Knapp 100 Menschen spazieren an diesem Samstagvormittag entlang des Dorfbaches von Weieren bis zur Zuzwiler Tüfenwiesstrasse. Zu dieser öffentlichen Bachbegehung hat die Gemeinde Zuzwil eingeladen. Den interessierten Bewohnern soll die aktuelle Ausgangslage des Dorfbaches vor Augen geführt und die Situation nach einer möglichen Sanierung erklärt werden. Schliesslich muss die Bevölkerung am Sonntag, 20. Oktober, an der Urne bestimmen, ob eine herkömmliche Sanierung des Dorfbachs erfolgen soll oder ob das Projekt Entlastungstollen weiterverfolgt wird. Die Begehung soll aber auch eine Möglichkeit sein, sich austauschen und ausführlich diskutieren zu können. Unter den mehreren Dutzend Zuzwiler Bewohnern schüttelt eine Frau den Kopf. Ihre Freundin ruft gleich aus: «Bei solchen Ideen und Vorhaben verstehe ich die Welt nicht mehr.» Was die beiden Zuzwiler Bewohnerinnen so rasend macht? Die baulichen Massnahmen am Dorfbach, den der Gemeinderat vorschlägt, um «ein 100-jährliches Hochwasser in Zuzwil schadlos ableiten zu können». Denn der Gemeinderat und das zuständige Ingenieurbüro der Bachsanierung möchten das Gerinne verbreitern und die Sohle teilweise absenken. «Ein Projekt, dessen Gesamtkosten sich auf rund 8,1 Millionen Franken belaufen», informiert der Gemeinderat in der neusten Ausgabe von «Zuzwil aktuell». Nach Abzug der Beiträge von Bund und Kanton werde die Sanierung die Gemeindekasse noch mit 3,3 Millionen Franken belasten.

Gerade bei den Themen Kosten und Investition für eine Dorfbach-Sanierung sind die Gemüter besonders erhitzt. «Ich finde es eine Schweinerei, dass man in amtlichen Publikationen irgendwelche Kosten veröffentlicht», sagt ein sichtlich verärgerter Bewohner, «wenn man noch gar nicht abschliessend sagen kann, wie die einzelnen Abschnitte im Falle einer Sanierung definitiv verändert werden». Immerhin müssten sich die Stimmbürger an der Urne auch für einen Kredit aussprechen. Damit spricht der ältere Herr nicht nur die geschätzt Gesamtkosten einer Sanierung an, sondern auch den Vergleich zu den Kosten für die Variante B – Hochwasser-Entlastungsstollen, die sich auf rund 17,7 Millionen Franken belaufen würden. Markus Brühwiler vom zuständigen Planungsbüro, der Brühwiler AG, versucht diesbezüglich zu schlichten: «Es ist völlig normal, dass man einen Kredit für ein Projekt einholt, bevor dieses überhaupt rechtskräftig ist». Würde man auf die Rechtskräftigkeit eines Projekts warten und dieses würde schlussendlich an der Abstimmung abgelehnt. «Ja dann», schildert Brühwiler, «dann würde die Gemeinde ihre Ressourcen eindeutig verschleudern.» 

«Ich stimme dagegen» – «Ich weiss es noch nicht»

Die interessierten Bewohner hören Brühwiler an den einzelnen Begehungs-Posten mit einer konkreten Projektbeschreibung aufmerksam zu. Während die einen Fragen stellen, diskutieren andere Teilnehmer untereinander. «Also ich weiss, dass ich am 20. Oktober nicht für diese Sanierung stimme», sagt ein Bewohner zu seinem Nachbarn. «Ich weiss es noch nicht», antwortet dieser, «ich möchte mich noch ausführlicher über die beiden Varianten informieren.» Ein anderer Bewohner spricht sich mit seiner Frau ganz klar gegen die Dorfbach-Sanierung aus. Im Falle einer Sanierung würde laut dem vorliegenden Plan ein neuer Weg durch ihr Grundstück führen und sie würden nicht nur Grundstück, sondern auch einen Sitzplatz in ihrem Garten verlieren. 

