Herr Daguati, dass die St. Galler Stimmbürgerinnen und –bürger im September den Sonderkredit für die Planung des Grossprojektes Wil West ablehnten, sorgt in der Bevölkerung und in der Wirtschaft nachhaltig für Irritation. Sagt dieses Nein etwas über den Wirtschaftsstandort Ostschweiz aus?

Remo Daguati: Letztendlich haben bäuerliche und links-grüne Kreise Wil West gebodigt. Dass grüne Kreise ihre Mühe mit Wirtschaftswachstum und Wertschöpfung haben, überrascht nicht. Dass aber breite Kreise auf der bürgerlichen Seite eine Art Agrarromantik neuen, hochwertigen Arbeitsplätzen vorziehen, macht mich nachdenklich. Erschreckend ist die wachstumsfeindliche Haltung in weiten Teilen der Bevölkerung des Kantons St. Gallen. Wir entwickeln uns wirtschaftlich Richtung Tabellenende, werden über den Finanzausgleich von erfolgreichen Kantonen durchgefüttert, und niemand will sich dagegen auflehnen.

Einige Stimmen sagen, ein Projekt mit 3000 Arbeitsplätzen für gut qualifiziertes Personal sei in Zeiten des grassierenden Fachkräftemangels Wunschdenken. Ist das Projekt Wil West tatsächlich etwas aus der Zeit gefallen, wie einige Kritiker behaupten?

Ich betreue in der ganzen Schweiz Schlüsselareale und Innovationsparks. Dort entstehen an bestens erreichbaren Bahnhoflagen völlig neue Typen von Innovations- und Gewerbeparks. Im Erdgeschoss gibt es Verkehrs- und Lagerflächen, produktivste Liftsysteme versorgen die Etagen. Auf dem Dach gibt es Event- und Erholungszonen, im Mittelbau hochmoderne Büro- und Kreativlandschaften für die Talente von morgen. Im Erdgeschoss können modernste Produktions- und Testanlagen für Zukunftstechnologien wie Bio-, Medtech, Robotik, Sensorik oder Spezialdrohnen angeordnet werden. Quantencomputer sind ins Gebäude integriert, die Gebäudetechnik ist auf modernstem Stand und ökologisch optimiert. Auch bieten immer mehr Regionen clevere Gewerbeparks für KMU aus klassischem Gewerbe zu besten Konditionen. Diese Konzepte werden nicht jahrelang geplant, sondern für den schnellen Bezug auf Vorrat gebaut. Wenn die St.Galler meinen, sie könnten durch einen Verzicht auf die Einzonung von Wirtschaftsflächen ihr Fachkräfteproblem lösen, dann machen sie sich schlicht etwas vor. Der Kanton St.Gallen verliert seine Talente einfach an agilere Regionen. Man nennt das Braindrain.

Die NZZ kritisierte kürzlich, die Ostschweizer Kantone würden sich mit der gegenseitigen Solidarität schwer tun, woher kommt diese schwächelnde Kooperation?

Dieser Artikel müsste eine ToDo-Liste sein für die St.Galler Regierung, aber auch für die Wirtschaftsverbände. Er gehört an jeden Kühlschrank oder wenigstens unters Kopfkissen. Obschon alle Zahlen vorliegen: Man schont sich gegenseitig bei der Analyse und meint, man könne mit Sonntagspredigten die Fehlentwicklungen schönreden. Das Verrückte dabei: es sind ausgerechnet die Regionen Wil und St. Gallen, bei denen im Kanton die Bevölkerungsentwicklung schwächelt und unter den Erwartungen liegt. Diese beiden Regionen haben auch kaum mehr Flächenreserven. Ausweichbewegungen gehen dann einfach Richtung Bodenseeraum, Winterthur oder in den Thurgau. Denn die Ostschweiz ist nicht die Ostschweiz. Das Toggenburg wächst über den Erwartungen, die Umfahrungsstrassen zahlen sich bereits aus. Wer sich für seine Erreichbarkeit einsetzt, wird also belohnt. Auch der südliche Kanton brummt: die Regionen Werdenberg, Sarganserland und Linthgebiet wachsen. Auch der Thurgau entwickelt sich prächtig. Die Ostschweizer Wachstumsleiche ist unser Kantonshauptort St. Gallen. Aber auch der Wirtschaftsraum Wil ist vom Wachstumspfad abgekommen. Das Nein zu Wil West ist dabei nicht hilfreich.

