Die Sonne strahlte mit den freudigen Gesichtern der Anwesenden an diesem milden und angenehm warmen Sommertag um die Wette. Der Kirchenchor Amriswil stimmte mit teils fröhlichen, teils besinnlichen Liedern auf die bevorstehenden Feierlichkeiten ein. Das Geburtstagskind selbst nahm die freundlichen Gratulationen mit einem verträumten Lächeln entgegen und schien zufrieden und dankbar an ihrem grossen Tag.

Mit dem Eintreffen des Ehrengastes, dem Eschliker Gemeindepräsidenten Hans Mäder, startete der feierliche Festakt. Mäder überraschte die jahrreiche Seniorin mit einem prächtigen Sommerblumenstrauss und liess sich einen kurzen Plausch auf Augenhöhe nicht nehmen, auch wenn er hierfür in die Knie gehen musste. Bei der anschliessenden musikalischen Darbietung einer Corona bedingt reduzierten Delegation des Kirchenchors Amriswil, zu dessen Gründungsmitgliedern Lydia Bürkler zählt, durften die Anwesenden tatkräftig mitsingen – einer Aufforderung, der nicht nur der Gemeindepräsident, sondern auch die meisten Gäste stimmgewaltig folgten.

Energie für zwei Leben

100 Jahre. Ein so hohes Alter zu erreichen, ist die eine, 100 Jahre zu erleben und stets 100 Prozent zu geben, eine ganz andere Geschichte. Die Geschichte von Lydia Bürkler, einer erstaunlichen Frau, einer Art kleinen Pionierin ihrer Generation. Geboren im Jahr 1920 im kleinen Ort Dozwil zwischen Amriswil und Kesswil durfte sie sich in ihrer Kindheit über stets gute Noten in der Schule freuen und war sogar meist Klassenbeste. Ihren grossen Traum, ein Studium der Veterinärmedizin, musste sie den bescheidenen finanziellen Verhältnissen ihrer Familie opfern. 

Dennoch ging sie stets engagiert, gradlinig und mit einer gesunden Portion Ehrgeiz ihren Weg. Als knapp 20-Jährige übernahm sie kurzfristig die Haushaltspflichten auf dem elterlichen Bauernhof, als ihre Mutter viel zu früh verstarb. Nach ihrer kaufmännischen Lehre in einer Schuhfabrikation wechselte sie in einen Auto-Garage-Betrieb in Amriswil und bildete sich in Buchhaltung weiter. Viele Jahre hat sie anschliessend in einer Mineralölfabrik als sogenanntes «Mädchen für alles» – einer heutigen Chefsekretärin entsprechend gearbeitet. Im Jahr 1943 heiratete sie ihre Jugendliebe, einen Jungen, den sie im Ort ihrer Kindheit kennen- und lieben gelernt hatte. Sie schenkte ihm fünf Kinder und wurde trotz ihrer ununterbrochenen Arbeitstätigkeit stets allen Ansprüchen an sie als Berufstätige, Haus- sowie Ehefrau und Mutter gerecht.

Die fürsorgliche Mutter

Hört man Lydia Bürklers Kindern aufmerksam zu, kann man die ungebrochene Wertschätzung und den grösstmöglichen Respekt kaum überhören beziehungsweise die tiefe, gegenseitige Liebe keinesfalls übersehen. Eine fürsorgliche, liebevolle Mutter sei sie stets gewesen, sie hatte und hat Freude an-, Liebe für- und Stolz auf ihre Kinder zu jeder Zeit. Besonders glücklich macht sie der Umstand, dass zwei ihrer Nachkommen sogar einen Doktortitel tragen dürfen. Eine gute, fundierte und solide Ausbildung sei ihr immer ein grosses Anliegen gewesen. 

Aufgrund ihrer berufsbedingten Abwesenheit tagsüber schrieb sie jeden Abend auf der hauseigenen Schreibmaschine für jedes ihrer Kinder sowie für das Hauspersonal Briefe mit Aufgaben für den nächsten Tag. Erst wenn Pflichten wie Schulaufgaben, Haushaltsmithilfe oder sonstige Spezialämtli erledigt waren, durften sie sich den Freuden des Lebens widmen. Doch Lydia Bürkler hatte nicht nur ein offenes Herz und ein offenes Ohr für die Anliegen und Sorgen ihrer Kinder, Familie und Freunde, durch ihr Mitwirken in verschiedensten Vereinen war sie auch stets am Puls der anfallenden Schwierigkeiten und konnte vielfach schnell und unbürokratisch Hilfestellungen leisten. Ihre jahrelange Mitgliedschaft in turnenden Vereinen sicherte ihr mit grosser Wahrscheinlichkeit ihre körperliche Robustheit bis ins hohe Alter, als Gründungsmitglied und jahrzehntelange, treue Sängerin des Kirchenchors Amriswil wurde auch ihre Seele stets berührt und erwärmt.