In einem der Gebäude der Klinik Littenheid trifft sich in einem Seminarraum im Dachgeschoss eine Recovery-Gruppe. «Das Gebäude ist im Besitz der Murg-Stiftung, der Raum wurde uns kostenlos zur Verfügung gestellt», erzählt Martin Weyer, Leiter des Recovery College Ostschweiz (RCO). Gleichzeitig ist er innerhalb der Klinik für die Weiterbildung zuständig.

Betroffene als Kursleiter

Die aus dem englischsprachigen Sprachraum stammende Recovery-Bewegung vermittelt in Seminaren Kompetenzen zur Genesung nach psychischen Krisen. «Das Besondere daran ist, dass eine Person Fachwissen vermittelt und ehemals erkrankte Personen, die ihre Störungen überwunden haben, die Veranstaltung gemeinsam leiten», sagt Martin Weyer.

Dieser Ansatz ermöglicht einen veränderten Zugang zum Umgang mit der Krankheit und deren Begleiterscheinungen. Diese können etwa Jobverlust, Stigmatisierung, soziale Isolation und auch finanzielle Schwierigkeiten sein.

Orientierungspersonen

Für Menschen, die eine tiefe seelische Erschütterung durchlebt haben können diese ehemaligen Patientinnen und Patienten zu Orientierungspersonen in ihrem eigenen Prozess zur Genesung werden. Im Fachjargon werden sie «Peers» genannt.

Die Stiftung Pro Mente Sana, die sich für die Anliegen von psychisch erkrankten Menschen einsetzt, definiert sie auf ihrer Homepage so: «Peers zeichnen sich durch ihr Erfahrungswissen aus, welches sie in die Gesundheitsversorgung einfliessen lassen. 

Sie haben in einer Weiterbildung gelernt, ihre persönlichen Erfahrungen mit der eigenen Erkrankung zu reflektieren, diese als Ressource einzusetzen und ihr Wissen zu erweitern. Expertinnen aus Erfahrung bilden das Bindeglied zwischen Fachperson und Betroffenen, tauschen sich auf Augenhöhe aus und können authentisch Hoffnung vermitteln.»

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Gebäude in der Klinik Littenheid (Foto: Adrian Zeller) 


Kompetenzen erarbeiten

Weil die Teilnehmenden sowie die Moderatorinnen und Moderatoren psychische Störungen aus der Innenperspektive kennen, entsteht ein Austausch auf einer Ebene, die sich von der klassischen Therapeut-Patient Beziehung unterscheidet. 

Studien bestätigen die sehr positive Wirkung dieser Vorgehensweise im Genesungsprozess, betont Kursleiterin Stephanie Kay Ventling. Sie zieht einen Vergleich: «Wer lernen will, wie man Schuhe macht, geht nicht in ein Schuhgeschäft, sondern zum Schuhmacher.» Es sei ein Lernprozess für die eigene Gesundung und Gesundheit, betont seinerseits Martin Weyer.

Eigener Genesungsweg

In den Workshops des RCO werden erklärtermassen keine Rezepte zur Genesung abgeben, sondern gemeinsam Perspektiven und Kompetenzen erarbeiten. Auf diese Weise können die Teilnehmenden ihren individuellen Weg zur Bewältigung ihrer Krankheit entwickeln.

Die Zusammenkünfte wollen klar keine Gruppentherapie und auch keine Selbsthilfegruppe, sondern viel mehr ein Lernprogramm sein, dessen Inhalte gemeinsam durchgearbeitet werden. Auf diese Unterscheidung wird grosser Wert gelegt.

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Gebäude in der Klinik Littenheid (Foto: Adrian Zeller) 


Auch Bezugspersonen angesprochen

Die Stoffe werden in Impulsreferaten, Diskussionen, Übungen und in Kleingruppen erarbeitet.

In den RCO-Unterlagen werden unter anderem der Umgang mit psychischen Herausforderungen, das psychosoziale Wohlbefinden sowie die Gesundheit und das seelische Gleichgewicht als Lernziele genannt.

In den Seminaren im kommenden Jahr werden an Themen wie etwa «Abschied und Übergänge», «Verbesserung der Selbst- und Sozialkompetenz», «In Würde zu sich stehen» sowie «Aus Krisen lernen» gearbeitet.

Die Workshops richten sich nicht nur an Betroffene, auch Arbeitgeber, Institutionen sowie Fachpersonal werden angesprochen. Seminare werden derzeit in Littenheid, Weinfelden und Kreuzlingen angeboten.