Von diesem gemütlich eingerichteten Esszimmer an der Feldholzstrasse, schaut man auf die Dächer unzähliger Oberuzwiler Häuser. Dazwischen schlängelt sich der Tiefnebel zwischen den einzelnen Gebäuden. Die ersten Sonnenstrahlen dieses Januarmorgens versuchen den Nebel zu durchbrechen. Anstelle von einer überheblichen und selbstverliebten Schriftstellerin sitzt einem eine Autorin gegenüber, die weder sich noch das Leben zu ernst nimmt. Mirella Chopard sitzt vor einem rosafarbenen Glas mit Wasser gefüllt, in einem olivfarbenen Oberteil mit schwarzen Schmucksteinen am Halsausschnitt verziert, das goldblonde mittellange Haar trägt sie offen und mit frechen Stirnfransen frisiert. Ihre Lippen hat sie mit einem roten Lippenstift dezent betont. Sie lacht viel. Sie weiss, wie sie ihr Gegenüber mit ihrer Mimik für sich gewinnen kann. Eigentlich verbringt sie ihre Zeit zu Hause am liebsten im selbstgestalteten Garten. Dort lässt sie ihrer Kreativität freien Lauf. Aber im Winter sitzt sie gerne an diesem runden Esstisch.

Gerade hat sie ihr neustes Werk fertig geschrieben, ist deswegen total erlöst und würde gerne vor Freude tanzen. Und wenn wir schon dabei sind: Sie liebt es zu lachen und mit Menschen zu reden, die ebenfalls gerne lachen. «Wollen Sie wirklich nur Wasser?», fragt sie. «Ich mache Ihnen gerne einen Kaffee oder Tee.» Ein Ausweichmanöver? Um sich erst einmal ein Bild von ihrer Gesprächspartnerin zu machen? Sie macht einen Witz über ihr Aussehen. «Später kann ich schon so auf das Foto?», fragt sie. Sie lacht los.

Wie ein selbstverliebter Kaffee-Automat

Chopard ist nicht nur eine Autorin, sondern auch eine selbständige Unternehmerin und Mediatorin. Als Supervisorin hilft sie seit 14 Jahren Arbeitnehmern in den unterschiedlichsten Unternehmen, deren Kommunikation und damit ihre Arbeitsqualität zu verbessern. Davor hat die gebürtige Polin jahrelang als forensische Therapeutin in einer Justizvollzugsanstalt gearbeitet und war einige Jahre in der Clienia Littenheid unter anderem als Stationsleiterin der Psychotherapie und als Bereichsleiterin der Akutpsychiatrie tätig. Ein vielfältiger Auszug aus ihrem beruflichen Werdegang. Doch was ist die 51-Jährige für ein Mensch? Wie würde sie sich selbst beschreiben? «Ich habe viele Jahre in der Welt der Psychiatrie, Psychologie und Therapie gearbeitet», erklärt Chopard, die sich in ihrer Erstausbildung in Deutschland zur Pflegefachfrau lernte, «es macht keinen Sinn, mich nach meinen Charakterzügen zu fragen. Man schätzt sich selbst meistens ganz falsche ein.» Wieder lacht sie. Zuckt mit der Schulter als sie ihrer Gesprächspartnerin in die Augen schaut. Fragt man ihre Mitmenschen, wie sie Chopard als Menschen sehen, bekommt man Antworten wie «Sie ist ein fröhliches Licht und in ihrem Beruf wird diese Fähigkeit sehr geschätzt.» Oder: «Manchmal ist sie ein besserwisserisches Kochbuch.» Das sei sie zwar in erträglicher Ausprägung, aber sie erkläre gerne ungefragt, wie die Welt funktioniert. «Ich finde sie ist ein ungeduldiger Wasserkocher. Und manchmal benimmt sie sich wie ein kleiner selbstverliebter Kaffeeautomat.» Fantasievolle Charakterbeschreibungen – nein, passend zum Thema ihres aktuellen Buches «Küchenpsychologie oder der selbstverliebte Kaffeeautomat» wird sie von ihren engsten Bezugspersonen im letzten Kapitel genau so beschrieben. Dazu dann später. «Aber ja, das alles bin ich», sagt Chopard. 

 
Im hallowil.ch-Video-Interview erklärt Mirella Chopard, was die Küchenpsychologie eigentlich ist und was das Ziel ihres Buches ist. (Video: Magdalena Ceak) 

Eine Kindheit voller Angst und Unsicherheit

Die zehnjährige Mirella zittert. Sie versucht, sich die Angst und Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. Vor wenigen Minuten wurden sie und ihre Schwester beinahe gewaltsam von ihrer Mama und ihre Papa getrennt. Im Nebenzimmer hört sie ihre kleine Schwester weinen. Wildfremde Männer befragen sie in einem strengen und unfreundlichen Ton. «Warum wollt ihr in den Westen?», fragt ein Beamter. Das Mädchen blickt verunsichert auf und antwortet mit einer leisen Stimme: «Weil meine Grosseltern dort leben.» Seit Jahren gibt Mirella immer die gleiche Antworten. Denn so haben es ihr Mama und Papa beigebracht. Die Zehnjährige führt sich immer wieder vor Augen, wie ihre Eltern sie und ihre Schwester in den Wald bringen, um mit den beiden Mädchen reden zu können. Wusste die Familie nicht, ob ihre Wohnung abgehört wird. «Im Westen ist es schön», an diesen Satz ihrer Eltern erinnert sich das Mädchen immer wieder, wenn ihr andere Erwachsene etwas anderes weismachen möchten.

