Seine Augen sind geschlossen. Seinen Kopf legt er in den Nacken. Mit den Händen hält er sich am Geländer der Brücke fest. Tausend Gedanken schiessen ihm durch den Kopf. «Soll ich das wirklich tun?» «Habe ich wirklich den Mut dafür?» Er blinzelt kurz. Schön blau ist der Himmel heute, denkt er sich in diesem Augenblick. «Ich kann einfach nicht mehr.» Er schliesst wieder seine Augen. Im Hintergrund hört er wieder die beiden Frauen schreien, die ihn beim Vorbeifahren auf der Autobahnbrücke beim Supermarkt Lidl in Wilen entdeckt haben. Die beiden Frauen weinen. Flehen ihn an, dass er nicht springt. «Als würden die sich um mich sorgen», denkt er sich, «niemand interessiert sich hier für mich». Er hält sich immer noch am Geländer fest, streckt aber seine Arme. Sein Blick ist jetzt auf die Autobahn gerichtet. «Mein Leben macht einfach keinen Sinn mehr.» Dann lässt er einfach los und springt.

Hamid Abdulahi hat diesen Suizidversuch überlebt. Der heute in Wil wohnhafte Mann ist mit gerade einmal 15 Jahren in die Schweiz geflüchtet. Weit weg von seinem Heimatland Afghanistan, in dem Krieg herrscht – in einem Land, in dem sich die Bewohner Stabilität und eine Demokratie wünschen. «Frau Journalistin, Sie wollen jetzt sicher wissen, warum ich damals gesprungen bin», sagt Abdulahi. Sein Schweizerdeutsch ist perfekt. Kaum zu glauben, dass der gebürtige Afghane erst vor vier Jahren die Sprache gelernt hat. Seine Gesprächspartnerin nickt. «Nachdem ich in die Schweiz gekommen bin, habe ich die ersten zweieinhalb Jahre in einem Keller gelebt», antwortet der junge Mann. Mit «Keller» meint Abdulahi die Asylunterkunft in Rickenbach. Das war ein Luftschutzkeller unter der Erdoberfläche – null Tageslicht. Nur der Kontakt mit anderen Asylanten. Nur ein Tag pro Woche Beschäftigung mit Waldarbeit. Irgendwann habe er seinen Tages- und Nachtrhythmus durcheinander gebracht. Er habe alles andere als ein gesundes und ausgeglichenes Leben geführt. «Nach zweieinhalb Jahren hatte ich Depressionen und konnte nicht mehr so weitermachen.» Abdulahi sitzt auf der Terrasse der «Focacceria» in Wil und erzählt seine Lebensgeschichte. Vor ihm steht eine Tasse Schwarztee. Er nimmt den Glasbehälter mit Zucker und süsst den Tee mit einer ordentlichen Portion. «Und dann bin ich gesprungen.» Er sei in die Schweiz gekommen, um zu arbeiten, etwas aus seinem Leben zu machen, etwas für seine Bildung zu tun. Er rührt den noch heissen Tee. «Ich bin nicht in die Schweiz gekommen, um in einem Keller zu leben – dann hätte ich auch bei meiner Familie in Afghanistan bleiben können.»

Der gefährliche Fluchtweg

Rund drei Jahre vor seinem Suizidversuch: Der 15-Jährige Hamid Abdulahi rennt. Bereits seit zwei Stunden. Seine Beine sind schwer. Er hat Durst. Ihm fehlt jede Kraft. Mit mehreren Dutzend Menschen rennt er an der Grenze zwischen dem Iran und der Türkei vom Militär weg. Ein Fehltritt. Der Jugendliche fällt hin und bleibt für einen Moment liegen. Ein junger Mann, etwa 30 Jahre alt, sieht ihn stürzen. «Junge, du kannst hier nicht bleiben. Renn weiter», faucht er Hamid Abdulahi an. «Ich kann nicht mehr», stöhnt er während er nach Luft schnappt. Der junge Mann packt den Jugendlichen und gibt ihm eine Ohrfeige. «Du wirst hier sterben, wenn du nicht weiterrennst», schreit er den Jugendlichen an. Hamid Abdulahi steht auf, sammelt noch die letzte Kraft zusammen und rennt weiter. Und plötzlich steht da ein Bus, der auf die flüchtenden Menschen wartet. Alle rennen auf den letzten Metern nun schneller. Hamid Abdulahi setzt sich auf einen freien Platz, schnappt nach Luft. Versucht nun zur Ruhe zu kommen. Er ist müde, durstig und hungrig. Nach nicht einmal einer Stunde hält der Bus an. Der Fahrer scheucht die Menschen aus dem Bus und bringt sie in einen Raum. Dreck – überall, wo das das Auge reicht. Ein unangenehmer Duft steigt dem Jugendlichen in die Nase. Es riecht streng nach Fäkalien. Doch er ist müde, ausgelaugt. Die Schlepper verteilen lieblos Wasser und Esswaren. Er setzt sich auf den Boden, isst binnen Sekunden seine Portion auf. Er trinkt das ganze Wasser weg. Seine Augen fallen im gleichen Augenblick zu.

