Es ist der 19. März 2020 als Brigitte Schläpfer mit ihrem 18-jährigen Sohn den letzten Flug nach Spanien nimmt. Im Flugzeug merkt man noch nichts von der bevorstehenden Corona-Krise, denn die Flugbegleiterinnen der Swiss tragen keine Schutzmasken. Erst am Flughafen in Sevilla ist das Ausmass des Corona-Virus in Spanien spürbar. Jeder trägt eine Maske und Plastikhandschuhe. An jeder Ecke steht ein Polizist, überwacht das Treiben in den Hallen des Flughafens und kontrolliert ob der Sicherheitsabstand von den Reisenden eingehalten wird. Die Menschen sind zurückhaltend, ignorieren ihre Umgebung. Auch in der Metro und im Zug ist die Unsicherheit der Menschen erkennbar. Brigitte Schläpfer beobachtet, wie die Menschen einander nicht einmal mehr anschauen. Ein untypisches Verhalten für die Spanier, die sich normalerweise im öffentlichen Verkehr auch mit Fremden unterhalten und sich füreinander interessieren. In Córdoba angekommen, wartet sie, dass ihr Ehemann sie abholt. Vergebens. Da es sich um keinen Notfall handelt, darf er sich nicht in Öffentlichkeit bewegen. Die Polizei verhängt hohe Bussen bei Nichteinhaltung der Massnahmen im Kampf gegen das Coronavirus. 

So beschreibt Brigitte Schläpfer ihre letzte Reise aus der Schweiz in ihre Wahlheimat Spanien. «Die Corona-Krise ist in Spanien bedeutend spürbarer als in der Schweiz», erzählt Brigitte Schläpfer, die abwechselnd ein halbes Jahr in Wil und ein halbes Jahr im andalusischen Montoro verbringt. In Wil führt sie eigene Praxis für Traditionelle Chinesische Medizin. Mit ihrem Ehemann Roger Schlüpfer, ein ehemaliger Bankangestellte, und ihren drei Kindern Lilian, Olivia und Dominic ist sie im Jahr 2013 ausgewandert. «Wir wollten uns wortwörtlich den Wind aus den Segeln nehmen», erzählt Brigitte Schläpfer die Lebensgeschichte ihrer Familie. Das Ziel der Auswanderung: stressfrei leben und mehr Zeit für die Familie haben. «Wir wollten einfach entschleunigen», erzählt Brigitte Schläpfer heute. Aber ganz ohne einen Arbeitsalltag wollte die fünf-köpfige Familie nicht auskommen. Also kaufte sie sich eine 200 Jahre alte und heruntergekommene Mühle umgeben von Olivenhainen. Sofort stürzten sich das Ehepaar und die drei Kinder auf ein leidenschaftliches Projekt: Sie bauten das gekaufte Grundstück um und zauberten daraus das Landhotel «Olivetum Colina». 


Corona-Krise im Olivenparadies

In Spanien sind die Schutzmassnahmen im Kampf gegen das Coronavirus – im Vergleich zu der Schweiz – bedeutend schärfer. Wer keinen Notfall hat und nicht Lebensmittel oder Medikamente besorgen muss, darf die Wohnung oder das Haus nicht verlassen. Die Menschen, die sich im öffentlichen Raum bewegen dürfen, dürfen auch nicht mit einer Person aus dem gleichen Haushalt unterwegs sein. Zum Einkaufen fährt Familienvater Roger Schläpfer also seit Wochen alleine. Er darf nicht stehen bleiben, um mit Freunden oder Bekannten, die er zufällig trifft, zu reden. Die Strassen sind leer. Die spanische Bevölkerung darf nicht einmal Spazierengehen oder sich irgendwie sonst draussen sportlich bewegen. Die Orte, die sonst belebt sind, wirken wie Geisterstädte. 

