Wieder ist der Kulturkommission Oberuzwil ein Coup gelungen, denn sie konnten Bettina Castaño - auf der ganzen Welt auftretende Flamenco-Tänzerin mit Appenzeller Wurzeln – zu einem Auftritt in Oberuzwil verpflichten, zusammen mit dem erstklassigen portugiesischen Cellisten Fernando Gomez – auch Gomes geschrieben. Das Publikum bekam einen musikalisch-optischen Hochgenuss geschenkt. Nach den einleitenden Worten von Kulturkommissionspräsident Reto Almer wurde die kleine Bühne im Singsaal der Oberstufe Schützengarten für einen unvergesslichen Abend freigegeben. Flamenco
Flamenco verbindet man meist mit rotschwarzen Rüschenkleidern, klappernden Kastagnetten und machomässig auftretenden Männern, die singend die tanzenden Frauen anheizen. Bettina Castaño – auf ihrer Homepage als „erdverbunden, der Kastanie verwandt“ bezeichnet – stammt aus Teufen AR und wuchs als Bettina Sulzer auf. Doch sie hat schon lange ihre Heimat verlassen und sich in Sevilla ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Flamencotanz, zugewandt, diesen aber ausgeweitet auf immer neue Formen dieses speziellen Tanzes. Ein untrügliches Rhythmusgefühl, gutes Gleichgewicht, dazu einen austrainierten Körper und hohe Musikalität braucht es, um diesen Tanz zur Blüte zu bringen.

Ursprung in der Zigeunermusik
Andalusien war lange Zeit ein Spielball der Politik. Einmal eroberten die Mauren diesen Landstrich, dann wieder die Römer oder die Karthager dieses südlichste Gebiet Spaniens. Mit dabei war immer auch das musikalische Erbe dieser Völker, welche die Kultur Andalusiens belebten. Besonders die „Gitanes“, die Zigeuner, brachten ihre einzigartige Tanzkunst, verbunden mit virtuoser Instrumentalkunst nach Andalusien. Auch die Kleider erinnern an die Kultur dieser fahrenden Völker.

Der Flamenco entwickelte sich vermutlich aus diesen Urformen, wurde immer weiter verfeinert und gehört seit langer Zeit zum Selbstverständnis Andalusiens. Jerez de la Frontera als „Wiege des Flamenco“, aber auch Sevilla oder Cádiz gehören zu den grossen Zentren der Flamenco-Kultur. Seit Sommer 2014/2015 ist das Flamencotanzen in Andalusien ein Pflichtfach an den Schulen und gehört zum immateriellen Kulturerbe.

Oase im Trubel der Welt
Während des 15 Programmpunkte lange dauernden Auftritts fiel kein einziges Wort, die beiden Künstlerpersönlichkeiten agierten – verbunden durch den klaren Rhythmus von Bachs Suiten und die Tanzkunst Castaños - völlig im Gleichtakt. Keinerlei elektronische Technik war vonnöten, wenn man von der Lichtführung absieht. Die ganze Aufführung war ein Fest für Auge und Ohr.

Bettina Castaño
Mit bürgerlichem Namen heisst die Künstlerin Bettina Sulzer. Ihren Künstlernamen bekam sie während ihres Studiums in Spanien. Noch immer verbindet sie musikalisch viel mit der Appenzeller Streichmusik, welche ebenfalls Zigeunereinflüsse in ihrer Art der Musik aufweist. Zudem gehört dort das „Bödele“ zur Tanzkunst der Männer, ähnlich dem stampfenden Rhythmus einer Flamencotänzerin. So hat die Künstlerin schon mehrere Auftritte zusammen mit der Streichmusik „Alder Buebe“ bestritten. Vor dem Auftritt in Oberuzwil war sie längere Zeit mit einem Flamenco-Programm durch Südamerika getourt. Überall, wo gute, rhythmische Musik gespielt wird, kann sie auch ihren Lieblingstanz Flamenco einbringen.

Da sie laut Steckbrief auch selber Cello spielt, kennt sie diese Musik ganz besonders gut und kann sich deshalb völlig auf ihre Intuition bei der Gestaltung des Programms verlassen. Bach ist zeitlos, Bach ist vielfältig, Bach ist verinnerlichte Musik, aber auch strenger Rhythmus – darum auch das Motto: „Bach al compàs“- was so viel wie „mit Bach im rhythmischen Einklang“ bedeutet.

