Emire Mustafa lebt ihre Liebe zur Äbstestadt auch auf virtuelle Weise. Das World Wide Web hat der 22-Jährigen zu lokaler Bekanntheit verholfen: Sie ist Gründerin und Moderatorin der Facebook-Gruppe „Du bisch vo Wil wenn …“ Die Wilerin Bürgerin mit türkischen und mazedonischen Wurzeln erklimmt derzeit die ersten Sprossen einer womöglich steilen beruflichen Karriereleiter.„Es war eine megacoole Zeit, es war die schönste Zeit in meinem bisherigen Leben“ schwärmt Emire Mustafa. Das freudige Lächeln auf ihrem Gesicht lässt keinen Zweifel an ihrer Aussage. Man merkt förmlich, wie in ihr die Erinnerungen aufzusteigen beginnen. Diese „megacoole Zeit“ erlebte sie in der Wiler Mädchensekundarschule Kathi. Es sei eine angenehme Gemeinschaft mit vielen schönen Erlebnissen und bleibenden Erinnerungen gewesen. Besonders betont sie das Musical, an dem sie mitwirkte. Eine Lehrerin habe sie im Kathi „gepusht“. „Sie hat mich regelrecht gedrängt. Ohne sie wäre ich nicht dort, wo ich heute bin.“

Praxis von der Pike auf
Dieses „dort“ ist die Fachhochschule St. Gallen, wo die 22-Jährige diesen Sommer ihr Wirtschaftsstudium mit Vertiefung in Marketing abschliessen wird. Danach stehen ihr zwei Optionen offen: ein Trainingsprogramm für Studienabgänger bei einer Supermarktkette. Innerhalb eines Jahres würde sie dort den ganzen Betrieb von der Pike auf kennenlernen und sich Schritt für Schritt die Hierarchiestufen hocharbeiten. Wenn sie davon erzählt, beginnt ihr Gesicht vor Vorfreude förmlich zu strahlen.

Engagement und Verantwortung
Die zweite Möglichkeit wäre ein zweijähriges Weiterstudium bis zum Masterabschluss. Auf ihrem beruflichen Horizont hat sie eine berufliche Selbständigkeit oder eine Kaderposition in einem Unternehmen. „Ich bin jemand, der nicht gerne geführt wird, ich führe lieber“, sagt sie, und fügt bei:“ Ich übernehme auch gerne Verantwortung.“ Als kleines Mädchen war sie sehr schüchtern und redete kaum. Im Pubertätsalter zeigte sich, dass auch eine Alphatier-Seite in ihr steckt, die gerne andere anleitet.

Freude am Gestalten
Nach ihrer Schulzeit absolvierte sie eine kaufmännische Ausbildung bei der LARAG, in Verbindung mit der Berufsmittelschule. Nach der Motivation zu ihrem jetzigen Studium gefragt, antwortet sie: „Im Marketing kann man sehr viel gestalterisch wirken, zum Beispiel bei Werbemitteln.“

Erste Studentin
Ihr pensionierter Vater arbeitete jahrelang auf dem Bau. Die Mutter ist seit 40 Jahren Reinigungskraft. „Sie ist in Mazedonien geboren, aber in der Türkei aufgewachsen.“ Emire Mustafa hat daher auch Verwandte im Balkanland und erklärt dieses als ihre dritte Heimat. „Meine Mutter sagte immer wieder: Du entscheidest selber, ob du eines Tages den Putzlappen oder den Kugelschreiber in der Hand hältst.“ Dass die Tochter mittlerweile an einer Fachhochschule studiert, macht sie sehr stolz. Und auch die Verwandten in der Türkei sind begeistert über die erste Bachelorabsolventin in der Familie.

Liberale Muslima in christlicher Schule
Die Wilerin versteht sich ausdrücklich als liberale Muslima. Dass sie mit ihrem Glauben in einer christlich orientierten Schule, dem Wiler Kathi, unterrichtet wurde, sei für sie kein Problem gewesen. „Ich habe an jeder Veranstaltung in der Kirche teilgenommen.“ Sie sass schweigend dabei, wenn Gebete gesprochen wurde. In ihrer Klasse gehörten fünf Mädchen dem Islam an.

Kleidung niemandem verbieten
Emire Mustafa ist in einem vergleichsweise toleranten Elternhaus aufgewachsen. Sie wurde beispielsweise nie gedrängt, den Ramadan einzuhalten. Die Entscheidung wurde ihr überlassen. Für die Frau mit den langen Haaren war das Tragen eines Kopftuches nie ein Thema. Sie versteht nicht, weshalb manche Politiker ein Verbot des Kopftuches fordern und weshalb so etwas überhaupt ein Thema für eine Kontroverse sein kann. „Für mich ist dies ein Kleidungsstück wie jedes andere auch. Ich verbiete auch niemandem einen bestimmten Hut zu tragen“, meint sie.

