Kurioser Unfall mit Folgen auf der Hauptstrasse von Rossrüti Richtung Braunau. Eine junge Frau mit zwei Kindern in ihrem Personenwagen sieht vor sich einen ihr entgegen kommenden Traktor mit Anhänger, der links Richtung Boxloo abbiegt. Sie hält an, und dann passiert es. Ein ungenügend gesicherter Strohballen in einer Kunststoffhülle macht sich auf dem Anhänger selbständig und prallt mit voller Wucht auf die Windschutzscheibe, die zersplittert. Der Aufprall des rund 800 Kilogramm schweren Ballens ist so heftig, dass sich die Türen des Fahrzeuges nicht mehr öffnen lassen. Ein klarer Fall für die Strassenrettung der Feuerwehr Region Wil. Kurze Zeit später trifft ein Pikettzug mit zwei grossen Fahrzeugen des Löschzuges ein und nimmt die Rettung der Insassen des Fahrzeuges in Angriff. Nach rund einer halben Stunde sind die Insassen des Renault Scénic aus ihrer misslichen Lage befreit.

Zum Glück handelt es sich bei diesem Unfall an einem heissen Morgen im August nicht um einen realen Unfallhergang, sondern um ein Übungsszenario.

Strassenrettung will geübt werden
Zweieinhalb Stunden zuvor bietet sich vor dem Betriebsgebäude des Sicherheitsverbundes der Region Wil ein ganz anderes Bild. 14 Männer und eine Frau aus dem Pikettzug der Löschkompanie 1 der Feuerwehr, die drei Kompanien umfasst, treten um 7.30 Uhr in ihrer Arbeitskleidung samt Helm mit Nackenleder zu einer Strassenrettungsdienst-Übung an. Bei den Angehörigen der Feuerwehr handelt es sich um Freiwillige aus den unterschiedlichsten Berufen, die ihre Kenntnisse in der Strassenrettung jährlich während sechs bis acht Stunden vertiefen. Ihre Ausbilder sind heute die beiden Hauptmänner Roland Felix und Urs Näf sowie Oberleutnant Bruno Häseli.

Abbruchautos als Übungsobjekte
Über den Platz verteilt stehen drei Abbruchfahrzeuge, die teilweise bereits arg lädiert sind, sowie ein auf die Seite gekippter ehemaliger Schulbus. Die Arbeit der Zweierteams an zehn Posten kann beginnen. Besonders hohe Anforderungen stellen sich den Feuerwehrleuten immer dann, wenn sich bei einem Verkehrsunfall die Türen von Fahrzeugen nicht mehr öffnen lassen und deren Insassen eingeklemmt sind. Bevor die schweren Geräte Spreizer und Schere zum Einsatz gelangen, sind diverse Vorkehrungen zu treffen. 

Als erstes geht es darum, das Autowrack mit Unterbaumaterial wie Keile und Holzklötze, die zur Standardausrüstung in den diversen Materialkisten gehören, zu stabilisieren. Nur so können die verunfallten Personen mit möglichst geringen Erschütterungen sicher gerettet werden. Eine weitere Massnahme für die Stabilisierung des Fahrzeuges ist das Ablassen der Luft in den Reifen. Mit dem korrekten Abhängen der Batterie wird die Stromzufuhr unterbrochen. Den Feuerwehrleuten wird bei diesem Übungsteil klar gemacht, dass immer zuerst das Minuskabel gelöst werden muss.

Brachiale Gewalt bringt nichts
Wichtig ist bei einem schweren Verkehrsunfall mit deformierten Fahrzeugen, dass sich die Strassenrettung möglichst schnell ein Bild vom Zustand der eingeschlossenen Insassen machen kann. Sind die Vorbereitungsarbeiten ausgeführt, kann mit der eigentlichen Rettung der verunfallten Fahrzeuginsassen begonnen werden. Diese verlangt von den Einsatzkräften eine optimale Übersicht, technisches Know-how, Ausdauer sowie eine reibungslose Zusammenarbeit. Nach einem Unfall funktionieren die elektrischen Fensterheber oft nicht mehr. Also müssen Autoscheiben mit einem harten Gegenstand eingeschlagen werden. Brachiale Gewalt allein wäre aber ein schlechter Ratgeber. Den Feuerwehrleuten wird an diesem Morgen gezeigt, wie vor dem Einschlagen eine Plastikfolie über die Scheibe gespannt wird.

Mit Spreizer und Schere
Erst jetzt gelangen die hydraulischen Rettungsgeräte Spreizer und Schere zum Einsatz. Was auf den Beobachter spektakulär wirkt, ist für die Feuerwehrleute eine schweisstreibende Angelegenheit. Das klassische Anwendungsgebiet des Spreizers ist das Entfernen von Türen an einem Unfallfahrzeug. Die Rettung des Fahrers erweist sich oft als schwierig, weil dessen Füße noch unter den Pedalen eingeklemmt sind. So muss zusätzlich ein Rettungsfenster im Bereich des vorderen Kotflügels geschnitten werden, um die Beine zu erreichen. Bei einer besonders aufwändigen Rettung gibt es oft nur eine Möglichkeit: Mit der hydraulischen Schere wird das Dach abgetrennt. Aus einer Limousine wird im Dienst der Patientenbergung ein Cabriolet.

Klare Zuteilung der Aufgaben
Zu den Aufgaben der Strassenrettung zählt aber nicht allein die Handhabung von schwerem Gerät, sondern auch die Absicherung der Unfallstelle. Bei der Schadenplatzorganisation wird nichts dem Zufall überlassen. Es werden am Unfallort eine von sieben Schlüsselfunktionen zugewiesen. Neben dem Einsatzleiter, dem Front- und dem Sicherheitsoffizier, werden Personen als Frontarbeiter oder Logistiker, für die Betreuung und Sicherheitsaufgaben eingesetzt. Wie dies in der Praxis im Detail abläuft, wird mit den Feuerwehrleuten im Anschluss an die Theorie vor dem Betriebsgebäude an der simulierten Unfallstelle oberhalb von Rossrüti geübt. 

Post inside
Die für die Übung verwendeten Fahrzeuge sind jetzt endgültig reif für den Schredder.

27. Oktober: Informationsabend
Wer Interesse am Feuerwehrdienst hat, dem sei der Informationsabend der Feuerwehr Region Wil ans Herz gelegt. Dieser findet am 27. Oktober um 19 Uhr im Feuerwehrdepot an der Bronschhoferstrasse 71 statt. Dabei wird umfassend informiert und es wird ein kleiner Einblick in die Aufgaben der Feuerwehr präsentiert. Eine Anmeldung ist erwünscht.

Weitere Infos im Internet unter 
https://www.svrw.ch