«Der Ansporn kam ursprünglich aus der Bevölkerung», erzählt Andrea Schwörer. Die Wiler Landschaftsarchitektin hat im Auftrag der Stadt die Umgebung bei der Logopädie-Liegenschaft am Bleicheplatz in eine Naturzone umgestaltet.

Biologische Aufwertung

Auch die kleine Verkehrsinsel in der Nähe sowie die Umgebung einer häufig benutzten Sitzbank gegenüber der Musikschule wurden miteinbezogen. «In diesem Bereich der Stadt halten sich zum einen Menschen auf, die ihr Kind aus der Musikschule oder aus der Logopädie abholen. Zum anderen ist hier ein wichtiger Kreuzungspunkt von Velo- und Fussgängerverkehrswegen Richtung Stadtweier, Bronschhofen und Stadt», sagt Andrea Schwörer.

Durch die naturnahe Gestaltung sollte dieser stark frequentierte Bereich der Stadt ökologisch aufgewertet werden. Vormals spriesste dort ein eher eintönig wirkender Rasen, der zum Aussenbereich des ehemaligen Kindergartens gehörte.


Wechselwirkung zwischen Tieren und Pflanzen

Bereits ein Jahr später ist dieses Areal nicht wiederzuerkennen, eine grosse Vielfalt an Pflanzen und Blüten sticht ins Auge. Sie leuchten lila, zartrosa und zitronengelb. Hier finden Schmetterlinge, Hummeln und Bienen Nahrung.

Diese Art der Gestaltung kann für das ungewohnte Auge gewöhnungsbedürftig sein. Leicht kann der Eindruck einer wuchernden Wildnis entstehen. Tatsächlich aber steckt einiges an Denkarbeit und gezielter Beeinflussung in diesem Stück Natur. «Wenn man im Herbst das Laub der Bäume liegen lassen würde, würden sie sich mit der Zeit im Humus verwandeln», erläutert Roman Nyffenegger, Leiter der Stadtgärtnerei. In der Folge würden sich bestimmte Pflanzen ansiedeln, die andere verdrängen. Demnach muss das Laub jeweils vorsorglich entfernt werden.

Rücksichtsvoller Rückschnitt

Das Gelände ist als nähstoffarmer Magerstandort angelegt, und dies soll auch so bleiben. Darüber dürften sich verschiedene Insektenarten freuen, die verdorrte Pflanzenstängel als Winterquartier benutzen und ihrerseits als Nahrung für bestimmte Vogelarten und Amphibien wichtig sind.

Mit dem Rückschnitt der vorhandenen Wildstauden wird im Frühjahr länger zugewartet, um den Entwicklungszyklus der Insekten nicht zu beeinträchtigen. «Man kann derartige Bereiche auch etappenweise zurückschneiden, damit sich die Kleintiere in andere Bereiche zurückziehen können», erläutert Roman Nyffenegger.

Natürliche Gestaltungseinflüsse

Einerseits benötigt die Grünfläche pflegerische Unterstützung, andererseits spielt auch der Faktor Zufall mit. «Durch den Wind und durch Vogelkot gelangen bestimmte Samen in die Fläche, die unter Umständen überhand nehmen können», erläutert Andrea Schwörer. Sie müssen durch gezieltes Jäten in Schach gehalten werden.

In jedem Jahr sieht die Vegetation gemäss der Landschaftsarchitektin etwas anders aus, weil verschiedene natürliche Einflussfaktoren mitgestaltend wirken: «Zum Bespiel können in einem Jahr an einer Stelle mehr Margriten blühen.»

Damit unterscheidet sie sich von einem konventionellen Garten, bei dem das Erscheinungsbild durch gezieltes Einbringen von Blumenzwiebeln, Setzlingen und durch Rückschnitt präzise gesteuert wird. Die Natur hat dort wenig eignen Spielraum bei der Gestaltung.


Wenig gewohnte Wirkung

Eine Rückorientierung zu Grünzonen mit einer Vielfalt an einheimischen Pflanzen, erfordert einiges an Umdenken und Anpassung der Sehgewohnheiten. Diese Standorte fallen kaum durch exotische Ziergewächse auf. «Sie wirken eher in der Fläche», sagt Andrea Schwörer.

Um die Grünzone für Kleintiere noch attraktiver zu machen, könnten künftig zusätzlich Asthaufen oder Totholz eingebracht werden, in denen sich Insekten, Käfer und Echsen zurückziehen können. Auch Steinhaufen sind beliebte Unterschlupfe, aber diese können in einer städtischen Umgebung eher problematisch werden, wie Andrea Schwörer weiss. Passanten könnten mit ihnen Unfug anstellen.

Öffentlicher Gemüsegarten

Mit zur Anlage gehören auch einige Hochbeete. Sie entsprechen dem Trend des Urban Gardening, dem Anbau von Gemüse im städtischen Umfeld. Jede Person kann Samen und Setzlinge einbringen und die Beeren, das Obst und das Gemüse ernten. «Es wäre schön, wenn auch die Kinder vom nahen Kindergarten hier durch Säen, Pflegen und Ernten einen direkten Bezug zur Herkunft des Gemüses bekommen würden», regt die Landschaftsarchitektin an.