Das haben sich die Organisatoren rund um Joel Müller genau so vorgestellt. 200 Teilnehmer finden sich am Bahnhofplatz ein, fast ausnahmslos eingekleidet in regenbogenfarbigen Kleidern, Hüten, Regenschirmen und Fahnen. «Das Toggenburg bekennt Farbe» lautet der Slogan an dieser Kundgebung. «Ja, ich will», hallt es fast ununterbrochen durch die Strassen Nesslaus. Der 20-minütige Umzug durch das Dorf verläuft einwandfrei, auch dank Polizei- und Verkehrskadettenpräsenz. Denn ganz zum Schluss des Demonstrationszugs stellt sich eine Einheimische an den Strassenrand und äussert ihren Unmut lautstark. «Ihr seid doch alle krank, habt Null Selbstbewusstsein und könnt nur fordern», macht sie ihrem Ärger Luft. Einige der Demonstranten suchen sofort den Dialog mit der Gegendemonstrantin, die Organisatoren greifen ebenfalls sofort ein, so dass es ruhig und gesittet weitergehen kann.


Polizei interveniert

Nach dem Umzug versammelt sich die Gemeinschaft wiederum auf dem Bahnhofplatz, es warten mehrere Ansprachen. Ehe jedoch SP-Nationalrätin Barbara Gysi das Wort ergreift, wird besagte Gegendemonstrantin von zwei Polizisten abgeführt. Ihre Rufe verstummen, die Kundgebung geht weiter. Am 26. September stimmen die Schweizer Stimmbürger über die «Ehe für alle» ab. Wird die Abstimmungsvorlage angenommen, können gleichgeschlechtliche Paare zivil heiraten, zudem würde Frauenpaaren der Zugang zur Samenspende in der Schweiz erlaubt und gleichgeschlechtliche Paare könnten neu gemeinsam Kinder adoptieren. «Genau das ist es, was doch schon lange fällig ist. Durch diese Öffnung werden wir vollkommener, denn Liebe kennt weder Alter noch Geschlecht», sagt SP-Nationalrätin Barbara Gysi. Sie ist überzeugt, dass es am 26. September ein haushohes, für sie positives Resultat geben wird. «Sogar die St. Galler Jung-SVP ist dafür, ein Beweis mehr, dass Menschenliebe weder links noch rechts ist.»


Stopp der Diskriminierung

Gysi betont, dass dank den Ländern, in denen die gleichgeschlechtliche schon erlaubt ist, viele positive Effekte bewiesen werden. «Wenn diese Diskriminierung aufhört, wird auch die Suizidrate zurückgehen», so Barbara Gysi. Dass die Abstimmung wohl noch eine reine Formsache sein wird, meint auch Raphael Frei. Der FDP-Kantonspräsident freut sich über den grossen und farbigen Auflauf in Nesslau. «Heute stehen wir ein, für eine gesellschaftliche Freiheit, ich bin überzeugt von einem klaren Ja am 26. September.» Und der Glarner Grünen-Ständerat Matthias Zopfi ist der Meinung, dass endlich jeder seine Liebe – egal welchen Geschlechts – heiraten darf. Die Ansprachen werden wiederkehrend durch laute Applausstürme unterbrochen, Auffallend viele Kinder haben sich unter das Demonstrationsvolk gemischt. Organisator Joel Müller zeigt sich zufrieden und erklärt, dass in Wil und St. Gallen schon vermehrt solche Aktionen durchgeführt wurden. «Wir wollten unbedingt einmal raus aufs Land und hier in Nesslau finden wir dafür eine perfekte Infrastruktur auf dem Bahnhofgelände vor.» Herrliches Wetter und 200 Teilnehmer, das Toggenburg wird regenbogenfarbig.

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200 Demonstrations-Teilnehmer treffen nach kurzem Fussmarsch wieder auf dem Nesslauer Bahnhofplatz ein.