Hansjörg Brunner, wir erleben gerade eher unruhige Zeiten. Und eine Besserung ist nicht wirklich in Sicht. Wie beurteilen Sie aus Sicht der KMU im Kanton Thurgau die aktuelle Lage?

Zwei Jahre Pandemie und endlich raus aus der Misere! Darauf haben wir doch alle gehofft. Aber leider ist dem nicht so. Dafür verantwortlich ist Putins schmutziger Angriffskrieg auf die Ukraine, welcher die Preise für Energieträger, Grundnahrungsmittel und Industriemetalle ansteigen lässt. Natürlich macht das auch den Thurgauer KMU Sorgen. Trotzdem bin ich positiv gestimmt, dass die Erholung von der Corona-Krise anhalten wird.

Welche Bereiche beschäftigen die Unternehmerinnen und Unternehmer derzeit am meisten? Wo drückt der Schuh?

Zu schaffen machen vor allem die Lieferkettenprobleme und nach wie vor der Fachkräftemangel. Dazu kommt jetzt auch noch die Erhöhung des Leitzinses durch die Nationalbank. Das macht es für exportierende Betriebe mit Sicherheit nicht einfacher und die ansteigenden Zinsen werden Auswirkungen auf den Immobilienmarkt haben, was auch die Baubranche zu spüren bekommen wird.

In zahlreichen KMU sind die Reserven aufgebraucht. Droht eine Konkurswelle in gewissen Sparten?

Nein! Eine Konkurswelle steht uns sicher nicht bevor. Natürlich gibt es Betriebe, welchen die aktuelle Krise nach den schwierigen Pandemiezeiten besonders zu schaffen macht. Und es wird auch zu einzelnen Konkursen kommen. Aber letzteres ist Normalität. Die meisten Betriebe haben ihre Hausaufgaben vorbildlich gemacht und mit Weitsicht und Vernunft geplant und gehandelt. Sie sind verhältnismässig gut durch die Pandemie gekommen und dass bei ihnen Liquidität grösstenteils gut ist, zeigt sich auch im hohen Anteil bereits zurückgezahlter Coronakredite.

Ein weiteres Problemfeld ist der akute Mangel an Fachpersonal. Wird diesbezüglich von Seiten der Politik entsprechend gehandelt oder sitzt man die Situation aus?

Das ist ein Problem, dass wir alle gemeinsam angehen müssen. Von einem Aussitzen der Situation kann man mit Sicherheit nicht sprechen. Die Wirtschaft muss sich diesen Vorwurf sicher nicht gefallen lassen. Die Branchenverbände sind mit seinen Firmen seit Jahren an breiter Front aktiv. Um in Zukunft vermehrt Fachkräfte aus der Region zu finden ist der Berufsbildungscampus Ostschweiz das mit Abstand wichtigste Projekt. Gemeinsam müssen wir alles unternehmen, damit dieser Leuchtturm mit schweizweiter Ausstrahlungskraft für die Nachwuchsausbildung realisiert werden kann. Ich bin hocherfreut, dass kürzlich die Kommission zur Vorberatung des Berichtes über strategische Investitionen der TKB-Partizipationserlöse empfiehlt Projekt Berufsbildungscampus Ostschweiz mit 20 Millionen Franken zu unterstützen. Für den Thurgauer Gewerbeverband ist das ein wichtiges Zeichen, die Planungen voranzutreiben.

Wer den Schritt wagt, sein eigener Chef zu werden, geht per se schon ein Risiko ein. Hat das Ganze in jüngster Zeit nun nochmals deutlich an Attraktivität verloren? Fehlt uns hier bald auch noch der «Nachwuchs»?

Nein! Dieser Nachwuchs fehlt definitiv nicht! Aber natürlich gibt es immer Menschen, welche die Sicherheit einer Anstellung mit klar definierten Arbeitszeiten vorziehen. Ihnen ist der Gang in die Selbständigkeit sicher nicht zu empfehlen. Andersherum wird es immer genug Persönlichkeiten geben, welchen das Unternehmertum im Blut liegt, welche die Freiheit des Handelns den Risiken überordnen. Es gibt unzählige junge Leute, die mit riesiger Leidenschaft ihre Projekte entwickeln und vorantreiben. Geholfen wird ihnen dabei zum Beispiel vom Startnetzwerk Thurgau, einer gemeinsamen Initiative zur Unterstützung von Jungunternehmerinnen und Jungunternehmern. des Thurgauer Gewerbeverbandes, der Thurgauer Industrie- und Handelskammer, der Thurgauer Kantonalbank und des Kantons Thurgau.

Was sind für Sie die negativsten Entwicklungen, die die vergangenen zwei Jahre mit sich gebracht haben? Auch hier mit Sicht auf die KMU.

Ich will nicht von negativen Entwicklungen sprechen. Es war wie es war und eine für uns alle völlig unbekannte Situation. Wir waren zum Handeln gezwungen und schwierig war es doch für uns alle, denn Unsicherheiten mag keiner! Die sich ständig verändernden Bedingungen und Massnahmen machten den Betrieben zu schaffen. Und natürlich war es manchmal – privat und geschäftlich – nur schwer auszuhalten, wenn unterschiedliche Meinungen Menschen immer weiter auseinanderdriften liessen. Aber das liegt glücklicherweise hinter uns – ich bevorzuge sowieso den Blick voraus.

Und die positiven Seiten?

Es ist uns bewusst geworden, wie abhängig wir alle sind und wie verletzlich unser System doch ist. Ich denke, dass in der Pandemiezeit viele gemerkt haben, was ihnen wirklich wichtig ist. Ich hoffe, dass wir als Gesellschaft aus der Krise gelernt haben, dass wir einheimischem Schaffen zukünftig viel höhere Priorität einräumen und ihm die Wertschätzung zukommen lassen, die es verdient.

Erstellen wir zum Schluss noch eine Zukunftsvision. Wo steht die Schweizer Wirtschaft – im besten Fall – in einem Jahr?

In unserem Land geht es seit Jahrzehnten wirtschaftlich immer nur vor- und aufwärts. Zwar gab es immer wieder Krisen, welche das Wachstum kurzfristig etwas eingebremst haben, danach aber brummte der Motor immer wieder auf hohen Touren weiter. Ich hoffe, dass es der Wirtschaft in einem Jahr möglichst gut geht, denn das ist die Voraussetzung, dass es auch den Menschen gut geht.

Und im schlechtesten Fall?

Auf diese Frage habe ich keine konkrete Antwort! Nur das: Schlechte Gedanken lähmen und bringen uns nichts!