«Ja, während der Reise gab es Situationen in denen ich Angst hatte», erzählt Hamid Abdulahi. Während er von seinem Leben redet, hält er zwischendurch die Tasse fest. So, als würde ihm der Glasgegenstand Sicherheit geben. Der junge Mann ist offen und erzählt seine Geschichte mit jedem noch so kleinen Details. «Hätte der Mann damals mich nicht so wach gerüttelt, wäre ich liegen geblieben und irgendwann erschossen worden», sagt er. Harte Worte, die aus dem Mund eines 23-Jährigen kommen. Er zuckt mit den Schultern. Macht eine kurze Pause. Nimmt einen Schluck Tee. «Natürlich hat mich diese Reise geprägt.» Er habe gesehen, wie Menschen vor seinen Augen gestorben seien. «Die Reise quer durch die Türkei bis nach Istanbul war gefährlich, wir durften nicht entdeckt werden», erzählt er weiter. Das traurige sei, dass jeder Flüchtling auf so einer Reise auf sich alleine gestellt sei. «In der Türkei stürzte ein Mann in unserer Gruppe in einen Abgrund. Wir sind einfach weitergelaufen.» Die Schlepper würden nie anhalten, auf jemanden warten oder jemanden helfen. «Diese Bilder haben sich in meinen Kopf eingebrannt.»

Das Wunder der A1

Hamid Abdulahi knallt auf die A1. Mühsam öffnet er die Augen. Er spürt einen stehenden Druck am ganzen Körper. «Bin ich jetzt tot?» Ist sein erster Gedanke. Im ersten Augenblick merkt er nicht, dass er noch lebt. «Hat mich ein Auto überfahren?» Ist sein zweiter Gedanke. Immer wieder blinzelt er. Der Druck wandelt sich in einen unbeschreiblichen Schmerz um. Er atmet immer schwerer. Irgendwann wird ihm bewusst, dass sein Suizidversuch nicht geklappt hat. Plötzlich hört er die Rega. Er schnappt immer mehr nach Luft. Der Helikopter kommt immer näher. Er versucht die Augen aufzumachen. Auch sie werden immer schwerer. Er hört auf zu atmen. Schliesst seine Augen. Fällt in ein Koma.

«Es ist unglaublich, dass ich diesen Suizidversuch überlebt habe», sagt Abdulahi heute, «es ist meine zweite Chance.» Dass er den Sprung von dieser Höhe überhaupt überlebt hat und dass die Polizei so schnell die Autobahn gesperrt hat, grenzt an ein Wunder. «Natürlich habe ich noch heute körperliche Beschwerden», erzählt er. Mit seiner linken Hand hält er die Teetasse fest, stellt sie gleich ab. Nun zieht er die Ärmel seines Pullovers hoch und zeigt seinen Ellenbogen. Der eine Knochen ist noch ausgekugelt. «Aber ich lebe – das ist das Wichtigste.» Nach Abdulahis Suizidversuch hat Kilian Meyer, damaliger Wiler Stadtparlamentarier, den damals 18-Jährigen bei sich aufgenommen. Dann sei alles aufwärts gegangen. «Schritt für Schritt habe ich das Leben bekommen, von dem ich geträumt habe», erzählt er heute. In dieser Zeit habe er nicht nur ein richtiges zu Hause bekommen, Hoch- sowie Schweizerdeutsch gelernt und einen Lehrstellenplatz gefunden. «Kilian Meyer ist mein bester Freund und ich werde ihm für immer dankbar sein – für seine Hilfe, seine Unterstützung und seine unterstützende Hand», erzählt Abdulahi, der aktuell eine Lehre als Zimmermann bei der Zimmerei Egli in Oberhelfenschwil macht.

 
Hamid Abdulahi über sein Leben. (Audioslideshow: Magdalena Ceak)

Flucht im Alter von 15 Jahren

Zeitsprung. Der 15-jährige Hamid Abdulahi träumt von einem Leben weit weg von Krieg, Gewalt und Verfolgung. Sein Papa wird von den Taliban verfolgt. Hamid Abdulahi möchte Ingenieurwesen studieren und ein sicheres Leben führen. Sein Ziel: die Schweiz. Dem Jugendlichen ist bewusst, dass er flüchten muss. Während sein Vater versucht, jeden möglichen Geldschein für die Reise seines Sohnes auf die Seite zu legen – spart der Jugendliche mit Gelegenheitsjobs weiteres Geld für die Flucht in die Schweiz. 4000 Euro braucht er für die Reise, die er mit Hilfe von Schleppern schaffen möchte.

«Sie wollen wissen, warum mir meine Eltern mit 15 Jahren erlaubt haben, alleine in die Schweiz zu fliehen?», wiederholt Abdulahi die Frage seines Gegenübers. «Naja, wissen Sie, das Leben in Afghanistan ist kein Leben», antwortet der 23-Jährige knapp. Bombenanschläge beherrschen den Alltag. Gewalt und Leid so weit das Auge reicht. «Meine Eltern wollten, dass ich ein besseres Leben als sie führe», erinnert sich der junge Mann noch heute. Dass aber bedeutet nicht, dass es seinen Eltern leicht gefallen sei, ihn gehen zu lassen. «Meine Mama hat mich bis zum Schluss angefleht, dass ich bleibe», erinnert er sich. Die Tatsache, dass er seine Eltern das letzte Mal vor sieben Jahren gesehen hat, stimmt den 23-Jährigen traurig. Er rührt nachdenklich seinen bestellten Tee. Die Tasse ist weniger als halbvoll. «Natürlich bin ich hier glücklich. Ich führe endlich das Leben, das ich immer wollte. Und ich bin darum bemüht, irgendwann den Schweizer Pass zu bekommen. Aber ich werde meine Wurzeln und meine Familie nie vergessen», sagt Abdulahi. Sobald er einen Pass hat, möchte er seine Eltern besuchen, wieder einmal sein Heimatland sehen. Irgendwann.