Gemäss dem Initianten der Wiler Kultur-Werkstatt, Michael Fischer, soll das Haus an der Glärnischstrasse „Räume öffnen, in denen Begegnungen, Menschlichkeit, Kreativität, Meditation und Spiritualität“ möglich sind. Dass sich Fronten bilden, liegt in der Natur des Krieges. Wenn die Waffen längst schweigen, bleiben oft die Gräben im Inneren der Personen noch während Jahren geöffnet. Misstrauen, Groll und Rachegefühle abzubauen gelingt oft nur, wenn man die Menschen miteinander in Kontakt bringt, damit sie sich wieder annähern und den inneren Krieg endlich beenden können. Genau dies war das Ziel von Michael Fischer und seiner damaligen Lebenspartnerin.

Neues Vertrauen fördern
Im Auftrag eines Schweizer Hilfswerks waren sie nach dem Ende des Balkankrieges sechs Monate mit einem Kleinbus in Bosnien, Serbien, Kroatien und in Albanien unterwegs. Die ausgebildeten Pädagogen und Rhythmiklehrpersonen besuchten mit Musikinstrumenten Flüchtlingscamps und Waisenhäuser. Zuvor hatten sie bereits in der Schweiz mit Flüchtlingen gearbeitet.

Vertrauen neu aufbauen
Die universelle Sprache von Rhythmus und Musik sollten kriegsversehrten Menschen ermöglichen, wieder soziales Verhalten einüben. Aber auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Stärken sollte wieder wachsen.
Unterstützt wurden die beiden Schweizer von lokalen Partnerhilfswerken, die ihrerseits wieder neues Vertrauen zu anderen Organisationen aufbauen mussten; Kriege zerstören nicht nur Häuser und Städte, sie beschädigen auch zwischenmenschliche Beziehungen.

Weiterentwicklung anregen
Nach der Rückkehr von seiner Tour hatte Michael Fischer das Bedürfnis, allmählich sesshaft zu werden. Nach seinen Erfahrungen auf dem Balkan wollte er in der Schweiz etwas begründen, das ebenfalls Menschen in Kontakt bringt und sie zur individuellen und zur gemeinsamen Weiterentwicklung anregt.

Ort für Kreativität
Über Umwege hatte er von einem leerstehenden Gebäude in der Bahnhofsregion von Wil gehört. Bei einem Augenschein war für ihn klar, dass es eine Liegenschaft war, in denen seine Visionen Wirklichkeit werden könnten: „Einen Ort schaffen, in denen durch das Zusammenspiel von Musik, Bewegung und Gestaltung zwischen den Menschen kreative Prozesse in Gang gesetzt werden.“

Organisches Wachstum fördern
Dass schöpferische Vorgänge weder geplant werden können, noch zu einem vorhersehbaren Ergebnis führen, nimmt der 50-jährige Michael Fischer bewusst in Kauf, es ist sogar erwünscht: „Es sollen Entwicklungsräume geöffnet werden, die organisches Wachstum ermöglichen.“

Etablierte Stätte für Kleinkunst
Nach einer aufwändigen Umbau- und Sanierungsphase wurde vor zehn Jahren die Eröffnung gefeiert. An diesem Anlass gaben zwei kreative Musikvirtuosen ein Gastspiel. „Durch diesen Auftritt wurde klar, dass wir einen Verein gründen wollen, der öffentliche kulturelle Veranstaltungen anbietet.“ Mit „wir“ sind fünf gleichgesinnte Freudinnen und Freunde gemeint.

Aus dem damaligen zündenden Funken ist im Laufe der Jahre die Kulturinstitution „Bühne am Gleis“ gewachsen. Mit regelmässigen Veranstaltungen im Kleinkunstbereich hat sie sich bei den Liebhabern von Pantomime, Poesie, stilübergreifender Musik, Kabarett und dergleichen einen guten Ruf in der Region aufgebaut.

Stabile finanzielle Basis
Besucherinnen und Besucher der Kultur-Werkstatt sind auch auf anderen Schienen unterwegs. Es stehen drei Therapieräume zur Verfügung, die für psychologische und für körperorientierte Behandlungen gemietet werden können.
Im Weiteren bieten verschiedene Fachpersonen regelmässig Kurse in Yoga, Line Dance, Qi Gong, Seniorenfitness, Bewegungsimprovisation und weiterem mehr an. Als Mieterinnen tragen sie zur Finanzierung der Kultur-Werkstatt bei.

Michael Fischer: “Die meisten Kursleiterinnen bieten ihr Angebot seit Beginn an, andere Projekte werden nach einer Versuchsphase mangels Resonanz nicht weitergeführt.“ Wie er betont, nimmt er Anfragen für weitere gesundheitsfördernde und inspirierende Workshops und Kurse gerne entgegen.

Vegetarische Gaststätte
Das Austesten, welche Angebote beim Publikum auf Interesse stossen, und für welche derzeit offenbar wenig Bedürfnis besteht, ist gewissermassen Teil des Konzeptes der Kultur-Institution. Weiterentwicklung in verschiedene Richtungen soll jederzeit möglich sein.
Zu den Ideen, die in den Kinderschuhen stecken geblieben sind, gehört ein vegetarisches Restaurant. Das seit Beginn bestehende Bistro sollte mit einem entsprechenden Angebot ergänzt werden. Das Interesse war gross, verschiedene Interessierte haben ihre Unterstützung in irgendeiner Form angeboten. Doch es fand sich niemand, der die Hauptverantwortung übernehmen wollte.

Selbsterfahrung im Tanz
Dagegen erweisen sich andere Angebote als erfolgreich, zu diesen gehören Tanzveranstaltungen am Freitagabend, die seit rund einem Jahr von verschiedenen Leiterinnen und Leitern angeboten werden. Dazu wurde zusätzlich eine leistungsstarke Musikanlage eingebaut.

Bei diesen Tanzveranstaltungen handelt es ich weniger um Anlässe à la klassische Disco mit Paartanz, sondern um Bewegungsmeditation, Körpererfahrung und Selbstentfaltung. Sie heissen etwa „Ecstatic-Dance“, „Trance Tanz“, „TanzNatürlich“ sowie „5Rhythmen“.

Wer sich auf diese Art von Tanzen einlässt, weiss im Voraus nicht genau, wohin sie oder ihn der Fluss der Bewegung führen wird. Genau diese Erfahrung deckt sich mit den Absichten der Gründers der Kultur-Werkstatt: „Immer wieder den Fluss der inneren und äusseren Entfaltung zu inspirieren, um zu sehen, welche Resonanzen daraus entstehen.“