer grossen Auswahl aus Glacésorten auswählen können, traf sich in den siebziger Jahren die unangepasste Wiler Jugend in der verrauchten leicht schummrigen `Derby Snackbar`. An den Männern unter den Gästen hatten die Coiffeure damals wenig zu verdienen. Manche Eltern verboten ihren Töchtern und Söhnen strikte den Besuch dieser Gaststätte.

Kleine Welt des Derby
Junge Frauen und Burschen aus den umliegenden Landgemeinden, die in der Äbtestadt eine Berufslehre absolvierten, sammelten dort staunend ihre ersten Erfahrungen mit dem etwas städtischer geprägten Leben.
So gesehen, war das Derby ein Ort, wo die einen hofften, die grosse weite Welt würde dort zu Gast sein; und andere gleichzeitig vom Aufbruch in die grosse weiten Welt träumten.