Seit einigen Jahren bieten die evangelische und die katholische Kirchgemeinde Oberuzwil Bildungsabende zu brennenden gesellschaftlichen und theologischen Themen an. 2019 hiess das Thema „Macht“, dieses Jahr kommt nun als Kehrseite der Medaille „Ohnmacht“ zur Sprache.

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Pfarrer René Schärer und Ingrid Krucker-Manser, Pfarreibeauftragte der katholischen Kirchgemeinde, hiessen die Referentin Beatrice Andeer-Stämpfli willkommen.

Beatrice Andeer-Stämpfli

Beatrice Andeer-Stämpfli aus Gossau - selber schwer körperlich behindert - hielt dazu einen bewegenden, zum Nachdenken anregenden Vortrag, dies nicht nur auf theoretischer Ebene, sondern vor allem mit ganz praktischen Schilderungen aus ihrem Alltag. Pfarrer René Schärer und Beatrice Andeer kennen sich seit über einem Vierteljahrhundert. Die Frau hat schon etlichen seiner Konfirmandenklassen aus ihrem Leben erzählt und die Jugendlichen damit berührt. Sie gab den Anwesenden zu bedenken, dass jeder Mensch auf irgendeinem Gebiet behindert sei, auch wenn er sich niemals als „behindert“ bezeichnen würde. Ein sehr überlegenswerter Satz...

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Beatrice Andeer-Stämpfli lebt seit Kindheit mit körperlichen Einschränkungen. 

Verschiedene Arten von Behinderungen

Wer kennt die Symbole für verschiedene Arten von Behinderungen nicht? Der Stock steht für blinde Menschen, der Rollstuhl für Gehunfähigkeit, das Gehirn für alle Arten von Hirnkrankheiten. Und wer nichts hören kann, ist auf die Zeichensprache angewiesen. Eine Behinderung kann ein Leben schon von Geburt an bestimmen. Dann kennt diese Person nichts Anderes. Aber auch Erkrankungen oder Unfälle können zu einer Beeinträchtigung führen. Diese kann auf der körperlichen, der geistigen oder der psychischen Ebene auftreten, leider sogar oft in Kombination von zwei oder gar drei Bereichen.

Alltag mit grossen körperlichen Einschränkungen

Beatrice Andeer wollte die Zuhörerschaft den Alltag mit einer körperlichen Behinderung sichtbar machen. Als Erstes zählte sie mit eindringlicher Stimme auf, was Behinderte eben gerade nicht sind: Sie sind weder grundsätzlich erfolglos, noch dumm oder einfach unfreundlich, sondern Menschen wie alle andern auch mit guten und weniger guten Tagen, mit eigenem Temperament und eigenem Charakter. Man solle deshalb nicht einfach sich vom ersten Eindruck abgeschreckt fühlen, sondern noch einmal genauer hinschauen, wenn man einem Menschen mit Behinderung begegne. Man dürfe ruhig auch nachfragen.

Ein Virus veränderte alles

Die kleine Beatrice kam vor 64 Jahren als kerngesundes Kind in einem kleinen Berner Bauerndorf zur Welt - nach einer Reihe von Fehlgeburten ihrer Mutter wegen einer Rhesus-Unverträglichkeit. Doch bereits eine Woche später führte eine Virus-Infektion mit langem Spitalaufenthalt zu schweren körperlichen Beeinträchtigungen der Gelenke, was die behandelnde Ärzteschaft zu einer niederschmetternden Lebensprognose bewog. „Das Kind wird nie gehen, nie selbständig leben können.“

„Ich kann alles!“

Doch die Unterstützung durch ihre Eltern und ihr eigener starker Wille sagten ihr: „Ich kann alles!“ Sie lernte beispielsweise Skifahren. Und als ihre Eltern ihr bedeuteten, dass sie nicht in die Sekundarschule gehen könne, wenn sie nicht Velofahren lerne, gelang ihr auch dieses. Schon ganz früh wusste sie, dass sie Lehrerin werden wolle. Dazu brauchte es eine Prüfung. Sie fiel allerdings bei der Turnprüfung durch, kein Wunder bei ihrer schweren körperlichen Beeinträchtigung. Man sagte ihr aber auch unverblümt, dass es Schulkindern nicht zuzumuten sei, eine solche Person anzuschauen. Bei ihr kam das so an: „Mich will man nicht, ich bin nicht dazugehörig“.

Sprache prägt

Dass es immer noch „Invaliden-WCs“ gibt, stimmt die Referentin nachdenklich. Früher nannte man Menschen mit Behinderung sogar völlig gedankenlos und ungeniert „Krüppel“, „Versehrte“ oder auch einfach „Invalide“, was so viel wie „ungültig, wertlos“ bedeutet und eine schwere Kränkung für Menschen mit Beeinträchtigungen ist. In dieser Hinsicht hat sich in letzter Zeit viel verbessert, man spricht heute von „Menschen mit Behinderung“ oder „mit besonderen Bedürfnissen“, gerne auch von „Inklusion“, was „dazu gehörig, einbezogen“ bedeutet und in vielen Fällen auch erfolgreich versucht wird. Leider ist dies aber weiterhin nicht in allen Fällen möglich.

