Jedes Jahr herrscht in der Wiler Altstadt das gleiche Bild: Er steht aufrecht und prächtig, mitten auf dem Hofplatz, streckt seine Arme selbstbewusst aus. So wohlduftend in seinem ewig grünen Kleid, hochgewachsen und dem kalten Novemberwind trotzend steht der erhabene Wiler Christbaum jedes Jahr ab Ende November. Es ist nicht immer dieselbe Tanne wie in dem Jahr zuvor. Die Tanne, die jeweils als Christbaum auf dem Hofplatz steht, wird jedes Jahr von jemand anderem gespendet. «Normalerweise melden sich die Spender von alleine», sagt Philipp Gemperle, Leiter Kommunikation der Stadt Wil. Dieses Jahr habe sich die Suche nach einer geeigneten Tanne jedoch etwas schwieriger gestaltet, weshalb die Stadt einen Aufruf gestartet hatte. Darauf hat sich dann unter anderem Margrit Bischof gemeldet. 


Eine 15 Meter hohe Tanne

Margrit Bischof ist 77-jährig und wohnt in Zuzwil. Ihre Tage verbringt sie gerne mit ihrem Freund Helmut. «Helmut war es, der mich auf die Idee gebracht hat, meine Tanne zu spenden, nachdem er den Spendenaufruf gelesen hatte», sagt Bischof. Ihre Weisstanne stand noch bis Montagmorgen bei ihr im Garten in Zuzwil. Um 8 Uhr früh wurde der rund 15 Meter hohe Baum dann gefällt und nach Wil transportiert. Ein kurzer Prozess, wenn man bedenkt, dass die Tanne davor fast 38 Jahre lang vor dem Haus der Pensionärin stand.

«Ein bisschen wehmütig bin ich schon. Aber ich habe schon immer gesagt, dass es mich nicht reuen würde, die Tanne zu fällen, wenn ich sie dann als Christbaum spenden dürfte», so Bischof. Viel Überzeugungskraft von ihrem Freund brauchte es deshalb nicht. «Früher oder später hätte man sie ohnehin fällen müssen, das ist ja auch eine Frage der Sicherheit.» Fehlen werde ihr das Grün vor dem Hauseingang trotzdem. Dank des Baumes habe sie stets Vogelgezwitscher im Garten gehabt, das mochte sie gerne. Weil Bischof Angst vor Gewittern hat, konnte sie sich ausserdem jeweils damit trösten, dass die Tanne als Blitzableiter fungierte.


Hausfrau, Mutter und Grossmutter

Schon früher habe Bischof immer mal wieder gespendet. Die Unterstützungen seien jedoch stets finanzieller Art gewesen. Nun eine Tanne zu spenden sei deshalb schon etwas ganz Besonderes. Eine soziale Ader hatte Bischof jedoch schon immer. Geboren und aufgewachsen ist sie im Appenzellerland bis sie dann als Herrenmodeverkäuferin in St. Gallen arbeitete. Als sie heiratete wohnte sie mit ihrem Mann zehn Jahre lang in Wil, danach zog es die beiden nach Zuzwil, wo Bischof beim Schuh- und Sportwarenhändler Dosenbach und bei der Spitex arbeitete. «Damals arbeitete ich jedoch vor allem als Hausfrau. Später habe ich mich jahrelang um meine kranke Mutter gekümmert, die bei uns wohnte», erzählt sie. Sie selbst ist ebenfalls Mutter und seit sechs Jahren auch Grossmutter eines Jungen.

Heute hat Bischof mehr Zeit für sich selbst. Nachdem ihr Mann gestorben war, ging sie auf ein paar kleine Reisen durch Europa. Diese Tage besucht sie gerne das Gesundheitsturnen, geht noch immer Ski- und Velofahren mit ihrem Freund. Mit Helmut wird sie dieses Jahr auch die Weihnachten verbringen. «Wir nehmen es gemütlich. Wir werden etwas Leckers kochen und einfach den Abend geniessen», antwortet Bischof auf die Frage, was sie für Heiligabend plant.

Weihnachten bedeutet für Bischof «das Fest der Freude». Eine riesige Freude wird ihr dieses Jahr der Christbaum auf dem Wiler Hofplatz bereiten. Zusammen mit Helmut möchte sie ihn regelmässig besuchen und kann es kaum erwarten, ihr Weihnachtsgeschenk an die Stadt Wil hell leuchten und mit Weihnachtskugeln geschmückt zu sehen. «So werde ich meine Tanne für immer in bester Erinnerung behalten.»