«Sie wollen eine spannende Geschichte aus meinem Leben hören?», wiederholt Rino Scherrer die Frage. Sein Gang ist gemütlich während er durch die Wiler Altstadt vorbei am Baronenhaus schlendert. Er muss nicht lange überlegen, um auf diese Frage zu antworten. «Ich fange ganz von vorne meiner Lebensgeschichte an», fügt er als Zwischenbemerkung ein. Sein Vater, Joseph Scherrer, war ein ausgebildeter Weberei-Techniker. Er war ein abenteuerlustiger Mensch, wie Rino Scherrer gleich zu Beginn des Spaziergangs erzählt. Mit gerade einmal 27 Jahren zog Joseph Scherrer von Mosnang nach Alexandria, einer ägyptischen Hafenstadt am Mittelmeer. Denn sein Wissen und seine Erfahrungen waren besonders in den Vierzigerjahren gefragt. «Meine Mutter Ada ist Italienerin und ist in Alexandria geboren sowie aufgewachsen», erzählt Rino Scherrer weiter. So haben sich seine Eltern dort kennen und lieben gelernt. Gleich darauf gründete das Paar eine eigene Familie. So ist Rino Scherrer am 1. April 1948 als drittes Kind des Paares in Alexandria zur Welt gekommen. «An meine ersten Lebensjahre in Ägypten kann ich mich aber nicht erinnern», sagt der Wiler. Denn als er gerade einmal drei Jahre alt war, musste die ganze Familie das Land verlassen. Denn im Jahr 1952 wurde es für Ausländer in Ägypten unsicher. Ungemütlich wurde es für die Menschen mit Migrationshintergrund, weil damals Abdel Nasser und Muhammad Nagib durch einen Militärputsch damals an die Macht gekommen sind. «Uns ist nichts anderes als eine Flucht aus Ägypten geblieben», weiss Rino Scherrer aus Erzählungen seiner Eltern. Aber dann habe sich die Familie nicht für die Schweiz entschieden. «Mein Vater hat damals eine Arbeitsstelle in Gent, die als Studentenstadt in Belgien bekannt ist, gefunden», erwähnt er wieder einen Meilenstein aus seiner frühen Kindheit. «Ist Ihnen diese Geschichte spannend genug, Frau Journalistin?», stellt Rino Scherrer nun selbst eine Frage.

Der 72-Jährige ist für die bevorstehenden Gesamterneuerungswahlen im Herbst auf der Kandidatenliste der SP. Und nicht nur das: Er ist der älteste Kandidat, der für die nächste Legislatur in Stadtparlament der Äbtestadt gewählt werden möchte. «Ob ich zu alt für eine Kandidatur bin?», sagt das SP-Parteimitglied. Er schüttelt eifrig den Kopf und lächelt schon fast spitzbübisch. «Mit meiner Kandidatur möchte ich die Vorstellung wiederlegen, dass Menschen im Alter weniger robust und nicht belastbar sind», führt er weiter aus. Er möchte im Parlament den Rentnern und Rentnerinnen eine Stimme geben. Zumal er eine vielfältige Durchmischung im Stadtparament als etwas Positives und Bereicherndes sehe.

Die Themen seines Wahlkampfs

Noch immer sind die Schritte von Rino Scherrer gemütlich. Schliesslich ist es an diesem sonnigen Sommertag in einem weissen Hemd und einem dunkelblauen Anzug fast zu heiss. Erste Schweissperlen bilden sich auf seiner Stirn. Die Vögel haben es sich auf den Ästen der Bäume an der Hofbergstrasse gemütlich gemacht und zwitschern. Mittlerweile redet er nicht mehr über seine Vergangenheit, sondern viel mehr über die bevorstehenden Gesamterneuerungswahlen vom 27. September. Im Wahlkampf versuche er die Bürger davon zu überzeugen, dass er sich im Stadtparlament «für eine offene, moderne und soziale Stadt Wil» einsetzen werde. «Mir liegt eine Stadt Wil am Herzen, in der alle ihren Platz finden können – egal, ob mit oder ohne Schweizer Pass», sagt Rino Scherrer, «eine Stadt Wil, die allen Zugang zu einer guten Ausbildung gewährt.» Zudem wolle er sich für eine Stadt Wil, die benachteiligte Menschen unterstützt, einsetzen. Und für eine Stadt, die eine gute medizinische Grundversorgung garantiert und die bezahlbare Familienwohnungen sowie für die ältere Bevölkerung durchmischte Wohn-und Raumkonzepte anbietet.

