Knapp zwei Jahre ist es her, seit die türkischen Investoren den FC Wil Knall auf Fall verlassen und einen Scherbenhaufen hinterlassen haben. Da sie zuvor horrend hohe Spielersaläre bezahlten, stand der Klub im März und April des vergangenen Jahres unmittelbar vor dem Konkurs. Nun ist der Verein definitiv über den Berg. Den der Vereinsführung um Verwaltungsratspräsident Maurice Weber ist es gelungen, von der türkischen Investorengruppe eine Beglaubigung zu erhalten, dass diese definitiv auf das bereits investierte Geld verzichtet. Bis anhin waren diese rund 18,5 Millionen Franken, welche die «Türken» während 19 Monaten in den FC Wil gebuttert hatten, als Negativwert in der Bilanz aufgetaucht. Existenzbedrohend war dies nicht, weil es ein so genanntes Darlehen im Rangrücktritt war.

Buchhalterisch resultierte somit für die Saison 2017/2018 ein Gewinn von über 18,5 Millionen Franken. Kaufen kann man sich beim FC Wil damit nichts, da dieses Geld längst ausgegeben ist. Mehr noch: Für besagte Saison resultierte ein operativer Verlust von rund 1,5 Millionen Franken. Das Loch entstand unter anderem durch Vereinbarungen, welche mit Spielern wie Rémi Gomis oder David Roesler getroffen werden mussten, die nicht bereit waren, auf den hohen Lohn aus türkischer Zeit zu verzichten. «Nun haben wir mit allen eine Lösung gefunden und sind im Abzahlungsmodus», sagt Weber. Auch in der laufenden Saison hält dieser Zahlungsvorgang an. Der operative Verlust wurde aufgefangen, da der Verwaltungsrat auch von grösseren Aktionären der «Nach-Türken-Ära», Gönnern und dem Klub nahestehenden Personen Zuschüsse erhalten hat. Sie haben ebenfalls zugesichert, auf dieses Geld zu verzichten. Somit sind alle Altlasten aus der türkischen Zeit aus den Büchern verschwunden. Die FC Wil 1900 AG hat per Ende Juni 2018 ein positives Eigenkapital von 192’000 Franken.

FC Wil kassiert erneut Geld für Schär

Das Kapitel der türkischen Investoren kann nun definitiv abgeschlossen werden. Trotzdem ist finanziell noch längst nicht alles Eitel, Wonne, Sonnenschein. «Die Liquidität ist weiterhin sehr angespannt. Dies hat zur Auswirkung, dass wir unseren Verpflichtungen gegenüber unseren Lieferanten nur mit zeitlicher Verzögerung nachkommen können», sagt Finanzchef Mischa Sammer. Er ergänzt: «Es ist uns bewusst, dass dies für alle Betroffenen unbefriedigend ist und dringend behoben werden muss. Aber die Abzahlungsverpflichtungen aus den Auflösungen von langfristigen Spielerverträgen aus der Türkenzeit schränken uns enorm ein.» Derzeit werde an einem finanziellen «Befreiungsschlag» gearbeitet. Weitere Infos dazu gab es an der Generalversammlung noch nicht.

Schaut man sich die Zahlen der Saison 2017/2018 an, so fallen einige Dinge auf. Die Erträge aus Eintritten sind um rund einen Drittel auf noch gut 250'000 Franken eingebrochen. Die Zuschauerzahlen waren wegen des sportlichen Misserfolgs, des verlorenen Vertrauens in der Bevölkerung und dem Fernbleiben des FC Zürich markant zurückgegangen. Dafür gab es aufgrund eines neuen TV-Vertrages fast doppelt so viel Geld aus den Übertragungsrechten, nämlich gut 577'000 Franken. Die Transfererlöse sind markant gestiegen auf über 810'000 Franken. Noam Baumann und Basil Stillhart wechselten in die Super League – und Fabian Schär von La Coruna zu Newcastle United. Das hat laut Sammer «einen schönen Batzen an Ausbildungsentschädigung» eingebracht. Alles in allem sind die Erträge um 1,1 Millionen Franken auf 2,8 Millionen gestiegen. Der Aufwand wurde – hauptsächlich dank tieferer Spielersaläre – um rund sechs Millionen Franken auf 2,7 Millionen reduziert. Dem Verwaltungsrat ist es gelungen, mit 26 Spielern eine einvernehmliche Lösung zu finden.

