Die bewegte und bewegende Biographie der Ostschweizer Künstlerin, an der Vernissage mit viel Detailgenauigkeit aufgeschlüsselt von Kurator Peter Zünd, zeigt das Bild einer willensstarken und eigenständigen Persönlichkeit. Hedwig Scherrer (1878-1940) war eine der ersten Frauen, die ihr Künstlertum auch gegen damalige männliche Vorurteile lebte und durchsetzte. Hedwig Scherrer war leidenschafliche Hochgebirgs-Skisportlerin, damals eine Pioniertat. Die Künstlerin schlug eine Liebesheirat und „gute Partie“ mit einem Spross aus der St. Galler Familie Iklé, damals ganz oben in der florierenden Textilbranche, aus – zugunsten ihres künstlerischen Wirkens. Hedwig Scherrer, einziges Kind aus einer gutsituierten Anwalts- und Politikerfamilie, musste sich ihre Ausbildung und ihr Künstlertum trotzdem erkämpfen. Sie setzte sich schon früh menschlich, politisch und künstlerisch für den Frieden und gegen den Krieg ein.

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Ein Selbstportrait.


Würdigung bei der Eröffnung

An der Vernissage gaben Jürg Aeschlimann, Präsident der gastgebenden Stiftung Psychologische Menschenkenntnis, sowie der Kirchberger Gemeindepräsident Roman Habrik, ihrer Freude und Genugtuung Ausdruck über das Zustandekommen der Ausstellung in der Alten Zwirnerei Mühlau Bazenheid. Freude am Schönen und Verankerung in der Region bezeugte auch der Jodelclub Kirchberg-Bazenheid (Leitung Stefan Segmüller) mit Jodelliedern und Naturjodeln. Dass das Toggenburg sich an die vielseitige Ostschweizer Malerin erinnere, sei mehrfach geboten, sagte Habrik. Der Vater der Künstlerin war Bürger von Kirchberg: Joseph Scherrer-Füllemann, Rechtsanwalt, St. Galler Kantonsrat, Regierungsrat und Nationalrat.

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Kurator Peter Zünd: "Eindrückliche Künstlerpersönlichkeit"


Stiftung und Fonds für die Ausbildung

Joseph Scherrer war in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg führender Kopf der Interparlamentarischen Union, eine mehrere europäische Staaten einschliessende Verbindung von Parlamentariern, die sich für die Verhinderung des Kriegsausbruchs einsetzte, leider ohne Erfolg. In vielen Missionen begleitete ihn seine ebenfalls engagierte Tochter. Scherrer stiftete einen Fonds zur Förderung der Ausbildung begabter junger Menschen, der nach seinem Tod von der Gemeinde Kirchberg verwaltet wurde. Das Reglement wurde kürzlich in Übereinstimmung mit den Erben angepasst und die in Vergessenheit geratene Stiftung reaktiviert. Die Künstlerin verdiene einen weitaus grösseren Bekanntheitsgrad, sagte Habrik.

Vielfältiges Werk

Diesem Anliegen sind Kurator Peter Zünd und seine Ehefrau Verena seit Jahren verbunden. Zünd, der zufällig auf die Existenz der Künstlerin mit ihrem Atelierhaus in Montlingen gestossen ist, hat das vielfältige Werk gesichtet, ein Werkverzeichnis erstellt und inzwischen an die 40 Ausstellungen realisiert. Die von ihm betreute Ausstellung in der Alten Zwirnerei Bazenheid gibt einen eindrücklichen Überblick über Qualität und Vielfalt dieses Werks, geprägt von der spannungsvollen Übergangszeit zwischen ornamentalem Jugendstil und aufbrechendem emotionalem Expressionismus.e Es sind stimmungsvolle Landschaftsbilder zu sehen, präzise Zeichnungen und Buchillustrationen, Miniaturen, Kinderbücher, grossflächige Wandmalereien und Plakate: für den damals noch in den Kinderschuhen steckenden Skisport und gegen den Krieg.


Kritik am Kriegsgeschäft

Wie ihr Vater engagierte sich auch die Künstlerin schon in jungen Jahren für die Friedensbewegung. In aufrüttelnden Plakaten, in Auftrag gegeben von den damaligen Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (die St. Galler Liga wurde von ihrer lebenslangen Freundin Meta Schuster präsidiert), verurteilte die Künstlerin schon damals unlautere Schweizer Geschäfte mit der Rüstung für kriegstreibende Länder (Stichwort Giftgas). Sie appellierte eindringlich an die Frauen und Mütter, sich dem Wahnsinn eines totalitären Krieges entgegenzusetzen.

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Plakat im Auftrag der Friedensbewegung. Die Künstlerin stand mit engagierten Exponentinnen der Friedens- und Frauenbewegung in engem Kontakt


Werkprobe als Publikation erhältlich

Auch dem Vater widmete die Künstlerin originell und humorvoll gestaltete Alben, teilweise mit einem Schuss meisterhaft gehandhabter Karikatur versehen. Eines davon trägt den selbstironischen Titel „Einige Bilder von der ehr-und tugendsamen Jungfrau Hedwig Scherrer“. Die Künstlerin hat das Album ihrem Vater 1920, zu dessen 73. Geburtstag überreicht. Es ist als Rarität, in nur 100 Exemplaren gedruckt, an der Ausstellung in Bazenheid erhältlich (Preis Fr. 25 Franken) Das ansprechende Heft enthält meisterhafte Selbstportraits, welche karikaturhaften Zeichnungen und alten Familienfotos gegenübergestellt sind, das Ganze mit humoristischen Kurzversen kommentiert. Das Büchlein gibt Einblick in das Wesen der Künstlerin und ihr grosses Können. In humoristischer Weise tönt sie auch das Problematische ihrer Vaterbeziehung an, ohne dessen finanzielle Zustüpfe die bescheiden lebende Künstlerin nicht ausgekommen wäre.

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Ausschnitt aus dem Album, das die Künstlerin ihrem Vater schenkte (Nachdruck an der Ausstellung erhältlich). Text: Wenn er den Beutel zieht heraus (links)... So drückt die Haltung Spannung aus." (rechts)


Öffnungszeiten der Ausstellung

  • Mittwoch, 24. 10. 2018, 14.00 - 17.00
  • Sonntag, 28. 10. 2018, 14.00 - 17.00
  • Mittwoch, 31. 10. 2018, 14.00 - 17.00; 14.00 Lesung für Kinder von Märchen aus der Hand von Hedwig Scherrer, mit Vreni Zünd
  • Samstag, 3. 11. 2018, 14.00 - 17.00
  • Finissage Sonntag, 4.11.2018, 14.00 - 17.00.