Die Gemeinde Niederbüren hat die einmalige Gelegenheit, mit dem Erwerb des Museumsgrundstücks und des Gebäudes in den Besitz eines kulturell bedeutenden Zeitzeugen der Textilgeschichte zu kommen. Das Textilmuseum Sorntal gilt als das einzige erwähnte technische Museum von nationaler Bedeutung im Kanton St.Gallen. Es wurde 2010 in die schweizerische Inventarliste der Kulturgüter der Kategorie A aufgenommen. Visuell dokumentiert wird diese Auszeichnung mit dem blau-weissen Kulturgüterschild, das im Innern des Gebäudes angebracht wurde. Das ehemalige Spinnereigebäude wurde 1994 innen und aussen renoviert und als technisches Textilmuseum eingerichtet. Es liegt an der Hauptstrasse Niederbüren – Bischofszell bei der Bushaltestelle „Museum“. Bei einem Tag der offenen Tür am 9. Juni ermöglichte der Gründer und Kurator des Museums Gottlob Lutz der ganzen Bevölkerung den Einblick in das Fabrikleben und in die Industrie- und Sozialgeschichte des 19./20. Jahrhunderts.

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Die Gemeinde Niederbüren bekommt die einmalige Gelegenheit, die Museumsliegenschaft zu erwerben und den Fortbestand des Textilmuseums zu sichern.

Schaubetrieb der Technik

Das Textilmuseum Sorntal Niederbüren zeigt auf 900 m2 in drei Stockwerken ein Sammlungsensemble, das alle Bereiche des traditionsreichen Textilhandwerks und der nachfolgenden Textilindustrie umfasst. Die authentischen Ausstellungsobjekte, die zum Teil über 150 Jahre alt sind, reichen von den ursprünglichen Geräten der Heimindustrie bis zu weiter entwickelten Web-, Stick- und Spinnmaschinen aus den Anfängen der Industrialisierung. Alle Maschinen und Geräte sind noch funktionsfähig und werden teilweise bei Führungen in Betrieb gesetzt. Darunter sind zahlreiche historische Maschinen und Geräte schweizerischer Maschinenbauer wie Benninger, Saurer oder Martini. Die dargestellte Textil-Geschichte vermittelt ebenso einen Einblick in die damaligen Arbeitsbedingungen, die in handgeschriebenen Bücher und Protokollen dokumentiert sind. Einmalig ist auch eine Sammlung von rund 2,5 Millionen Stoffmustern aus den Bereichen Stickerei, Weberei, Stoffdruck, Flechterei, Strickerei und Wirkerei sowie aus der Strohindustrie und anderen Fachgebieten. Diese einmalige Sammlung ist das Lebenswerk des ehemaligen Zetag-Direktors Gottlob Lutz. Er betreut zusammen mit seinem ehemaligen Mitarbeiter Franz Kettel das Museum und bietet Gruppenführungen an.

Wertvolles Ausstellungsgut

Das Textilmuseum Sorntal im dreistöckigen Gebäude ist in drei Bereiche eingeteilt. Im Erdgeschoss stehen zahlreiche Maschinen und Geräte aus der Frühzeit der Industrialisierung. Sie zeigen die Vielfalt der Textilindustrie. Im ersten Obergeschoss sieht man die ursprüngliche Situation eines Fabriksaals aus dem Jahr 1850. Der historische Raum mit den hölzernen Geräten der damaligen Heimindustrie fasziniert durch seine besondere Atmosphäre. Neben Spinn- und Spulräder weisen Arbeitsgeräte für die Flachsverarbeitung, die Handstickerei, die Strickerei, den Stoffdruck, die Strohverarbeitung, die Handweberei und die Jacquardweberei auf die Vielfalt der textilen Berufe hin. Besonders stolz ist Gottlob Lutz auf das Obergeschoss. „Das ist mein grosser Schatz mit dem Archiv, das wichtige Dokumente, Geschäftsbriefe, Geschäftsbücher, eine Unzahl von Stoffmusterbüchern und eine Textilbibliothek enthält“.

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Die ausgestellten Maschinen sind Zeitzeugen der frühen Industrialisierung der Textilbetriebe.


Textilhochburg Sorntal

Nur noch das Textilmuseum erinnert heute daran, dass das Sorntal einst eine Hochburg der Textilfabrikation war. Im Juni 2007 stellte die Zetag AG, die seit 1823 im Sorntal Textilien herstellte, als letztes noch verbliebenes Unternehmen ihre Produktion ein. 37 Jahre leitete Gottlob Lutz, der mit seiner Familie in Bischofszell wohnt, als Direktor das Unternehmen. Über Jahre sammelte er vor allem in der Deutschschweiz alles, was mit der Textilgeschichte zu tun hat. 1976 konnte er das Museum im Sorntal eröffnen. Seither präsentiert er seine einmaligen Schätze angemeldeten Gruppen von zehn bis vierzig Personen bei anderthalbstündigen Führungen. „Die Besucher können dabei einige Maschinen und Geräte in Betrieb sehen, denn das interessiert sie mehr als nur mündliche Erklärungen. Sie staunen über die technischen Raffinessen der Anlagen, mit denen im 19. und 20. Jahrhundert die Produktion von Garnen, Stoffen, Webereien und andere Sparten erfolgte“, erklärte der leidenschaftliche Sammler und Textilfachmann bei der Führung.

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Als noch mit Lochkarten die Muster die Muster auf die Maschinen übertragen wurden.


Erfolgreiche Verhandlungen

Um die Zukunft des Textilmuseums Sorntal zu sichern, fanden mit der aktuellen Besitzerfamilie Georgii aus dem süddeutschen Sindelfingen Gespräche und Verhandlungen statt. So ergab sich für die Gemeinde Niederbüren die Chance, dass die Liegenschaft mit 3‘952 m2 Boden und dem Gebäude zum sehr tiefen Kaufpreis von Fr. 430‘000 übernommen werden kann. Diese amtliche Verkehrswertschätzung erfolgte aufgrund der zweckbestimmten Liegenschaftsnutzung. Die aktuelle amtliche Schätzung bestätigt einen Gebäudezeitwert von Fr. 874‘000 und zusammen mit dem Grundstück einen Sachwert von 1,093 Millionen Franken. Gemeindepräsident Niklaus Hollenstein, der mit dem gesamten Gemeinderat hinter dem Vorhaben steht, will die Zukunft des Museums absichern. „Wenn der Kauf getätigt werden kann, stellt der Museums-Kurator Gottlob Lutz das gesamte Ausstellungsgut gratis zur Verfügung. Es soll von einer noch zu gründende Organisation (Verein oder Stiftung) übernommen werden“. Der Gemeinderatsbeschluss über den Erwerb der Liegenschaft mit Investition ins Finanzvermögen liegt in der Gemeinderatskanzlei auf. Falls ein Referendum zustande kommen sollte, unterliegt das Geschäft einer Volksabstimmung.

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Die Zukunft des Textilmuseums Sorntal kann nur mit dem Erwerb der ganzen Liegenschaft gesichert werden. Sämtliches Museumsgut wird gratis zur Verfügung gestellt.