Modern und antik
Emire Mustafa fühlt sich mit der Türkei sehr verbunden. Am Land ihrer Vorfahren liebt sie die Kombination von modernen und historischen Bauten. Aber auch die typischen Farben faszinieren sie. Und dann folgt eine überraschende Aussage zu Istanbul, der Heimatstadt ihrer Familie. „Manchmal kommt mir das Leben dort moderner vor als in der Schweiz.“ Manche Frauen seien mit sehr engen Hotpants unterwegs. In ihrer Mimik und Stimmlage zeigt sich ein leichtes Befremdet sein.

Wil in passender Grösse
Genauso sehr liebt sie ihre zweite Heimat: „Ich fühle mich als Schweizerin.“ Um dieses Gefühl auch amtlich werden zu lassen, beantragte sie vor zwei Jahren das Schweizer Bürgerrecht, das ihr auch verliehen wurde. „Ich bin jemand, der Wil öfters mal gegen Angriffe verteidigt“, merkt sie schmunzelnd an. Sie findet die Stadt weder zu gross, noch zu klein. Sie habe ein erstaunlich breites Kulturangebot auf kleinem Raum. Auch der multikulturelle Aspekt behagt ihr. Auch zum Shoppen sei Wil angenehm. Weiter lobt sie auch die guten Bahnverbindungen. Für eine junge Frau, der die Welt offen steht, ist dieser Faktor nicht zu unterschätzen.

„Emire, wie geht’s dir so?“
Die türkisch-schweizerische Doppelbürgerin erreichte in Wil eine für sie unerwartete Bekanntheit mit der Gründung der Facebook-Gruppe „Du bisch vo Wil wenn…“ Derartige Gruppen existieren in vielen Schweizer Städten und Gemeinden. Emire Mustafa gefiel die Idee, so rief sie auch eine für die Äbtestadt ins virtuelle Leben. Sie war ursprünglich nur für ihre Freundinnen und Freunde gedacht, die ebenfalls in Wil gross geworden sind. Doch dann setzte plötzlich ein kleiner Tsunami ein: binnen zweier Monate hatte die Gruppe 2000 Mitglieder; heute sind es 5000 jeglichen Alters.

Keine Werbung
In der Gruppe sollen für Wil typische Orte, Begebenheiten und Erfahrungen gepostet werden. Momentan werden etwa Meinungen zum fehlenden Halt der Fernbuslinien in Wil ausgetauscht. Werbung und Pöbeleien sind verpönt. Einmal pro Tag kontrolliert Emire Mustafa die neusten Einträge. Was gegen die Gruppenregeln verstösst oder als anstössig empfunden wird, löscht sie. Öfters wird sie auch von Mitgliedern angegangen grenzwertige Posts zu entfernen. Leicht belustigt erzählt sie, dass sie schon Kaufangebote für die Facebook-Site bekommen habe, 200 Franken wollten Kaufwilligen dafür bezahlen. Was sie mit der Übernahme der virtuellen Gruppe für Absichten hatten, ist ihr unklar. „Für Werbung vielleicht?“

Niveau der Gruppe hoch halten
Weshalb macht sie sich täglich die Mühe, Angebote von Ferienhäusern, Wohnungsinseraten und hirnlose Kommentare zu beseitigen?“ Sie glaubt, dass das Niveau der Gemeinschaft eine gewisse Schwelle nicht unterschreitet, wenn die virtuelle Pinnwand täglich gepflegt wird.“ Wer sich in die digitale Öffentlichkeit wagt, schafft sich nicht nur Freunde: ein älterer Kommentator griff sie vor einiger Zeit an, mit ihrem Namen sei sie ja gar keine echte Wilerin. Zudem sei sie ja noch sehr jung, ihr fehle die langjährige Erfahrung in Wil. “Ich versuchte mit ihm über das Internet ins Gespräch zu kommen, aber es brachte nichts.“ Sie sei in dieser Stadt geboren und aufgewachsen, sie fühle sich mit ihr sehr verbunden.

Wil digital
Emire Mustafa erlebte auch wie merkwürdig sich der Zusammenprall der virtuellen und der realen Welt anfühlen kann: In der Boomzeit der Gruppe veranstaltet Cinewil eine Party zum Thema. Es gab Bier und Oldies wurden gespielt. Die Gründerin wurde als Ehrengast eingeladen. „An dieser Party kamen mir völlig unbekannte Leute auf mich zu und fragten mich, wie es mir so gehe“, erzählt sie schmunzelnd. Mittlerweile scheint diese Facebook-Gruppe für Wil ebenso typisch und unverzichtbar wie die Altstadt - Wil ist definitiv im 21. Jahrhundert angekommen.