Alexander Graf von Schönburg schrieb in seinem 2005 erschienen Buch mit dem originellen Titel «Die Kunst des stilvollen Verarmens»: «Zeitweilige Unerreichbarkeit ist mittlerweile zu einem kostbaren Privileg geworden.»

Schönburgs Feststellung klingt 16 Jahre nach ihrer Publikation aktueller denn je. Mittlerweile wird es immer schwieriger, seine Aufmerksamkeit nicht von den digitalen Medien – sprich: Whatsapp, Instagram, TikTok, Youtube, Snapchat und so weiter - diktieren zu lassen. Wer die neusten Posts und Statusmeldungen verpasst, scheint vom Pulsschlag des Lebens abgeschnitten. Das Handy scheint im Alltag immer unverzichtbarer.

Mittlerweile sieht man sich immer wieder mit der Frage konfrontiert: Wo findet das Leben aktuell gerade statt, in der Wirklichkeit oder im Cyberspace? 

Durch das globale Netz schwillt die Flut an Informationen an, ob Militärputsch in Afrika, Erdbeben in Japan, Börsentaucher an der Wall Street, Minuten später taucht die Nachricht auf dem Smartphone auf.

Kostspieler Datenmüll

Gemäss Experten wird sehr viel Zeit für die tägliche Aussortierung von unnützen Informationen aufgewendet. Laut Berechnungen entsteht beispielweise Deutschland jährlich ein volkswirtschaftlicher Schaden von 2,5 Milliarden Euro durch die Beseitigung von unwichtigem und unerwünschtem Datenmüll.

Ein Grössenvergleich: Während 2018 pro Tag weltweit rund 280 Milliarden Mails verschickt wurden, schätzen Fachleute bis 2025 ein Anstieg auf 376 Milliarden.

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Durch die digitalen Medien ist die globale  Nachrichtenflut stets  präsent. (Foto: pixabay kaboompics)


Stets auf Empfang

Der regelmässige schnelle Blick aufs Handy wird zur Routinehandlung. Es ist heute schwer vorstellbar, dass es vor drei Jahrzehnten pro Haushalt ein einziges Festnetztelefon als Kommunikationsmittel gab. Die zeitweilige Unerreichbarkeit scheint mittlerweile tatsächlich zum Luxus geworden zu sein, wie Schönburg im obigen Zitat schreibt.

Sortieren fordert das Gehirn

Häufige Nachrichten per Twitter, SMS, Mail und WhatsApp verzetteln die Aufmerksamkeit. Laut Experten benötigt das Gehirn nach jeder digitalen Unterbrechung zwei bis drei Minuten um die Konzentration auf die vorherige Tätigkeit neu aufzubauen. Das oft beschworene Multitasking erweist sich gemäss Neuropsychologen als Illusion.

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Die digitale Welt wird im Alltag zunehmend dominanter. Sie beschert den IT-Konzernen gigantische Umsätze. (Foto: pixabay geralt)

Originelle Klingeltöne, flackernde Bannerwerbung und aufploppende Fenster wollen die Aufmerksamkeit auf sich erzwingen. Ein aktueller Gedankengang wird rasch unterbrochen und schon hat man «den Faden verloren».

Häufige Ablenkung

Wie Ernst Pöppel, Hirnforscher an der Universität München, nachgewiesen hat, erreicht das Gehirn bei hoher Informationsdichte seine Grenzen. Überschreiten die eintreffenden Reize ein gewisses Mass, nimmt die sinnvolle Bewältigung der Eindrücke ab, der Geist beginnt sich zu verzetteln. Der Flaschenhals im Kopf ist der Arbeitsspeicher, seine Kapazität ist limitiert.

In Studien wurde die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses getestet. Versuchspersonen sollten sich eine Reihe von unterschiedlichen Begriffen merken. Die meisten konnten nur drei bis vier in der richtigen Reihenfolge wiedergeben, danach stieg die Fehlerquote deutlich an. Wenn die Probanden zusätzlich abgelenkt wurden, erreichten sie noch schlechtere Ergebnisse.

Aufschlussreiche Nutzungsanalysen

Werber sehen in der Aufmerksamkeit ein äusserst wertvolles Kapital, das immer härter um umkämpft wird. Nur besonders aufdringliche Werbebotschaften haben eine Chance, sich im Hirn zu verankern.

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Das Handy scheint in immer mehr Lebenslagen unverzichtbar. (Foto: unsplash rami al-zayet) 

Forscher haben untersucht, in welchem Zustand Nutzer am empfänglichsten für Werbemails sind. Die entsprechenden Daten erhielten sie anhand der Nutzungsanalyse von Handys. Als Ergebnis dieser Untersuchung, werden entsprechende Mails verschickt, wenn Nutzer gelangweilt wirken, dann ist die Chance grösser, dass sie die elektronische Post lesen.

Dank Künstlicher Intelligenz werden die Werbebotschaften zudem zunehmend massgeschneiderter. Die ausgewerteten Daten ergeben ein Raster von individuellen Vorlieben und Abneigungen der Nutzer von digitalen Medien. Die Logarithmen wissen, welche Bedürfnisse mit welchen emotionalen Reizen zu wecken sind.

Geniessen nicht vernachlässigen

Um weniger zum Sklaven der digitalen Reizüberflutung von IT-Konzernen zu werden, sollte man seine Prioritäten im Alltag bewusst festlegen. Ein zielgerichteter Geist wird weniger leicht zum Vagabunden.

Im Weiteren empfehlen Experten, E-Mail und andere digitalen Meldungen nur zu regelmässigen fixen Zeit abzurufen, und nicht permanent auf Empfang zu sein.

Der Hamburger Zukunftsforscher Horst W. Opaschowki hat prägnante Empfehlungen für das digitale Zeitalter publiziert: «Bleibe nicht dauernd dran, schalt auch mal ab. Jage nicht ständig schnelllebigen Trends hinterher. Lerne lieber wieder «eine Sache zu einer Zeit» zu tun. Lieber einmal etwas verpassen, als immer dabei zu sein.»