Auf den ersten Blick ist es eine ganz normale Trainingseinheit, welche am späten Montagvormittag auf einem Nebenplatz des Sportpark Bergholz über die Bühne geht. 45 Knaben und Mädchen jagen in Gruppen unterteilt den Bällen nach und haben trotz Hitze Spass. Schnell wird aber klar, dass es sich um eine spezielle Fussballschule handelt. Die Trainer sprechen hochdeutsch, die Kinder tragen Leibchen mit dem Emblem von Borussia Mönchengladbach und trinken aus Flaschen des Bundesligisten. Ein Transparent und ein Lieferwagen mit der Aufschrift «Fohlen Fussball Schule» stehen auf dem Gelände.

Drei Nachwuchstrainer von Borussia Mönchengladbach sind noch bis am Mittwoch in Wil, um mit Kindern das Fussball-ABC zu erlernen – und «Spass zu haben», wie sie sagen. Dies geschieht selbstredend nicht nur, um die Sommerferien sinnvoll zu überbrücken. Einerseits ist es eine Marketing- und Scouting-Aktion des Bundesliga-Klubs. Andererseits prüfen die beiden Vereine, ob eine Zusammenarbeit für beide Seiten Sinn machen könnte. Hintergrund: FC-Wil-Präsident Maurice Weber ist seit Jahren ein Fan von Borussia Mönchengladbach. Zudem ist er mit seinem Bauunternehmen auch in der Region von Gladbach tätig. So kam es zum Kontakt mit Wolfgang Heilmann, der bei Borussia Mönchengladbach Bereichsleiter Internationalisierung ist. Eine seiner Aufgaben ist, das Image des Vereins nach Europa hinauszutragen.

Warum eine Zusammenarbeit für Mönchengladbach interessant sein könnte
Bereits zum dritten Mal ist Heilmann in der Äbtestadt, um sich mit Weber und den FC-Wil-Verantwortlichen über eine mögliche Zusammenarbeit auszutauschen. Es wurde auch bereits eine Arbeitsgruppe gegründet. «Das Fussballcamp sehen wir als Auftakt, um sich noch besser kennenzulernen. Die Gespräche betreffend Kooperation werden diese Woche weitergeführt», sagt Heilmann. Doch die Frage sei erlaubt: Was bringt es dem grossen Bundesliga-Klub, mit dem kleinen FC Wil zusammenzuarbeiten? In Gladbach verfolgen sie mit Interesse, was sich in der Ausbildungsliga Challenge League tut. Zudem ist ihnen nicht entgangen, dass die talentiertesten Fussballer der Ostschweiz im Förderprogramm Future Champs Ostschweiz gezielt ausgebildet werden. In diesem ist der FC Wil ein wichtiger Player. Das Wissen dieser Abläufe kann auch für die Deutschen nützlich sein.

Auch wenn die beiden Vereine völlig unterschiedlich gross sind, so gibt es einige Gemeinsamkeiten – ganz abgesehen vom gemeinsamen Gründungsjahr 1900 und den Klubfarben schwarzweiss. Die wichtigste ist eine ähnliche Philosophie. Beide Klubs sind darauf angewiesen, regelmässig Spieler aus dem eigenen Nachwuchs ins Fanionteam integrieren zu können, da sie keine finanzkräftige Industrie im Rücken haben. Während in den vergangenen Jahren diverse Wiler Spieler den Sprung in die Super League oder gar ins Ausland geschafft haben, sieht es bei Borussia Mönchengladbach ähnlich aus. Spieler wie Günther Netzer, Berti Vogts, Jup Heynckes, Lothar Matthäus oder auch Stefan Effenberg sind beim Klub im Ruhrpott gross geworden. «Seit den 1970er-Jahren fördern wir gezielt die Jugend. In jedem Jahrzehnt haben wir eine stattliche Anzahl Spieler herausgebracht», sagt Heilmann.

Wie der FC Wil profitieren könnte
Beide Vereine hoffen auf eine Win-Win-Situation. Ein Vorteil für die Wiler könnte sein, dass gewisse Gladbacher Spieler, die noch nicht ganz das Niveau der Bundesliga haben, temporär in Wil «parkiert» werden, um Spielpraxis zu sammeln. Zudem will der Challenge-League-Klub vom Know-How des Bundesligisten profitieren. So ist es zum Beispiel vorstellbar, dass Wiler Trainer Kurzlehrgänge bei Borussia Mönchengladbach absolvieren.

Was aber auch klar ist: Selbst wenn es zur Kooperation kommt, so bleibt es dabei, dass der FC Wil in erster Linie eigene Talente ausbildet und ein Sprungbrett-Verein sein möchte.