 

Sollte der 72-Jährige im Herbst ins Stadtparlament gewählt werden, hat er sich bereits Gedanken darüber gemacht, welche Ziele er als Parlamentarier verfolgen würde. «Ich würde mich – berufsbedingt – mit der Bau- und Siedlungspolitik unserer Stadt auseinandersetzen», ist Rino Scherrer überzeugt. Schliesslich sei er der Meinung, dass Wil den Mut und die Weitsicht aufbringen sollte, an innovativen Siedlungskonzepten sowie an attraktiven öffentlichen Räumen mitzuwirken. «Ich würde weiter auch einen Schwerpunkt auf die Familien- und Sozialpolitik setzen», erklärt der Politiker, der vor wenigen Jahren Präsident der SP Wil war. Folgende Vorstösse würde er im Parlament einbringen: «Ich finde bezahlbare Kitas, Ermässigungen auf alle öffentlichen Einrichtungen für Familien mit Kindern, kostenlose Nutzung des ÖV’s für Rentner- und Rentnerinnen und das Stimm- sowie Wahlrecht ab 16 Jahren für alle Bürger- und Bürgerinnen wichtig.» Auch die Migrationspolitik würde er als Stadtparlamentarier nicht vergessen. Er ist überzeugt, dass auch unsere Mitbürger- und Mitbürgerinnen ohne Schweizerpass ein Wahl- und Stimmrecht bekommen sollten. «Denn das sind auch Steuerzahler und ein Teil unserer Gesellschaft.» Dass diese Menschen nicht das Recht haben, bei der Gestaltung der Stadt mitzuwirken, findet er «unfair und unsozial».

Erst mit 13 Jahren lernte er Deutsch

Doch zurück zu Rino Scherrers Lebensgeschichte: Nachdem seine Familie von Ägypten nach Belgien eingereist ist, ist er in Gent aufgewachsen. «Sprachen waren immer ein bedeutender Bestandteil meines Lebens», sagt der Stadtparlaments-Kandidat. Mit seinen vier Geschwistern hat er immer Französisch gesprochen. Mit den Eltern wurde auf Italienisch kommuniziert. Und mit den Freunden und den Kindern auf der Strasse wurde Flämisch geredet. Nur Arabisch habe er eben nie gelernt. «Wenn unsere Eltern etwas geheim halten wollten, dann haben sie sich auf arabisch unterhalten», erinnert sich der Politiker noch heute. «Deutsch habe ich erst später gelernt», erzählt er weiter. Denn erst im Jahr 1961, damals war Rino Scherrer 13 Jahre alt, hat es die Familie in die Schweiz gezogen. «Das war eine aufregende und harte Zeit zugleich», lässt er seine ersten Wochen in der Schweiz noch einmal Revue passieren. Denn in der ersten Phase nach dem Umzug in die Schweiz wohnten er und seine Geschwister nicht bei den Eltern in Mosnang. Die Kinder wurden einzeln bei verschiedenen Verwandten untergebracht. «So waren wir gezwungen Deutsch zu reden», erzählt er. Er bleibt nun auf der kleinen Brücke am Wiler Weier stehen und betrachtet kurz die Enten. Dann zieht er seine dunkelblaue Jacke aus und wirft sich diese über die Schulter.

«Meine Lebensgeschichte und -erfahrungen haben mich selbstverständlich geprägt», sagt Rino Scherrer. Für die Politik habe er sich schon als Kind interessiert. So habe er schon früh angefangen politische Zeitungsartikel zu lesen und dadurch erfahren, wieviel Unheil Belgien als damalige Kolonialmacht im Kongo – heute Demokratische Republik Kongo – angerichtet hat. Die Ermordung des ersten linken Premierministers Patrice Lumunba im Kongo sowie die vielen Stundendemonstrationen vor unserem Haus in Gent haben mich als junger Schüler für die Politik sensibilisiert. Es sei also nicht verwunderlich, dass ihn sein Weg zur SP Wil – bei dieser ist er seit dem Jahr 2007 Mitglied – geführt hat. «Ich war schon immer politisch links», sagt er. Soziale Gerechtigkeit, Solidarität, Gleichberechtigung und Demokratie seien schon immer Werte gewesen, die ihn begleitet haben.

Rino Scherrer hat keine Probleme damit, sich auch politisch zu äussern. So übt er scharfe Kritik am amtierenden Stadtparlament. «Das heutige Parlament – mit seiner rechten und konservativen Mehrheit – blockiert mit seiner Politik jede Entwicklung und Veränderung für unsere Stadt», sagt er. Das sei kein Fortschritt. Es repräsentiere nicht mehr die vielfältige, urbane und progressive Bevölkerung. «Weniger Steuern zahlen für Wenige oder für 30 Minuten gratis Parkplätze anbieten», führt er weiter aus, «das ist keine Politik und es fehlt den Rechten im Parlament das Bewusstsein des Klimawandels, das andere Modelle einer Stadtentwicklung erfordert». Diese Art von Politik bringe weder der Stadt einen Mehrwert, noch mache sie Wil lebenswerter. Er ist aber der Überzeugung, dass ein Parlamentarier alleine nicht viel bewirken kann. «Man kann Ideen einbringen, Vorstösse vorbereiten – aber um wirklich etwas in Wil zu verändern, braucht es im Parlament eine starke SP-Fraktion und Allianzen mit anderen Parteien. Darum mein Engagement für die SP-Wil auch mit 72 Jahren».