Es ist 7.31 Uhr als die S12 – Wil Richtung Brugg – an diesem Freitagmorgen in Aadorf losfährt. Eine Frau sitzt in einem kleinen 1.-Klasse-Zug-Abteil mit acht Sitzplätzen. Auf den vier Plätzen gegenüber von ihr sitzen zwei Herren, die mit ihr in Aadorf eingestiegen sind, und unterhalten sich. Sie zieht ihre Brille mit einer Lupe an, denn sie leidet an einer Sehbehinderung, um auf der Kontaktliste ihres Smartphones die Nummer eines langjährigen Freundes zu finden. Denn sie haben gemeinsame Projekte in Nepal und sie möchte die Fahrt im Zug nutzen, um ihn auf den neusten Stand zu bringen. Kurz nach der Abfahrt um 7.52 Uhr in Winterthur telefoniert sie noch immer mit ihrem Bekannten und dann kommt eine Lautsprecherdurchsage, in der über die Maskenpflicht informiert wird. Dann steht einer der gegenübersitzenden Männern auf und berührt sie an der Schulter, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Erschrocken legt sie ihr Handy beiseite und schaut den Geschäftsmann, der in Hemd und Anzug vor ihr steht, verwirrt an. «Die Maskenpflicht gilt für alle», sagt er in einem rauen Ton. «Haben Sie denn eine Kontrollbefugnis?», kontert die Frau sofort. Nun mischt sich auch der zweite Mann ein und meint, dass sie selbstverständlich Sozialkontrollen durchführen dürfen. Nun wird auch die Frau unfreundlich in ihrem Ton. «Dazu haben sie keine juristische Befugnis», weiss sie. Zudem erklärt sie den beiden Herren, dass sie aus medizinischen Gründen von der Maskenpflicht befreit. Sie fühlt sich eingeengt und bedroht. Die Frau wehrt sich, weil sie merkt, dass die Männer anscheinend nicht wissen, dass es bei der aktuell angeordneten Maskenpflicht des Bundesrates auch Ausnahmen gibt. Erst dann beruhigen sich die beiden Herren und ziehen sich zurück. In Stadelhofen steigt die Frau aus. Der Vorfall im Zug beschäftigt sie stark. Auch während ihres medizinischen Muskeltrainings an der Universitätsklinik Balgrist lässt sie das Geschehene immer wieder Revue passieren.

Barbara Müller aus Ettenhausen bei Aadorf ist noch immer geschockt, was sie an diesem Morgen erleben musste. «Einerseits finde ich es dreist, dass mich überhaupt jemand angreift, weil ich keine Maske trage», erklärt sie gegenüber hallowil.ch bei einem Treffen. Sie habe gute Gründe, warum sie trotz angeordneter Maskenpflicht keinen Gesichtsschutz trage. Sie besitze nämlich zwei ärztliche Atteste, die belegen, dass sie keine Maske tragen könne. Denn Müller leidet unter einer sogenannten Retinitis Pigmentosa – also sie hat eine Sehbehinderung mit dem bekannten Tunnelblick. Mit dieser Sehkrankheit sei sie extrem lichtempflindlich und brauche draussen eine spezielle Sonnenbrille. Ausserdem sei sie extrem hitzeempfindlich und dadurch tränen ihre Augen schnell. Der zweite Grund ist kardiologisch bedingt, denn Müller überlebte im Jahr 2007 eine doppelte zentrale Lungenembolie nur knapp. Wenn sie eben zu heiss hat, dann kommt es zu Kreislaufzusammenbrüchen und Bewusstlosigkeit. Und unter einer Gesichtsmaske würde ihr genau dies passieren. Zudem würde sie mit einer Maske auch eine Atemnot erleiden. «Andererseits muss ich mich nicht dafür rechtfertigen», führt Müller, die auch erfahrene Bergsteigerin ist, weiter aus, «denn es geht schlussendlich niemanden etwas an.» Hätten die beiden Herren sie höflich gefragt, warum sie auf eine Maske verzichtet, hätte sie ihnen ebenso nett geantwortet.

Klare Forderung an die SBB

Gerade weil sich die Ettenhauserin im Zug bedroht gefühlt hatte, ruft sie nach ihrer medizinischen Muskeltherapie und auf ihrer Rückreise die Bahnpolizei an. Müller erklärt einem Angestellten, was vorgefallen ist. Dieser erklärt der ausgebildeten Geochemikerin und Geologin, dass sie sich künftig bei ähnlichen Vorfällen sofort bei der Bahnpolizei melden soll. Müller fühlt sich verstanden und weiss, dass sie beim nächsten Mal mit einem Pöbler nicht diskutieren wird. «Sollte beim nächsten Mal keine Bahnpolizei in der Nähe sein, werde ich die Polizei über die Nummer 117 einschalten», informiert sie den Herren der Bahnpolizei, der ihr rät, auch den Kundendienst der SBB zu kontaktieren. Denn Müller weiss, dass das eigentliche Problem bei der Durchsage in den Zügen liegt. «Diese ist nicht vollständig», schiesst ihr durch den Kopf. Sie ruft umgehend bei der SBB an und schildert ihr Anliegen. 

«Ich habe einer Kundendienstmitarbeiterin erklärt, dass die SBB die Lautsprecheraussage mit dem Hinweis, dass es bei der Maskenpflicht Ausnahmen aus medizinischen Gründen gibt, ergänzt werden muss», erzählt die Thurgauer Grossrätin. Denn die aktuelle Durchsage könne eben zu Missverständnissen führen, weil nicht alle gleich gut über die Maskenpflicht informiert seien. Mit ihrem Anliegen hat Müller bei der Kundendienstmitarbeiterin aber auf Granit gebissen. Nach Angaben von Müller war die Frau nicht so verständnisvoll wie die Bahnpolizei. «Sie war richtig unfreundlich», erzählt sie weiter. Die Kundendienstmitarbeiterin meinte nur, dass die ÖV-Nutzer diese Information auch in der Verordnung der Maskenpflicht nachlesen könnten. «Danach hat die Kundendienstmitarbeiterin einfach aufgelegt», sagt Müller. Und genau das ärgert sie so. Deshalb hat sie als Fahrgast klare Forderungen an die SBB:

 
Barbara Müller erzählt von ihren Erfahrungen mit der Maskenpflicht im ÖV. (Video Magdalena Ceak)