Nein, der Mount Everest soll es nicht sein. «Dort würde man dem Abfall nachlaufen und der Berg ist mit Leichen gesäumt», sagt die Hinterthurgauer Kantonsrätin Barbara Müller. Sie hat sich aber vorgenommen, den Cho Oyu zu besteigen. Jener Berg liegt im zentralen Himalaya nur 20 Kilometer westlich des Mount Everest, ist 8188 Meter hoch und «technisch nicht allzu schwierig»; wie Müller sagt. Ausgesucht hat sie ihn, weil er für Geologen interessant ist. Immer wieder reist Barbara Müller nach Nepal, um hoch oben Gesteinsproben zu sammeln und später auszuwerten. Im Fokus der Geologin ist das Gift Arsen. Müller vermutet, dass dieses in den Steinen eingelagert ist, durch Wasser freigesetzt ins Flachland transportiert wird und dort bei den Menschen für chronische Vergiftungen sorgt, da sie das Wasser mangels Alternativen trinken. Mit ihren Forschungen will die SP-Frau dazu beitragen, das Problem an oberster Stelle zu bekämpfen – nämlich am Berg.

Auch am Cho Oyu will die Kantonsrätin Steine sammeln. Die Expedition auf den 8000er ist im Herbst des Jahres 2020 oder Frühjahr 2021 geplant. Als Angewöhnung will sie im kommenden Frühling einen 6000er besteigen, im Herbst dann einen 7000er. «Einen 6500 Meter hohen Berg habe ich schon mal gemacht. Das ist problemlos möglich», sagt Müller.

Nur knapp dem Tod entkommen

Erschwerend kommt dazu, dass die Hinterthurgauerin fast blind ist. Sie hat einen starken Röhrenblick und lediglich noch ein kleines Restsehvermögen. «Bei hellem Licht werde ich geblendet, bei Dunkelheit sehe ich gar nichts mehr», sagt Müller. Es handelt sich um die erblich bedingte Krankheit namens RP. Da das Sehvermögen immer mehr abnimmt, muss die Politikerin aus Ettenhausen damit rechnen, dereinst vollständig zu erblinden. Wann das sein wird, weiss sie noch nicht. Kommt dazu, dass sie im Frühjahr 2007 wegen einer doppelten Lungenembolie nur knapp dem Tod entkommen ist.

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Auf 4800 Metern über Meer: Kantonsrätin Barbara Müller steht in Nepal am Fusse des Cyagula-Passes. (Bild: pd)

Um einen 8000er besteigen zu können, braucht Barbara Müller selbstredend zusätzliche Unterstützung. Wie so oft geht es um Assistenz-Personen – und vor allem um die Finanzierung eben dieser. In dieser Thematik kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Streit zwischen ihr und der Invalidenversicherung (IV). Alles in allem ist die Hinterthurgauerin schon 15 Mal gegen die IV vor Gericht gezogen. Laut eigenen Angaben hat sie 70 Prozent aller Fälle gewonnen.

«Behinderte sind ein Mehrwert für die Gesellschaft»

Nun versucht Müller, auf einem anderen Weg zu Geld zu kommen. Heute Montag wird eine Crowdfunding-Aktion lanciert. Sie tut es nicht alleine, sondern zusammen mit anderen behinderten Personen. Gegründet wurde der Verein «Tatkraft – Die Personenbotschafter». Präsident ist der körperlich und sprachlich mittelschwer behinderte Zürcher Islam Alijaj. Für die SP kandidiert er kommendes Jahr bei den Kantonsratswahlen. Später will er in den Nationalrat. Ebenfalls dem Vereinsvorstand gehört der Zuger Youtuber Jahn Graf an, der im Rollstuhl sitzt. Er kämpft mit Filmbeiträgen für Selbstbestimmung und Eigenverantwortung.

Barbara Müller sagt zum Hintergrund der Aktion: «Wir wollen zeigen, dass behinderte Menschen zu besonderen Leistungen fähig sind. Wir können selbständig denken und handeln, wenn man uns nur lässt.» Damit spielt sie darauf, dass kostspielige Assistenzpersonen dafür Voraussetzung sind. «Auch wir sind ein Mehrwert für die Gesellschaft und wollen uns einbringen», sagt die Hinterthurgauerin, die seit sechs Jahren im Thurgauer Grossra politisiert.

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