Am 22. Februar 2018 ist Christian Jud-Fink in seinem 89. Lebensjahr Im Kantonsspital Münsterlingen gestorben. Jud lebte seit 1963 in Bischofszell; seit einigen Jahren mit prächtiger Aussicht im „Waidli“ bei Hohentannen. Chj war vielen als schriftgewandter, volkstümlicher Redaktor von Zeitungen bekannt. Der folgende, leicht geänderte Beitrag von Armin Benz stammt aus dem 2010 erschienenen Buch „Menschen wie du und ich aus der Region Uzwil“. Wäre Christian Jud ein Uzwiler, hätte ich ihn schon lange als Träger des Uzwiler Kulturpreises vorgeschlagen…
Nun, er ist es nicht. Das heisst, er wohnt nicht hier, sondern schon seit Menschengedenken in Bischofszell… Seit 1963 nämlich.

"Weltweit in der kleinsten Redaktion"
Stimmt nicht ganz, denn 2004 hat er sich und seiner Frau einen alten Traum erfüllt und ein Heimetli erworben, droben auf dem Hummelberg bei Hohentannen, nicht weit weg von der vertrauten Fabrikstrasse in Bischofszell, und dort oben konnte man ihm, dem Achtziger, mitunter begegnen beim Mähen, beim „Büschele“ oder Hantieren mit der Motorsäge…

Zurück nach Uzwil: Während einiger Jahre (1978 – 93) arbeitete er als Redaktor des „Volksfreunds“ (Vorläufer der jetzigen Wiler Zeitung), eine Zeitlang in Niederuzwil an der Schöntalstrasse. Er pflegte sich selber als den Redaktor mit der weltweit kleinsten Redaktion zu bezeichnen.

Eine andere Schreibart
Ich erinnere mich, als ich im Aushang bei der alten Migros (damals gab es neben der „Ostschweiz“ noch das „St. Galler Tagblatt“ und den in der Lokalberichterstattung führenden „Volksfreund“.) seine ersten Artikel im „Volksfreund“ zu Gemüte führte. Kein Zweifel, da war jemand am Werk, der anders schrieb als die anderen: praktisch, lesernah, mit einem Schuss Humor und gelegentlich gepfeffert, manchmal auch mit eigentümlichen Wendungen und weitschweifig. Halt mit Freude am Fabulieren. Verbunden mit Heimat, Scholle und dem Dörflichen. Dessen Herz für die Landwirtschaft und das Gewerbe schlug. Und von daher kein Zufall, dass er in einem Büchlein 85 Berufe aufs Trefflichste skizzierte.

"Vom Hufschmied über Journalist zum Dichter"
Christian Juds Stärke war seine Vielseitigkeit. 1928 geboren, wuchs er in Gommiswald auf als Bauernbub. Verlor schon als Vierjähriger seine Mutter. Lehre als Huf- und Wagenschmied. Später in einem Kieswerk in Niederbüren tätig. Mit 50 dann der Bruch: Journalist! Als Hobby auch immer Tierhalter, von daher auch langjähriger Redaktor bei der „Tierwelt“. Weiter schrieb er gerne und gut Gedichte und förderte Künstler, indem der sie z.B. für Vernissagen beriet und für die nötige Publizität besorgt war. Natürlich war er für die Fotos seiner Artikel selber besorgt.

Ein Herz für die einfachen Leute
Nach seiner Pensionierung legte er die Hände nicht in den Schoss. Immer wieder erschienen aus seiner Feder (längstens Computer) Artikel zu runden Geburtstagen oder Nachrufe zu Persönlichkeiten, deren Lebenswerk er in einfühlsamer Art wie ein Maler nachgestaltete.
Sein Herz schlug aber nicht in erster Linie für die High Society oder die Leute auf hohem Ross, nein, eher für die einfachen Leute, Menschen wie du und ich, für Menschen, die im Leben etwas Besonderes vollbrachten, aus eigener Kraft, Originale der Region, Käuze vielleicht.

Christian Jud kannte sich in der Region Uzwil aus wie kein Zweiter; und über Gott und die Welt mit ihm zu diskutieren machte Spass, sei es am Telefon, im Coop beim Einkauf oder an einer Versammlung, über die er wieder einmal Bericht erstattete. Dabei zeigte sich, was Ernst Dobler sen., Oberuzwil, im Vorwort zu Juds „Berufe in Stichworten von A bis Z“ so formulierte: „Wie kein anderer hat es Christian verstanden, die Zusammenhänge zu sehen und aufzuzeigen“.

Wollte man alle Artikel aufzählen, die Christian Jud unter dem Kürzel chj schrieb und mit Fotos versah, so käme man auf Tausende. Von seinen zahlreichen Publikationen seien hier erwähnt der Gedichtband „Zwischen Sonntag und Werktag“ sowie „Gedichte 1980“. Bei Letzterem haben zur Illustration beigetragen keine Geringeren als Jack Tanner, Ernst Gämperli, Jürg Zollikofer, Otto Metzger und Alfons Liberka, was zeigt, welches weite Beziehungsnetz Christian Jud pflegte.

Vorwort zur Gedichtsammlung „Zwischen Sonntag und Werktag“ von Johannes Rutz, Chefredaktor, Flawil
Wer kennt ihn nicht, unseren Uzwiler Redaktor, der mit seiner kolossalen Schaffenskraft seine Gemeinden so gründlich beackert, wie ein Bauer seinen Boden. Sein Tatendrang und sein Organisationstalent machen ihn zu einem raren Exemplar der schreibenden Zunft.

Oft geht er nach Anlässen erst nach Hause, wenn die Strassenlampen löschen; am anderen Morgen aber ist er an seinem Wohnort in Bischofszell bei den ersten Aufstehern, um an der Schreibmaschine die Artikel zusammenzuzimmern.

Und doch – erst mit 50 Jahren wurde bei ihm Beruf, was er schon als 15jähriger zu seinem Hobby machte: Schreiben. Es gibt Menschen, die ihre eigentliche Lebensaufgabe erst in der zweiten Lebenshälfte finden.

Sein damaliger Lehrer Siegfried Jud ermunterte den Schüler Christian immer wieder, zur Feder zu greifen. Auch aufs Dichten versteht er sich. Schon als 22jähriger veröffentlichte er ein erstes Bändchen, dem vor wenigen Jahren ein zweites folgte.
Die Kraft für seine Arbeit schöpft er aus seiner grossen Familie (=sechs Kinder), die ein guter Kitt zusammenhält.

Aus der Gedichtreihe von Christian
Der Gemeindeammann
(aus „Berufe in Stichworten von A bis Z“, ohne jegliche Satzzeichen)
In der Gemeindehierarchie
Anders war das wohl noch nie
Gibt es zum Vollzug der Tat
Mehrköpfig den Gemeinderat
Diesem steht – wie einem Chor
Der Gemeindeammann vor
Und er sinnt mit seinen Räten
Wie sie täten wenn sie hätten
Geht es der Gemeinde besser
Der Steuerfuss ist Fiebermesser
Gehen dann die Winde rauher
Ist der Ammann Klagemauer
Das Gestern – Heute und das Morgen
Sind des Gemeindeammans Sorgen.