Nach Angaben des Zuzwiler Gemeinderats und des zuständigen Ingenieurbüros verspricht die Ausbaulösung für den Dorfbach im Abschnitt Thur bis Im Hag, dass der erforderliche Hochwasserschutz für Zuzwil und Weieren auf der gesamten Ausbaulänge von 2,5 Kilometern gewährleitset ist. «Der Niederwasserspiegel wird danach etwa 20 bis 120 Zentimeter tiefer sein als heute», so Brühwiler. Und je nach Abschnitt werde der Dorfbach ein bis viereinhalb Meter breiter sein als er heute sei. Dann erklärt Ingenieur Brühwiler weiter, dass aufgrund der Bachprofilerweiterung im Rahmen des Hochwasserschutzprojektes eine «Mehrbeanspruchung von privatem Eigentum» erforderlich ist. Vereinzelte Grundstücke würden sogar eine Erweiterung der Bauzone erfahren.

An dieser Stelle rufen die meisten Bewohner aus, als die Begehung an einem Bauernhof vorbeiführt. «Wenn das Bachufer bis zu dieser eingezeichneten Linie führt», sagt eine Zuzwilerin und zeigt auf eine rote Linie auf dem Spazierweg, «verschwindet dann dieser Weg?» Brühwiler erklärt, dass der dreieinhalb Meter breite Weg gleich daneben neu gebaut werden. «Aber dann verliert die Familie, die diesen landwirtschaftlichen Betrieb führt sehr viel Land und hat keine Privatsphäre mehr», kontert die Bewohnerin. 

Bewohner fühlen sich unter Druck gesetzt

Am Schluss der Begehung fordert ein Zuzwiler Bewohner: «Verschiebt doch die Abstimmung vom 20. Oktober». Er ist der Meinung, dass die Bevölkerung noch Zeit braucht, um sich ausführlicher über die beiden Varianten – Dorfbach-Sanierung und Hochwasser-Entlastungsstollen – zu informieren. Zwei der anwesenden Gemeinderäte erklären, dass es keinen Sinn macht, die Entscheidung noch weiter nach hinten zu schieben. «Zum Schutz und Wohle der Allgemeinheit müssen wir jetzt etwas unternehmen», sagt Gemeinderat Mark Brunner. Der Bewohner sieht es trotzdem noch anders: «Aber das setzt uns enorm unter Druck und was, wenn wir uns am Schluss falsch entscheiden?» Ein anderer Bewohner findet, dass man die betroffenen Eigentümern schon vor der Vorprojektierung hätte kontaktieren sollen. Schliesslich habe kein Einwohner der Gemeinde Freude, wenn er einen Teil seines privaten Grundstücks hergeben müsse. «Ausserdem ihr wisst doch nicht, was in den nächsten 100 Jahren passieren wird und wann es ein Hochwasser geben könnte», entgegnet der Bewohner weiter.

Brühwiler erklärt sachlich am Beispiel des letzten Hochwassers im Jahr 2015, was dies für einige Bewohner bedeutet. «Eine Familie hat es so hart getroffen, dass sie einen komplett überfluteten Keller sowie einen Schaden von 140 000 Franken hatte.» Der Gemeinderat und das zuständige Ingenieurbüro sind sich einig, dass auch die Versicherungen irgendwann für die Hochwasserschäden nicht mehr aufkommen wollen. Und genau dieser stark betroffene Hauseigentümer mischt sich in die Diskussion ein: «Ich weiss zwar noch nicht für welche Variante ich in einem Monat stimmen werde – eines ist klar: Es muss etwas gemacht werden.»

 
Ingenieur Markus Brühwiler nimmt Stellung zu den negativen Reaktionen der Zuzwiler Bevölkerung. (Video: Magdalena Ceak)