Fernando Gomez *1983
Mit dem Cellisten Fernando Gomez hatte Bettina Castaño einen wunderbaren Musiker zur Seite. Er ist Preisträger der verschiedensten Musikauszeichnungen, hat bei namhaften Cellokünstlern studiert und musiziert seit 2011 als Erster Cellist im Sinfonieorchesters St.Gallen. Ihm schien der Auftritt mit Bettina Castaño sichtlich Spass zu machen, wenn er auch nach aussen hin sehr ernsthaft und völlig ruhig an seinem Instrument sass und dieses sprechen liess. Oft klang es wie ein ganzes Orchester, obwohl er doch ganz allein vor seinem Instrument sass. Die warme Stimmung des Instruments und die Klangwelt Bachs sprechen auch nach mehr als 300 Jahren noch unzählige Menschen an. Auf der Bühne der Aula trafen sich quasi Himmel und Erde - hier die tiefreligiösen Kompositionen Bachs, daneben der sinnlich-stolze und sehr erdverbundene Flamenco.

Mit Stock, Fächer, Schleier oder Fingerschnippen…
Nicht nur ein Schlagzeug kann Rhythmus erzeugen, nein, auch kräftiges Fingerschnippen – wie die Frau das bloss macht? – oder Klopfen mit den Händen auf gespannte Muskeln am ganzen Körper, dann wieder atemberaubendes Stampfen mit den Schuhen gehören zum Repertoire, genau wie das Schlagen des Cachon - oder auch Cajòn - oder mit Kastagnetten. Bettina Castaño beherrscht alle diese Ausdrucksformen. Sie kann aber auch Tücher wie die Fahnenschwinger herumwirbeln, neckisch mit einem Fächer fächeln oder mit geschürztem Rock ein rhythmisches Feuerwerk entzünden. Der begeisternde Tanz mit dem Stock, verbunden mit Bachs Suite Nr. 4, Bourée, hatte leichte Ähnlichkeit mit einem Appenzeller "Hierig", einer Art Werbetanz mit Trötzeln, Schmeicheln und sich wieder vertragen. Er riss das Publikum richtiggehend mit.

Begeisternde Fussarbeit
Auch ganz ohne Musik kann Bettina Castaño ihr Publikum begeistern. Wie sie eine ganze Programmnummer nur mit den Füssen als Rhythmusgeberin darbrachte, war einsame Spitzenklasse. Wer das Glück hatte, die schönen Schuhe über den Boden flitzen zu sehen – das war leider in den hinteren Reihen etwas weniger möglich, da die kleine Bühne nur wenig erhaben ist -, der oder die staunte nicht schlecht. Wie kann man nur mit blossem Aufstampfen eine derartige Wirkung erzielen, mal wie eine rennende Kuhherde, dann wieder wie ein rasender Zug? Aber auch stille, leise Töne kamen vor.

Kleider machen Leute
Diese Tatsache wurde auch in Oberuzwil offensichtlich. Die Tänzerin muss einen grossen Kleiderfundus mitgebracht haben. Praktisch nach jeder getanzten Nummer hatte Bettina Castaño nämlich ein neues, figurbetontes Kleid mit neckischen Rüschen und neuen Farbkombinationen an. Sie spielte mit den Rüschen am Saum, schürzte mal vorne bis zum Knie das Kleid hoch oder wirbelte den Rockteil ab der Taille wie ein Derwisch herum, bis nur noch ein drehender Teller zu sehen war und man Angst um das Gleichgewicht der Künstlerin haben musste. Auch der Ohrschmuck – nach typisch spanischer Art lange Gehänge - war jedes Mal neu auf das Kleid abgestimmt.

Spanischer Apéro
Wie immer hatten es die Verantwortlichen der Kulturkommission mit ihren Partnern oder Partnerinnen geschafft, einen passenden Apéro anzubieten. Kleine Fleisch- und Gemüsehäppchen, dazu spanische Getränke, geschmückt mit spanischen Fähnchen, standen auf langen Tischen im Foyer. Und schnell summte durch den Raum ein Stimmengewirr von plaudernden, sich begegnenden Menschen. Reto Almer hatte nach der Pause denn auch ziemliche Mühe, mit seinem kleinen Glöckchen den zweiten Teil einzuläuten.

Nach Ende des ausgesuchten, beglückenden Programms zeigte das Publikum mit einer Standing Ovation seine Begeisterung, was die beiden Künstler zu einer kurzen Zugabe bewog. Danach bekam, wer das Glück hatte, eine zu ergattern, die bereits traditionelle Sonnenblume mit auf den Heimweg, eine Art Hoffnungszeichen, damit sich der Sommer doch noch einmal zeigen möge…


Gemeinde Oberuzwil

Bettina Castaño

Hands and Feets (Hände und Füsse

Bettina Castagno tanzt zu Appenzeller Streichmusik

Kastanienbrauner Bach

Hier wird die Herkunft dieser besonderen Tanzart vertieft dargelegt.

Hintergründe des Flamencos

Und als kleinen Trost für alle, die keinen Blick auf die Fussarbeit der Künstlerin erhaschen konnten, aber auch für alle andern Freunde und Freundinnen des Flamenco…

Bach al Compàs

Necktanz HIERIG mit der Streichmusik Edelweiss Herisau