Dieser Lebensabschnitt hat Chopard besonders geprägt. Im Jahr 1968 wurde sie der polnischen Region Masuren – in der Nähe der russischen Grenze – geboren. Ihre Eltern waren ethnische Deutsche, die zurück in den Westen wollten. Die vierköpfige Familie ist schliesslich auf ihrem Weg in Dresden in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) gelandet. Während zehn Jahren wurden sämtliche Ausreiseanträge in den Westen abgelehnt. «Diese Zeit hat sich in meinem Kopf eingebrannt», sagt Choprad. Denn sie war von eben solchen Verhören und Schikanen der Stasi – dem Staatssicherheitsdienstes der DDR – geprägt. Die Stasi war dabei nicht nur der Nachrichtendienst, sondern fungierte allem voran als Geheimpolizei. Ihre grösste Angst sei immer gewesen, dass ihre Eltern nicht mehr nach Hause kommen. «In meiner frühen Kindheit musste ich nicht nur lernen, mit Angst umzugehen», erzählt die 51-Jährige heute, «sondern auch erkennen, welchen Menschen ich trauen kann und welchen nicht.» Deshalb konnte sie das Verhalten von Menschen meistens verlässlich deuten und dementsprechend reagieren.

Mit einem Augenzwinkern

Heute überrascht es kaum, dass sie sich in ihrem aktuellsten Werk «Küchenpsychologie» mit 30 verschiedenen Charaktertypen auseinandergesetzt hatte. Es sind Stereotypen denen man im Alltag so begegnet. «Um das diese Charaktere greifbar zu machen, habe ich ihnen verschiedene Küchengeräte und -untensilien zugeordnet», erklärt die Oberuzwiler Autorin. So redet sie im Buch von harmoniebedürftigen Teemaschinen, kopierende Alufolie, der passiven Etagere, dem dramatischen Stabmixer, den parasitären Entsafter oder den dienenden Seifenspender. «Zu jedem Küchengerät habe ich logischerweise noch eine Bedienungsanleitung mit Funktionsbeschreibung, Besonderheiten, Handhabung und Warnhinweisen verfasst», so Chopard. Ihr Buch soll ein humorvoller Ratgeber im Umgang mit unterschiedlichen Zeitgenossen sein. «Menschen haben mich schon immer interessiert», gibt sie zu, «und dieses Buch soll keine Satire über meine Mitmenschen sein oder Personen, denen ich einmal begegnet bin.» Das Werk solle also augenzwinkernd und schmunzelnd verstanden werden. 

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«Küchenpsychologie oder der selbstverliebte Kaffeeautomat» das ist das dritte Buch der Oberuzwiler Buchautorin Mirella Chopard. (Bild Magdalena Ceak)

Ein unglaublicher Schock

November 1979, kurz vor Weihnachten. Die elfjährige Mirella steht draussen. Neben ihr stehen ihre Schwester und Mama. Die Koffer stehen gleich neben ihnen. Sie zittern. Wegen der Kälte. Aber auch wegen der Angst. Vor wenigen Minuten wurde der Zug, der sie von Dresden nach Köln und damit in den Westen bringen sollte, angehalten. Der Papa durfte den Zug nicht verlassen. Als einziger Reisender wird er im Wagon verhört. «Das wars», schiesst dem Mädchen durch den Kopf. Sie glaubt nicht mehr daran, dass ihre Familie es jemals in den Westen schaffen wird. Stunden vergehen. Sie rühren sich nicht vom Fleck. Und dann plötzlich. Aus dem nichts. Ertönt ein schrilles Pfeifen. Die wartenden Menschen dürfen wieder in den Zug, die Reise wird fortgesetzt.

«Ich werde nie wieder den ersten Moment in Köln vergessen», sagt Chopard heute. Das sei ein Schock gewesen. Im Vergleich zum traurig düsteren Dresden sei Köln in dieser Vorweihnachtszeit üppig dekoriert sowie beleuchtet gewesen. Und die ersten Jahre in der Bundesrepublik waren alles andere als einfach. Das Leben, die Gesellschaft, das Bildungssystem, die Sprache – das alles sei anders gewesen. Der Weg in die Schweiz führte sie im Jahr 1995. Der Liebe wegen. «Das Gefühl von Zuhause ist das alles hier», sagt Chopard und blickt in ihren eigenen vier Wänden herum, die sie mit ihrem Ehemann teilt. «Ich weiss, es ist bunt und vielleicht etwas schrill», fügt sie weiter an. Aber sie liebe schöne Sachen, die Freude verbreiten. Ihre Gesprächspartnerin wirft einen Blick auf die Wand, vor der Chopard sitzt. Mit goldener Farbe ist die Kontur eines Baumes gemalt. An den Ästen hängen überdimesionales Besteck, Tassen, Teller, Kaffeekannen – alles im Vintage-Stil. Ein Zufall? «Definitiv ja», sagt die Buchautorin und lacht, «diese Wand habe ich, Jahre bevor ich das Buch über die Küchenpsychologie geschrieben habe, gestaltet».