Tap. Tap. Tap.Tap. Die kleinen Schritte sind leise. Tap. Tap. Sie werden immer schneller. Tap. Tap. Tap. «Mami», ruft ein kleines Mädchen mit Ohrenmütze, das von hinten wie ein kleiner Braunbär aussieht. Tap. Tap. Tap. Tap. «Wart mol Mami», ruft sie weiter, «es isch so dunkel.» Denn die Kerze ihrer selbstgebastelten Laterne mit buntem Blumenmuster brennt nicht mehr. Tap. Tap. Tap. Das Mädchen im Kindergartenalter ist ganz aufgeregt als sie und ihre Mama auf dem Weg zum Kirchplatz anhalten müssen.

Die Schweiz hat viele Bräuche und Traditionen, die das alte Jahr verabschieden und das neue begrüssen. Im bündnerischen Klosters wird ein Glücksschweinerennen, das gerade bei Touristen eine richtige Attraktion ist, veranstaltet. Im Appenzellerland ziehen beispielsweise die sogenannten Silvesterchläuse in Gruppen durch die Dörfer. «Wil hat da einen einzigartigen und wunderschönen Brauch, um den Jahreswechsel zu feiern», findet Ruedi Schär, der in Wil auch als Kulturförderer bekannt ist. Der ehemalige Stadtparlamentarier setzt sich seit eh und je für den Erhalt des traditionellen Silvesterumzugs ein, der immer am Abend des 31. Dezember veranstaltet wird und durch die Gassen des historischen Teil der Äbtestadt führt. Nach Angaben von Schär nehmen jährlich etwa 400 Kinder am altbekannten Anlass teil. «Und diese Zahl ist seit Jahren konstant.» Dem Laternenumzug fehle es weder an Teilnehmern noch an Zuschauern.

 

Immer mehr Kleinkinder, zu wenig Jugendliche

Die Wiler Stadttambouren trommeln zuerst ganz leicht. Dann werden sie immer lauter. In der Menschenmenge ist ein zartes Wimmern zu hören. Die musikalische Einlage der Tambouren scheint einen Säuglings, der dick eingepackt im Tragetuch von seiner Mama getragen wird, zu stören. Die Mama, die in der einen Hand eine Laterne mit Waldtier-Motiven und mit der anderen Hand, ihre etwa dreijährige Tochter hält. Um das Baby zu beruhigen, gibt die Mutter ihrem Nachwuchs einen Kuss auf das Köpfchen. Wenige Schritte weiter steht ein Vater mit einem Kinderwagen in der Reihe. Aus dem Kinderwagen ragt ein kleines in dicken Handschuhen eingepacktes Händchen, das eine Laterne mit einer LED-Kerze umklammert.

«In einer Sache hat sich der Wiler Silvesterumzug aber verändert», betont Schär. Am Laternenumzug würden immer mehr Kleinkinder mit ihren Eltern, Grosseltern oder Gotti und Götti teilnehmen. «Das ist natürlich schön, denn alle Wiler Kinder sind herzlich eingeladen», sagt Schär. Aber: Seit Jahren würden die Jugendlichen aus den Oberstufenklassen am Umzug fehlen, denn diese würde sich eher für eine Silvesterparty als für einen Laternenumzug interessieren. «Der Brauch sieht es eigentlich vor, dass die Kinder den Umzug alleine schmücken und die Eltern am Strassenrand zuschauen», erzählt Schär. Ihm sei bewusst, dass die kleineren Kinder nicht ganz ohne Begleitung mitlaufen könnten. «Wir würden ältere Schüler brauchen, die in der Dunkelheit, die Laternen höher halten können», weiss Schär. Diese Entwicklung sei ein Trend und werde auch in den nächsten Jahren andauern.


Jahreswechsel, der verbindet

Zwei Jungs halten ihre runden weissen Lampions mit LED-Beleuchtung fest in den Händen. Plötzlich werfen sie diese in die Luft und fangen sie lachend wieder auf. «Wooow, cool», klingt es auch einer Kinderschar vor dem Baronenhaus. Daneben steht ein Schuljunge, dessen Laterne auf einem langen Holzstock steht. Seine Laterne ist rund und auf der Vorderseite mit einem Schneemann aus auchdünnem Papier verarbeitet.

Kinder, die am Silvesterumzug teilnehmen möchten, müssen nicht unbedingt eine Laterne komplett neu gestalten. Denn die Stadt bietet Laternenbausätze an. «Diese Variante ist sehr simpel zusammenzubauen und leicht zu tragen», weiss Schär. Und diese Laternen, die es beim Infocenter zu kaufen gibt, stossen deshalb auf grossen Anklang bei der Bevölkerung. «Ich freue mich, dass heuer auch Bewohner des Lindenhof-Quartiers einzelne Laternen gebastelt haben, um am Umzug teilzunehmen», erzählt Schär. So sei der Anlass zum Jahreswechsel mittlerweile «verbindend über kulturelle Grenzen hinaus.»

Aus einer feuerpolizeilichen Massnahme

In den Wohnungen der Wiler Altstadt ist es an diesem Silvesterabend stockdunkel. Während die einen Bewohner mit einer Kerze am Fenster stehen, um das Treiben auf dem Hofplatz zu beobachten, sitzen andere nur am Fenstersims – sodass man nur die Silhouette von wenigen Menschen sieht. Am Rand stehen Grosseltern und Gottis und Göttis, welche die Kinder mit ihren Laternen fotografieren sowie Videos von Ihnen machen. Andere Laternen haben die Form eines Hauses.

Noch bevor der Laternenumzug startet, wird den anwesenden Erwachsenen und Kindern der Ursprung der Silvestertradition der Äbtestadt erzählt: Denn der Silvesterumzug ist aus einer feuerpolizeilichen Massnahme des frühen 19. Jahrhunderts entstanden. Damals kontrollierten die Inspekteure, ob alle Bewohner der Wiler Altstadt über eine Notfallbeleuchtung in Form eines windgeschützten Lichts besassen. Schliesslich sollte dieses im Fall eines Brandes als ausreichende Lichtquelle in den dunklen Gassen sorgen. Damit die Inspekteuere nicht an jeder Haustüre klingen mussten, platzierten die Bewohner ihre Laterne vor der Haustüre. Bewohner, die keine Notfallbeleuchtung verfügten, haben eine Busse bekommen. Erst später verwandelte sich die feuerpolizeiliche Kontrolle zu einem Laternenumzug.