Weiterhin nur drei Verwaltungsräte

Auf Nachfrage von Hallowil.ch nannte Weber erstmals das Budget für die laufende Saison 2018/2019. Dieses beträgt drei Millionen Franken, wobei die Kosten für den Nachwuchs und das Personal eingerechnet sind. Somit hat der FC Wil eines der tieferen Budgets aller Challenge-League-Teams. Da er zudem die jüngste Mannschaft der Liga stellt, ist umso erstaunlicher, dass er in der Tabelle auch nach 16 Runden erster Verfolger von Leader Servette ist.

An der Generalversammlung wurde auch über die Zusammensetzung des Verwaltungsrates informiert. Nachdem Marc-Aurel Weinmann und Thomas Hengartner schon wenige Monate nach Amtsantritt zurückgetreten waren, besteht das Gremium noch aus Präsident Weber sowie den Verwaltungsräten Bettina Osterwalder und Artan Sadiku. Eine Ersatzwahl gab es nicht. Was laut Weber aber nicht heisst, dass die Anzahl Verwaltungsräte sakrosankt ist. Man stehe in Verhandlungen, um die Anzahl wieder zu erhöhen. Die Anzahl Beiräte, die den Verwaltungsrat unterstützten, wurde hingegen auf zehn erhöht.

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Der Liveticker der Generalversammlung:

Das soll es gewesen sein. Vielen Dank für das Interesse.

Wir fassen zusammen: Keine zwei Jahre sind vergangenen, seit die türkischen Investoren den Verein Knall auf Fall verlassen und einen Scherbenhaufen hinterlassen haben. Und schon ist der FC Wil schuldenfrei. Aber die Liquiditätsengpässe drücken. Man kann sagen: Die Türken-Ära ist überstanden, der Kampf ums Geld geht aber weiter.

Somit ist die Generalversammlung zu Ende und die Aktionäre verschieben sich zum Imbiss ins Restaurant.

Die Schlussworte Webers: "Wir wollen weiterhin die Grossen aufmischen. Wenn wir zusammenhalten, schaffen wir das."

Dann weist Weber auf das letzte Saisonspiel gegen Chiasso Ende Mai hin. Er sagt: "Es wäre noch schön, wenn dann …" Er bricht den Satz ab.

Unter Varia ist zu vermelden: Trainingsstart ist am 7. Januar. Ob es ein Trainingslager gibt, steht noch nicht fest. Präsident Weber ist noch dabei, Geld dafür aufzutreiben.

Nun appelliert Weber noch an die Aktionäre, Werbung zu machen, um den Zuschauerschnitt in die Höhe zu treiben. Mit rund 1100 Fans liegt der FC Wil diesbezüglich an drittletzter Stelle der Challenge League.

Keine weiteren Fragen. Einmal mehr sind die Aktionäre wortkarg. Das hat hier fast schon Tradition.

Wir sind in der Fragerunde. Ex-Präsident Bigger will wissen ,wie der Eigenanteil an der Stadionüberdachung gestemmt werden kann in Zeiten der Liquiditätsengpässe. "Wir erbringen das mit Eigenleistungen, also zum Beispiel die Bauleitung", sagt Weber.

Personelles: Der Verwaltungsrat wird nicht ergänzt. Er besteht weiterhin aus Maurice Weber (Präsident), Bettina Osterwalder und Artan Sadiku.

Wir halten fest: Der FC Wil ist schuldenfrei, hat aber Liquiditätsengpässe.

Natürlich wird einstimmig zugstimmt. Wobei an dieser Stelle mal wieder erwähnt werden darf, dass Weber alleine die Rechnung absegnen könnte, da er Hauptaktionär ist.

Die Aktionäre spenden spontan Applaus, da die Nachwehen der Türken-Zeit somit vorüber sind.

Damit sind aber nicht alle Probleme vom Tisch. Denn es bestehen weiterhin Liquiditäts-Engpässe, so dass nicht alle Rechnungen pünktlich bezahlt werden können. "Das ist sehr ärgerlich", sagt Sammer. "Wir arbeiten an einem Befreiungsschlag."

Und dann der Knall: Der FC Wil schreibt rund 18,5 Millionen Franken Gewinn. Das ist allerdings ein rein buchhalterischer Wert. Denn die türkischen Investoren haben nun definitiv zugesichert, auf das in den FC Wil investierte Geld zu verzichten. Bis anhin war es "nur" ein Darlehen im Rangrücktritt gewesen. Zudem haben auch Leute der "Nach-Türken-Ära" Geld eingeschossen und verzichten nun auf dieses. Somit konnte ein operativer Verlust von rund 1,5 Millionen Franken gedeckt werden. Die Bilanz ist nun sauber und das positive Eigenkapital beträgt per Ende Juni 2018 genau 192'000 Franken.