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Remo Daguati: «Letztendlich haben bäuerliche und links-grüne Kreise Wil West gebodigt. Dass grüne Kreise ihre Mühe mit Wirtschaftswachstum und Wertschöpfung haben, überrascht nicht. Dass aber breite Kreise auf der bürgerlichen Seite eine Art Agrarromantik neuen, hochwertigen Arbeitsplätzen vorziehen, macht mich nachdenklich. » (Archivfoto: Adrian Zeller) 

Welchen sind nach Ihrer Einschätzung die Ressourcen und die Stärken der Ostschweiz?

Wir haben viele tolle Unternehmen, welche in ihren Nischen sogar Weltmarktführer sind. Die Ostschweiz zählt auch wichtige global tätige Konzerne wie etwa die Bühler Gruppe, welche zahlreiche Arbeitsplätze bieten und Forschung und Entwicklung in Zukunftsthemen vorantreiben. Stärken finden sich auch im qualitativen Bereich, d.h. in Möglichkeiten für Freizeit und Erholung. Es ist alles etwas weniger hektisch, deutlich grüner, weniger dicht. Die Zufriedenheitsraten sind denn auch in der Ostschweiz meist etwas höher als im nationalen Schnitt. Wir sind dafür aber auch weniger dynamisch.

Wo bleibt sie hinter ihrem Potential zurück?

Es war ein kapitaler Fehler, in St .Gallen die technischen Ausbildungen aufzugeben. Die Erreichbarkeit stagniert auf Strasse wie Schiene auf dem Niveau der 70er-Jahre, da wurden 50 Jahre Entwicklung verpasst. Der Fernverkehr ist nicht ansatzweise mit den S-Bahn-Systemen abgestimmt, die Fahrzeiten sind im nationalen Vergleich nicht kompetitiv. Bahnhofareale liegen meist brach, wo man wissensbasierte Jobs ansiedeln könnte. Man kopiert zudem wie wild links-grüne Konzepte aus pulsierenden Metropolen wie Zürich, Lausanne oder Basel und führt diese telquel bei uns ein, ohne zu merken, dass ein wachstumsschwacher Standort solche toxischen Kuren gar nicht verträgt. Das gilt für St. Gallen wie Wil genauso. Auch im Steuerbereich sind wir meist nur Durchschnitt oder bei gewissen Segmenten in den hinteren Rängen. Ich bin der letzte, der grenzenloses Wachstum einfordert. Aber wir verlieren durch unsere Trägheit den Anschluss an die Technologien und Wissenskonzepte der Zukunft. Leider gibt es aktuell keinerlei Signale, dass dieser selbst gewählte Abstiegstrend durchbrochen werden kann.

Zur Person:

Remo Daguati (*1975) arbeitet seit 2016 als unabhängiger Berater für Standortförderungen sowie Arealentwicklungen im In- wie Ausland. Als Lehrbeauftragter unterrichtet er seit 2018 beim CAS Areal- und Immobilienprojektentwicklung der Berner Fachhochschule. Seit März 2021 wirkt Remo Daguati im Vorstand der Schweizerischen Vereinigung für Standortmanagement (SVSM). Seit der Juni-Session 2022 sitzt er zudem für die FDP im St. Galler Kantonsrat. Daguati verfügt über zwei Master Abschlüsse in Public Management (HSG) sowie in International Supply Chain Management (ETH).