Beatrice Andeer unterstrich mit einem Erlebnis im Kindergarten, wie lange eine unbedachte Äusserung schmerzlich nachwirken kann. Man hatte ihr ins Gesicht gesagt, dass man sie beim Walderkunden nicht brauchen könne, da sie zu langsam laufe. Da war sie wieder, die Aussage „Dich kann man nicht brauchen“!

Neue Hoffnung

Beatrice Andeer hörte vom evangelischen Seminar Schiers und wurde dort ohne Prüfung aufgenommen. Sie hatte sich unterdessen sehr mit dem christlichen Glauben befasst. Nach erfolgreichem Abschluss bekam sie an der Städtischen Schule Chur eine Stellvertreterstelle für drei Monate, später eine Anstellung als reguläre Religionslehrerin. Mit einem kleinen roten Töff fuhr sie anfänglich von Schulhaus zu Schulhaus, trat einer christlichen Jugendgruppe bei und lernte da ihren Mann kennen, mit dem sie mittlerweile mehr als vierzig Jahre verheiratet ist.

Sie gab während insgesamt sieben Jahren in Chur Religionsunterricht. Ihr Aussehen und ihre körperliche Behinderung sei in all den Jahren bei ihren Schulklassen nie ein Thema gewesen, denn sie habe von Anfang an den Kindern erklärt, was ihre Behinderung sei. Eine schöne Anekdote: Nach ihrem Wegzug von Chur nach Gossau habe sie die Schule Chur inständig gebeten, doch wieder bei ihnen zu unterrichten, was sie bewog, noch während vier Jahren nach Chur zu pendeln.

Amtliche Hindernisse

Die fortschreitenden gesundheitlichen Einschränkungen, die unterdessen auch eine Dialyse notwendig machten, liessen das Wohnen im geliebten Haus irgendwann nicht mehr zu. Doch die Suche nach einer wirklich behindertengerechten Wohnung schien lange Zeit beinahe hoffnungslos. Zwar gab es in einem Block eine noch nicht ganz ausgebaute Wohnung, die alle Ansprüche erfüllt hätte, aber der Weg durch den Paragrafendschungel war lang und kräftezehrend. Denn um diese Wohnung an die Familie Andeer vermieten oder verkaufen zu können, musste diese erst vom „Gewerbestatus“ in einen „Wohnstatus“ umgezont werden, was in einen wahren Marathonlauf mündete.

In seiner Ohnmacht wandte sich Daniel Andeer irgendwann an die Presse, diese nahm das Thema auf – unterdessen hat sich das Blatt gewendet, das Paar kann bald in die genau auf die Bedürfnisse von Beatrice Andeer eingerichtete Wohnung einziehen, deren Kernstück eine wunderbare Küche sei, wie beide mit leuchtenden Augen bekräftigten. Am meisten freue sie sich auf den neuen Rollstuhl mit Lift, verriet sie, sodass sie den Grossteil ihrer Küchenutensilien ohne fremde Hilfe erreichen könne. Kochen sei für sie ein erfüllendes Hobby.

Grosse Unterstützung durch Ehemann Daniel

In der Fragerunde wurde der Ehemann nach seiner Befindlichkeit gefragt. Er meinte, für ihn sei die Behinderung einfach immer so nebenher gelaufen, denn er habe stets den Mut und die Eigenständigkeit seiner Frau bewundert, die sich nicht habe unterkriegen lassen. Die Familie bekam zwei Kinder, nicht auf Anhieb – da gab es auch weitere Hürden -, aber Tochter und Sohn durften gesund zur Welt kommen, da die Behinderung der Mutter nicht erblich ist. Beide Kinder arbeiten heute im sozialpädagogischen Bereich. Das Ehepaar lebt mit grossem Gottvertrauen, ist sich sicher, dass sich schliesslich viele Schwierigkeiten auflösen lassen, auch wenn es vielfach nicht ohne Beharrungsvermögen oder gar Kampf geht. Natürlich habe es auch schwierigere Zeiten gegeben. Die Zuhörerschaft hatte den Ausführungen atemlos zugehört, war sichtlich bewegt vom Erfahrenen.

Recht auf behindertengerechtes Wohnen

Im Bundesgesetz vom 13. Dezember 2002 wird das Recht auf bedarfsgerechtes Wohnen von Menschen mit Behinderungen geregelt. Auch Menschen mit Beeinträchtigungen sollen möglichst hindernisfrei am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Seither wird jedes Bauvorhaben im öffentlichen Raum auf Grundlage dieses Gesetzes geprüft. „Procap“ ist der grösste Mitgliederverband von Menschen mit Behinderungen in der Schweiz. Er berät in baulichen Fragen, prüft Wohnungen auf Rollstuhltauglichkeit, unterhält aber auch eine Fachstelle für Gesundheit.

Auch „Pro Infirmis“ setzt sich für alle Belange ein, die Menschen mit Behinderungen betreffen. Finanziert wird die Institution durch Spenden sowie Zuweisungen der öffentlichen Hand. Die Angebotspalette ist breitgefächert. Angestrebt wird ein möglichst selbständiges Leben, falls nötig wird auch eine Assistenz zur Verfügung gestellt. Bei finanziellen Engpässen kann Pro Infirmis ebenfalls Hilfe anbieten, falls nötig, auch Entlastung für Angehörige.