Die Fragestellung dazu hiess. Soll man diskutieren oder nicht? Was sind schädliche Falschmeldungen? Wo wird es gefährlich?

Die Verantwortlichen der beiden Kirchgemeinden hatten dazu den Theologen und Sektenkenner Georg Otto Schmid eingeladen, der sich seit Jahren mit Gemeinschaften mit speziellen Weltanschauungen beschäftigt. Er ist Leiter der Fachstelle «Relinfo», welche 1963 vom Zürcher Pfarrer Oswald Eggenberger gegründet wurde. Anfangs 1993 übergab Oswald dieses Werk in die Hände von Dr. theol. Georg Schmid, dem Vater des heutigen Stelleninhabers. Anfänglich waren es vor allem religiöse Sondergruppen, die genauer unter die Lupe genommen und deren Lehren für die Öffentlichkeit sichtbar gemacht wurden. Unterdessen sind auch andere weltanschauliche Gruppierungen im Blickfeld. Im Moment sind das 828 solche Einträge. Finanziert wird die Fachstelle durch verschiedene kirchliche Institutionen. Im Team arbeiten Menschen mit verschiedenen Weltanschauungen mit.

Merkmale von Verschwörungstheorien

Die Diskussion mit Medien und Wissenschaft wird abgelehnt, da alles in der Tagespresse zum «Mainstream» erklärt, ja geradezu verachtet wird. Menschen, die der Wissenschaft vertrauen, werden als «Schlafschafe» bezeichnet, während die Gruppierung sich selbst als eine Elite der Wissenden, im Besitz der ganzen Wahrheit Seiende verstehen. Dabei wird auch mit Ängsten operiert. Die Gefahr zum Aufbau einer Parallelgesellschaft besteht. Man sucht Sündenböcke, gerne weltbekannte Menschen wie beispielsweise Bill Gates oder – wie so oft -, auch die Juden -, denen alles Böse auf der Welt angedichtet werden kann. So wird man selber entlastet und muss sich nicht weiter mit allfälligen Problemen befassen. Alles ist von aussen gesteuert, selber hat man weder Schuld noch Einfluss. Bildung wird eher kritisch beobachtet, die eigene Meinung dafür als wahr erlebt. Oft bestimmen auch Ausserirdische mit, sogar beim Ursprung des Menschen.

Von aussen können viele Widersprüchlichkeiten bei den Leitpersonen ausgemacht werden. Handys werden oft eigentlich verboten, aber da kann doch mal mitten in einem Referat ein solches klingeln. Das wird dann etwa so erklärt: «Ich bin eben so hochentwickelt, dass mir das nichts mehr macht. Mein Körper besteht ausserdem aus Silicium.» Eine solche Aussage wird vom - zahlenden - Publikum kritiklos hingenommen.

Auch das Geld spielt eine Rolle

Schmid zeigte auf, dass beispielsweise die junge Christina von Dreien – eigentlich Christina Meier – aus dem Toggenburg an einem einzigen «Tagesseminar» bis 100‘000 Franken verdienen kann. Natürlich ist da unterdessen ein ganzes Team an diesem «Unternehmen beteiligt. Über das Internet kann der Verdienst noch beträchtlich höher ausfallen, da damit ganz viele Interessierte von überall her erreicht werden können. Und mittels Live-Stream kann zudem fast die ganze Welt quasi in der guten Stube erreicht werden. Das macht ein solches «Geschäftsmodell» natürlich doppelt attraktiv.

Sinnvoller Umgang mit Verschwörungslehren und deren Verfechter

Leicht ist es nicht, mit Menschen, die sich in ganz andere Denkmuster verabschiedet haben, in ein sinnvolles Gespräch zu kommen. Und doch empfiehlt Georg Otto Schmid, zu versuchen, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Dabei muss unbedingt auf einen respektvollen Umgangston geachtet werden. Allerdings ist es geradezu kontraproduktiv, über den Inhalt einer andern Sichtweise vertieft zu diskutieren. Die Gefahr besteht, dass sich dadurch eine Haltung eher noch verfestigt. In den letzten zwei Jahren der Pandemie ist da leider vieles in Brüche gegangen. Zuwendung und der Versuch, zu sinnvollen Aktivitäten einzuladen, können möglicherweise helfen, keine unüberbrückbaren Gräben bis hin zum Kontaktabbruch aufzutun. Doch manchmal ist auch das nicht mehr möglich.