«Wir kennen Menschen, die nun zwei Monate mit ihrer sechs-köpfigen Familie in einer sehr kleinen Wohnung und damit auf engstem Raum verbracht haben», schildert Brigitte Schläpfer die aktuelle Situation in Spanien. Sie selbst wolle und könne sich nicht beklagen. «Die letzten Wochen haben wir als Familie – ausser unsere jüngste Tochter, die einen Sprachaufenthalt in London macht – in unserem kleinen Olivenparadies verbracht», so die Hotelbesitzerin. Für sie gebe es also viel Schlimmeres. Solange die Gesundheit mitmache, habe man keinen Grund zum Jammern. «Von Anfang April bis Ende Juni waren wir komplett ausgebucht», erklärt die Wilerin, «nun fallen uns die kompletten Einnahmen weg.» 80 Prozent ihrer Gäste kommen aus der Schweiz, zehn Prozent aus Deutschland sowie Österreich und weitere zehn Prozent sind Reisende aus allen möglichen Ländern der Welt. Selbstverständlich vermisse sie es, Gäste zu empfangen und zu bedienen. «Aber das sind nur kleine Probleme und wir können an der aktuellen Situation nichts ändern.» Es gebe Familien, denen es viel schlimmer gehe. Familien, die ein todkrankes Familienmitglied nicht im Spital besuchen dürfen. Familien, die kaum über die Runden kommen und um ihre Existenz bangen. Finanzielle Hilfe vom Staat gebe es kaum. «Weil das Hotel in unserem Besitz ist, wir praktisch Selbstversorger sind und ausser Strom und Wasser aktuell keine hohen Fixkosten haben, müssen wir nicht um unsere Existenz bangen», erzählt Brigitte Schläpfer offen. Zudem versuchen sie und ihr Ehemann, die diesjährigen Buchungen – wenn möglich – nicht zu stornieren, sonder für den Spätherbst oder für Frühling 2021 umzubuchen. «Das gelingt uns auch, weil wir viele Stammgäste haben.»

Wäre die Familie in der aktuellen Krise nun lieber in der Schweiz? «Nicht unbedingt», meint die Hotelbesitzerin. Nirgends sei es gerade sicherer als im andalusischen Montoro. «Unser Hotel ist so abgeschieden, dass aktuell niemand vorbeikommt», so Brigitte Schläpfer. Deshalb fürchte sie sich auf ihrem Grundstück nicht vor dem Coronavirus. Das hier sei eine heile Welt. «Aber in Spanien würde ich in dieser ausserordentlichen Zeit nicht gerne, ins Spital gehen wollen», führt sie weiter aus. Da sei ihr das Schweizer Gesundheitssystem lieber. 

«Zahmer Tourismus  im Sommer, 

Auf die Frage, ob es dieses Jahr mit den Reisen ins Ausland noch etwas wird, meint Brigitte Schläpfer: «Schwierige Frage.» Sie sei kein Menschen, der einfach Prophezeiungen mache. Vor allem weil man noch nicht weiss, wann die Grenzen überhaupt aufmachen. «Uns nützen die Lockdown-Lockerungen nichts, wenn unsere ausländischen Gäste gar nicht nach Spanien reisen dürfen.» Die Hotelbesitzerin ist überzeugt, dass der wirtschaftliche Druck in den nächsten Wochen massiv steigen und schlussendlich siegen wird. «Ich denke, dass ein zahmer Tourismus im Sommer stattfinden wird und im Herbst dann die Grenzen komplett aufmachen.» Für sich hofft die dreifache Mama, dass sie bereits im Juli wieder in die Schweiz reisen kann. «Denn in den beiden Sommermonaten Juli und August sowie im Winter schliessen wir unser Hotel normalerweise.»

Um die Zukunft ihres Landhotels «Olivetum Colina» fürchtet sich Brigitte Schläpfer nicht. «Unser Konzept gehört zu der Tourismusart, die auch hin Zukunft gefragt sein wird.» Quasi zurück zum Ursprung, Basis, Individualität und der Natur. Für die Unternehmerin steht fest, dass der Tourismus und die Reisenden nach der Corona-Krise ein neues Bewusstsein bekommen werden. «Wie sich der Massentourismus in einzelnen Orten und Ländern in den vergangenen Jahren entwickelt hat, ist meiner Meinung  auch nicht normal», so Brigitte Schläpfer. Nun stellt sich die Frage, vor welchen Herausforderungen der Tourismus, die Hotellerie und die Gastronomie nach dem grossen Lockdown stehen werden. Die Hotelbesitzerin meint, dass man hier zwischen dem städtischen und dem ländlichen Tourismus unterscheiden muss. «Der Hotelier oder die Restaurantbesitzerin in der Stadt stehen vor ganz anderen Problemen als diejenigen auf dem Land», weiss sie. Als Beispiel nennt sie eine kleine Bar, in der höchstens 30 Personen Platz haben. Mit den geforderten Mindestabständen reduziere sich der Betrieb um bis zu zwei Drittel. «So gehen das Ambiente und Vergnügen in einer Bar komplett verloren, wenn sie nur zu einem Drittel gefüllt ist», so Brigitte Schläpfer. Hingegen die Gastronomie und der Tourismus auf dem Land hätten es da leichter. «Wir können ohne Probleme die Mindestabstände einhalten, weil wir auch den nötigen Platz haben, um die Tische auseinander zu ziehen», so die Hotelbesitzerin. Schwarz sehe sie für den Strandtourismus. «Da frage ich mich wirklich, wie das ganze organisiert werden soll», sagt Brigitte Schläpfer, «man kann ja kaum Plexiglas-Häuschen an den Stränden aufbauen.»