Auf den ersten Blick erscheint Einsamkeit als ein Mangel am Kontakten. Doch dies ist sehr kurz gedacht, sie ist ein Zustand der verschiedene Ursachen und Ausprägungen hat. Einsamkeit ist weniger ein quantitatives sondern vielmehr ein qualitatives Phänomen, zu diesem Ergebnis kommt eine Studie. Will heissen: Nicht die Anzahl der Beziehungen ist entscheidend, sondern deren Tiefe und Tragfähigkeit. 

Alleinsein ist nicht grundsätzlich belastend, manche Menschen können im Rückzug neue Kraft tanken. Sie brauchen die zeitweilige Distanz um zu sich selber zu kommen und beispielsweise einen Lebensabschnitt abzuschliessen. Als Beispiel sind etwa jene Pilger zu nennen, die alleine den Weg Richtung Santiago de Compostela unter die Wanderschuhe nehmen.

Isolation fühlt sich in der Regel dann als unangenehm an, wenn der Zustand unfreiwillig ist. Er drückt auf die Stimmung. 

Ängste, Selbstzweifel und unangenehme Erinnerungen können sich melden. Hält die Einsamkeit lange an, treten eventuell Empfindungen von innerer Leere und von Sinnlosigkeit des eigenen Daseins auf.

Fachleute unterscheiden drei Formen von Einsamkeit:

Reaktionelle Einsamkeit entsteht bei Umstellungen im Leben, wie Mutterschaft, Wohnortwechsel, Arbeitslosigkeit, Pensionierung, Auszug der flügge werdenden Kinder, Verlust des Lebenspartners sowie auch bei Krankheit. 

Durch die äussere Veränderung im Leben werden die bisherigen zwischenmenschlichen Kontakte weniger intensiv oder brechen ganz ab. Das Gefühl von Isoliertheit lässt in der Regel nach, wenn sich ein neues Beziehungsnetz entwickelt hat.

Schleichende Einsamkeit intensiviert sich kontinuierlich. Zwischenmenschliche Kontakte sind vorhanden, aber die Gespräche bleiben oberflächlich und unverbindlich. Echte Freundschaften bestehen kaum oder verlieren sich allmählich. Das Gefühl von Isoliertheit nimmt zu.

Chronische Einsamkeit besteht oft über Jahre. Die Betroffenen sind kaum fähig von sich aus neue Kontakte zu knüpfen sowie bestehende zu pflegen. Ursache ist unter Umständen eine depressive Erkrankung, die den Antrieb hemmt, die die Gefühlsvielfalt einschränkt und die pessimistische Gedanken nährt. 

Dieses psychische Leiden muss unbedingt ärztlich und/oder psychotherapeutisch behandelt werden! Chronische Einsamkeit kann gesundheitliche Störungen wie häufige Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme, Herzbeschwerden und Immunschwäche auslösen. Schwache soziale Beziehungen wirken sich gemäss einer US-Studie ähnlich negativ und risikoreich aus wie Rauchen und Übergewicht

Soziale Isolation beginnt im Kopf

Eine Auswertung von 20 Studien zum Thema Einsamkeit an der Universität von Chicago kam zu einer aufschlussreichen Feststellung: Um die dauerhafte Isolation zu überwinden, braucht es nicht vorrangig ein grösseres Angebot an Kontaktmöglichkeiten, in erster Linie muss die Einstellung gegenüber sich und den Mitmenschen verändert werden.

Post inside
Manche Menschen schöpfen auf Wanderungen in der Natur neue Kraft. (Foto: pixabay josefalbersfotos) 

Häufiges Hindernis ist selbstentwertendes Denken: Man nimmt von sich selber an für andere nicht interessant, wichtig und gebildet genug zu sein. 

Um mit anderen in Kontakt zu kommen, muss man kein Expertenwissen besitzen, keine exotischen Länder bereist haben und auch kein bildschöner Mensch sein. Naheliegende Themen, bei denen jedermann mitreden kann, eignen sich für den Auftakt. Die wechselnden Launen des Wetters oder die Jahreszeiten sind gute Anknüpfungspunkte für ein Gespräch. Jedermann erlebt sie ganz persönlich und kann entsprechend mitreden. Das Risiko von Meinungsverschiedenheiten ist gering, das Wetter ist kein Thema das die Menschen polarisiert. Es bietet eine unverfängliche Gelegenheit auszuprobieren, ob die Chemie auch für anspruchsvollere Themen stimmen würde.

Post inside
Dank digitalen Medien kann man auch im Homeoffice und in der Quarantäne zwischenmenschliche Kontakte pflegen (Foto: pixabay geralt) 

Wichtig: Politik, Religion, Krankheiten und persönliche oder berufliche Probleme bleiben für Zusammenkünfte mit Verwandten und engen Freunden vorbehalten. Mit flüchtigen Bekannten schneidet man diese Gesprächsthemen besser nicht an, sie können die Atmosphäre belasten.

Interesse zeigen

Kommunikationsexperte Dale Carnegie schreibt in seinem Bestseller «Wie man Freunde gewinnt»: «Man kann anderen Menschen kaum ein grösseres Kompliment machen, als wenn man ihm aufmerksam zuhört.» 

Wer sein soziales Netz vergrössern will, sollte demnach weniger die eigene Personen in den Vordergrund stellen, sondern sich für die Erfahrungen und Ansichten anderer interessieren.

Geduld bringt Kontakte

Wenn Angesprochene zurückhaltend reagieren, bedeutet dies nicht zwangsläufig Antipathie: Manche Menschen sind grundsätzlich gegenüber Unbekannten vorsichtig, sie haben negative Erfahrungen gemacht, manchmal stecken hinter Kontaktaufnahmen auch unerwünschte Absichten wie aufdringliches Verkaufen von Produkten oder das Anwerben von Mitgliedern für eine weltanschauliche Gruppierung.

Post inside
Die vielfältigen Düfte, Geräusche und Erscheinungen der Natur kann man alleine intensiver geniessen. (Foto: pixabay RoonZ-nl) 

Andere sind in Eile oder werden von beruflichen oder privaten Sorgen geplagt, sie sind momentan nicht entspannt genug um sich für eine andere Person zu öffnen. Ihre Wortkargheit sollte man nicht persönlich nehmen. 

Wenn sich neue Kontakte nur zögerlich ergeben, sind manche Einsame überzeugt, dass andere kein Interesse an ihnen haben. Sie geraten damit in eine sogenannte sich selbsterfüllende Prophezeiung: Jeder gescheiterte Kontaktversuch bestätigt sie in ihrem Vorurteil, dass niemand mit ihnen etwas zu tun haben will. Doch meistens braucht es etwas Ausdauer bis sich erfreuliche Bekanntschaften entwickeln.

Sich selber Freuden bereiten

Wenn die Einsamkeit überwunden werden soll, ist nicht nur bei der Einstellung gegenüber den Mitmenschen eine Korrektur nötig, man muss man auch bei sich selber anfangen. Ein gewinnendes Auftreten erreicht man, wenn man mit sich selber wie mit einem guten Freund umgeht. Wer sich mit sich selber einigermassen wohlfühlt, strahlt dies auch für die Umgebung wahrnehmbar aus

Dies begünstigt Empfindungen von Einsamkeit:

  • Kaum Abwechslung und Höhepunkte; fehlende Struktur im Tages-, Wochen- und Jahresablauf
  • Passive Haltung; man erwartet, dass andere aktiv werden und sich melden
  • Keine Nah- und Fernziele
  • Wenig Interessen und Liebhabereien
  • Ausgeprägtes Verhaftetsein in der Vergangenheit