Wann wird etwas gefährlich?

Anhand einer Art «Gefährlichkeitspyramide» veranschaulichte der Referent die Einstufung von Gruppierungen, welche sich in eigenen Sphären bewegen. Gerade die Problematik um «Gewissheiten» rund um Weltuntergangsszenarien ist nicht zu unterschätzen. Wenn dann so eine Prophezeiung nicht eintrifft, gibt es Menschen, die im Hinblick auf dieses vorausgesagte Ereignis bereits ihr ganzes Hab und Gut verkauft haben und nun vor dem Nichts stehen. Die Enttäuschung kann in tragischen Fällen sogar zu einem Suizid führen. Die Fachstelle hat dies bei der letzten Wellte 2012 erneut feststellen können.

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Was im grünen Bereich aufscheint, ist harmlos, gefährlich werden erst Gruppierungen vom rosa Bereich an, da hie die Realität verlassen wird. (Bild: Relinfo)

Auch Gesundheitstipps können zur Gefahr werden, wie etwa gewisse Vorschriften in den Büchern verschiedener esoterisch orientierten Autorinnen und Autoren. Ein Stichwort dazu heisst «Lichtnahrung». Im politischen Bereich wird es gefährlich, wenn demokratisches Zusammenleben abgelehnt und eine neue Weltordnung nach andern Regeln samt Aufruf zum Umsturz gefordert wird. Dann muss der Staat eingreifen – ein Balance-Akt, da bei uns natürlich und zum Glück - freie Meinungsäusserung gilt.

Wer ist gefährdet?

Menschen, die gerade in einer Lebenskrise stecken, sind viel anfälliger für solche Heilslehren. Solche heiklen Phasen kann etwa Arbeitslosigkeit sein, eine unglückliche Partnerschaft oder auch die Zeit nach dem Arbeitsleben. Nun kommen Menschen, welche auf komplexe Probleme ganz einfache Regeln vorgeben. Dazu wird auch immer ein Sündenbock gefunden. Das hat die ganze Diskussion um das Thema «Corona» deutlich gezeigt. Intuition ist wichtig, aber der Verstand sollte immer auch eingeschaltet werden dürfen. Und gerade das wird bei solchen Gruppierungen oft explizit verboten. Zweifel an der Heilslehre werden als «Energiekiller» verschrien. Auch der Gruppenzwang ist nicht zu unterschätzen.

Diskussion

In der anschliessenden Diskussion kam die Frage auf, wie denn Glaube und Wissenschaft in Verbindung zu bringen seien. Georg Otto Schmid, der sich selber als «reformiert-liberal» bezeichnet, meinte dazu, dass der Glaube nicht über der Wissenschaft stehen sollte. Auch in der Bibel gebe es doch das Phänomen der Nahtoderwartung, hielt eine Frau dagegen. Ja, so sei es, gab Schmid zu, beispielsweise in den frühen Schriften von Paulus im Neuen Testament. Doch er gab zu bedenken, dass der Apostel diese Aussagen später relativiert habe. Für Christen ist vor allem das Neue Testament Gradmesser für ein religiöses Leben.

Ausblick

Wer die drei Abende besucht hat, bekam einen ziemlich umfassenden Einblick in diese doch recht komplizierte Thematik. Leider waren die Referate trotz hochkarätiger Fachpersonen im Gegensatz zu anderen Jahren recht dürftig besucht. Die Corona-Pandemie hält eben noch immer manche Menschen vor solchen Zusammenkünften ab. Das Thema bleibt aber weiterhin auf der Tagesordnung, gerade jetzt auch im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine. Es ist auch da nicht leicht, sich eine eigene Meinung zu bilden, zu viel unüberprüfbare Propaganda gibt es bei den Kriegsparteien.

Auch auf der Webseite der Beratungsplattform Infosekta sind Berichte über einzelne Gruppierungen zu finden.

Die folgenden beiden Links führen zu den Berichten über den ersten und den zweiten Bildungsabend