Das Ziel war, unter 2 Millionen Franken an Personalkosten zu kommen. Das ist nicht geglückt. Die Summe beträgt 2,33 Millionen Franken.

Die Zuschauereinnahmen waren so tief wie noch nie in den vergangenen elf Jahren. Nur noch 252'000 Franken kamen rein. Dafür gab es deutlich mehr Geld aus TV-Einnahmen, von den Sponsoren aus Transfererlösen. Die Verkäufe von Noam Baumann zu Lugano und Basil Stillhart zu Thun haben "ein paar gute Franken reingespült". Auch der Wechsel von Fabian Schär von La Coruna zu Newcastle hat Geld gebracht. Die Ausbildungsentschädigung lässt grüssen.

Nun also zu den Finanzen. Finanzchef Mischa Sammer spricht. "Wir kämpfen immer noch mit dem Erbe, das die Türken hinterlassen haben. Etliche Spielerverträge aus türkischer Zeit werden uns noch beschäftigen."

Fust hebt die U16-Mannschaft hervor, die fast Schweizer Meister geworden wäre und erst im Final an Concordia Basel scheiterte. "Es war eine sehr erfolgreiche Saison unseres Nachwuchses", sagt Fust.

"Das vergangene Geschäftsjahr war von vielen Veränderungen geprägt. Wir legen grossen Wert auf ein nachhaltiges Umfeld. Die Budget-Planung wurde in den Griff bekommen", sagt Fust. Dazu gleich mehr.

Nun spricht Geschäftsführer Benjamin Fust. Er kommt auf die Veränderungen im Verwaltungsrat zu reden. Schon kurz nach Amtsantritt sind die beiden Verwaltungsräte Marc-Aurel Weinmann und Thomas Hengartner wieder zurückgetreten. Sie wurden bisher nicht ersetzt. Der Verwaltungsrat besteht somit aus nur noch aus drei Personen. Aus zwei CEOs (Adam Mechergui, Jan Wegmann) ist ein Geschäftsführer (Benjamin Fust) geworden.

Nun geht es um die Überdachung der Gegentribüne und der Fankurve. Die Kosten sollen sich auf 1,35 Millionen belaufen, verteilt auf Stadt, Sport-Toto-Fonds und FC Wil.

Zur Philosophie des Vereins sagt Weber: "Auch das Umfeld muss stimmen. Nur dann kann es klappen. Wir sind ein Ausbildungsverein und wollen finanziell unabhängig und selbständig sein."

Nun sagt Weber: "Ich bin besonders stolz, dass beim letzten Schweizer U20-Länderspiel fünf Wiler Spieler dabei waren. Diese Spieler gehören zu 100 Prozent dem FC Wil. Das ist ein Kapital."

Vor Jahresfrist standen 43 Spieler unter Vertrag - fünf mehr als bei Borussia Dortmund. Im Jahr 2018 sei für 26 Spieler eine Lösung gesucht und gefunden werden.

Weber äussert sich zu sportlichen Belangen: Der FC Wil war bis zum vergangenen Wochenende die erfolgreichste Challenge-League-Mannschaft des Jahres 2018 - knapp vor Servette. "Wir waren nicht unverdient zwischenzeitlich Tabellenführer", sagt Weber.

Es läuft das Begrüssungsprozedere - erstmals gehalten von Maurice Weber, der ja vor Jahresfrist das Ruder als Verwaltungsratspräsident von Roger Bigger übernommen hat. Bigger wohnt der Versammlung übrigens als Aktionär bei.

Die Aktionäre spenden Applaus.

Der offizielle Beginnt mit einem Image-Video. Die Höhepunkte der Saison 2017/2018, um die es heute geht, werden gezeigt. Allzu lang dürfte der Film wohl nicht sein.  Nach der Hinrunde war der FC Wil Letzter, bei Saisonende immerhin Siebter.

Der Saal ist traditionell gut gefüllt - und füllt sich noch mehr. In rund 2-3 Minuten geht es los.

Herzlich willkommen aus dem VIP-Raum der IGP-Arena zur heutigen 12. Generalversammlung der FC Wil 1900 AG. Wie sehr leidet der Klub noch unter der türkischen Ära? Die MNG-Group hatte binnen 19 Monaten rund 18,5 Millionen in den Klub gesteckt - ehe die "Flucht" erfolgte. Wir sind gespannt, was die Auswirkungen sind. Simon Dudle tickert für Sie durch den Abend.