«Wir schreiben das Jahr 1993 – es hätte auch gut und gerne mein letztes Jahr sein können. Ich war drei Jahre alt», steht da schwarz auf weiss, Seite 11. Harte Worte. Worte, die einem gleich zu Beginn berühren. Aber an diesem einen Sommertag hätte der damals dreijährige Junge wirklich sterben können. In Hatterswil, während seine Eltern, ausgebildete Bauern mit eigenem Hof, am Heuen waren. Der kleine Junge und seine Grossmutter kamen deshalb mit dem Jeep nach. Bei den Eltern angekommen, liess die Oma ihren Enkel im Auto. Aus Sicherheitsgründen, denn beim Heuen kann so einiges passieren. Aber das Sitzenbleiben im Jeep wurde dem kleinen Jungen fast zum Verhängnis. Weil ihm nach fünf Minuten langweilig wurde, rutsche er zum Fahrersitz und wollte ein Rennen simulieren. Während dem Spielen löste der Dreijährige die Handbremse. Und da passierte es: Der Wagen rollte einfach los. In Richtung Hang und dem nahgelegenen kleinen Wald.

Christian Kaufmann sitzt im Wiler Café «Schöntal», nippt an seinem Glas und erzählt. Seine Lebensgeschichte. Seine ganz persönliche. Eine, die es in sich hat. Eine, die man nicht jeden Tag hört. «Wenn man knapp dem Tod entkommen ist, denkt man anders über das Leben nach», ist Kaufmann überzeugt. Er lächelt. Wirkt leicht verunsichert. Nimmt wieder einen Schluck von der Coca Cola im Glas. So wie es Menschen tun, die eine schwierige Situation nicht so leicht in Worte fassen können. Seine Grossmutter habe ihm damals das Leben gerettet, als sie ihn aus dem Jeep gezogen hatte, bevor dieser in einen Baum knallte. «Deshalb bin ich ein Mensch, der alles positiv sieht und dankbar ist», sagt der ausgebildete Industriemechaniker. Er sei für vieles im Leben dankbar. Für seine Gesundheit. Für alle schönen Momente. Für die Menschen, die ihm begegnen. Für die Personen, die ihn dann auf seinem Lebensweg begleiten. «Die Gesellschaft lebt heute so schnell, dass die Menschen vergessen, richtig zu leben», sagt Kaufmann. Deshalb nehme er sich bewusst Zeit für sich und geniesse sein Leben in vollen Zügen. «Ich schätze und liebe mein Leben und deshalb ist mir Bescheidenheit so wichtig», sagt der 28-Jährige. Die Erfahrung mit dem Unfall habe ihn so sehr geprägt, dass er den Unfallvorgang gleich an den Anfang seines Buches «Chilberg – meine Kindheit»* genommen hat.

«Jeder Mensch ist etwas besonderes»

Unterschätzt. Das wurde der kleine Christian in seiner Kindheit ständig. Wegen seines emotionalen Verhaltens. Wegen seiner eigensinnigen Art. Wegen seines Sprach- und Sprechfehlers. Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, bekannt als ADHS – diese Diagnose fiel ziemlich früh in seiner Kindheit. Unter anderem ein Grund, warum er regelmässig zu einem Arzt oder Psychologen gehen musste. Psychologische Tests, Untersuchungen und Gutachten gehörten zu seinem Alltag. Für ihn war es damals keine schöne Zeit. Zumal er auch nie wusste, warum er bei all diesen Tests mitmachen musste.

«Dass man mich immer wieder als etwas Besonderes bezeichnet hat, war für mich nicht immer ganz einfach – es hat mich meistens gestört», sagt Kaufmann, der im Jahr 1990 in Frauenfeld auf die Welt gekommen ist und auf dem Bauernhof seiner Eltern in Dussnang aufwuchs. «Ich wollte nie besonders oder eben anders sein – wurde aber ständig so behandelt», erklärt der junge Mann, der mittlerweile in Wil wohnt. Denn seiner Meinung nach ist jeder Mensch als Individuum etwas Besonderes. «Ja, ich hatte eine Lernschwäche und einen Sprachfehler», resümiert er heute. Das wolle er auch nicht abstreiten. Aber trotzdem habe er nie die Möglichkeit bekommen, normal zu sein und mich in der Schule zu beweisen. «Man hatte ununterbrochen Erwartungen an mich, die sich wie ein unerträglicher Druck auf mich abgewälzt haben», erinnert er sich noch heute. Er zuckt mit der Schulter. Dieses Kapitel aus seiner Kindheit scheint ihn traurig zu machen. «Ich hatte deshalb keine richtige Kindheit», sagt er. Er lehnt sich zurück. Nimmt einen grossen Schluck aus seinem Glas. «Oft fühlte ich mich minderwertig.»

Fasziniert von der Dunkelheit

«Sie wollen wissen, warum ich die Dunkelheit liebe und dem Tag vorziehe», fragt Kaufmann nach. Er atmet tief ein. Überlegt kurz. «Weil wir Menschen in der Dunkelheit alle gleich sind», antwortet er prompt. Dann werde niemand nach seinem Aussehen, seinem Körperbau, seiner Bildung oder seiner Kleidung beurteilt. «Noch heute liebe ich die Dunkelheit und den Wald in der Nacht zu besuchen», erzählt er.

 
Ein kleiner Auszug aus dem Buch «Chilberg – meine Kindheit» mit Bildern aus der Kindheit und Jugendzeit von Christian Kaufmann. (Audio-Slideshow: Magdalena Ceak)

Ein Leben im Sonderschulheim

1997 war ein bewegendes Jahr für den damals siebenjährigen Christian. Dann wurde er Teil von «Chilberg» – dem Sonderschulheim in Fischingen. Denn nach «Chilberg» kamen Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 17 Jahren, die verschiedene Lern- und Verhaltensprobleme hatten. Diese wurden individuell gefördert. Im Jahr 2000 kam er in ein Heim, wo er auch betreut wurde.

«Meine Kindheit und Jugendzeit im ‚Chilberg’ waren prägend und haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin», sagt Kaufmann. Gerade, weil sein Leben auch viele Tiefschläge hatte, habe er sich entschieden, ein Buch zu schreiben. «Für mich. Um gewisse Lebensereignisse richtig zu verarbeiten und um endgültig mit der Vergangenheit abzuschliessen», sagt Kaufmann. Obwohl er ziemlich offen auch aus seinen schwierigsten Lebensmomenten berichtet, erwähnt er viele Menschen nicht beim richtigen Namen. «Ich will niemanden beleidigen oder blossstellen, sondern nur aus meiner Sicht erzählen», betont Kaufmann. Während vier Jahren hat er an «diesem Herzensprojekt» gearbeitet. Immer, wenn er sich etwas von der Seele schreiben wollte, setzte er sich an das Buch. Immer, wenn er Zeit und Lust hatte, über sein Leben nachzudenken, hat er in die Tasten gegriffen. «Und ja, es hat mir geholfen, meine Vergangenheit zu verstehen und jetzt ruhen zu lassen», sagt Kaufmann. 

*«Chilberg – meine Kindheit» von Christian Kaufmann. Books on Demand. 228 Seiten. 18.30 Franken.