«Der Versand eines Flyers gehört für die Grünliberalen Kanton St. Gallen nach wie vor zu einem unverzichtbaren Bestandteil eines jeden Wahlkampfs», erklärt die Geschäftsleitung der Grünliberalen Partei des Kantons St. Gallen in einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber hallowil.ch. Die kantonale GLP betont, dass die Mittel dafür möglichst «effizient und ressourcenschonend» eingesetzt werden. Damit mischt die St. Galler GLP in die Flyer-Diskussion, die vergangene Woche in der GLP Wahlkreis Wil herrschte, ein. Denn die Geschäftsleitung habe mit Befremden von der ganzen Diskussion Kenntnis genommen. «Insbesondere, weil mehrere Aussagen nicht der Wahrheit entsprechen», heisst es weiter.

Rückblende: «Wir lassen Bäume im Wald und versenden keine Flyer», teilte Erika Häusermann, Präsidentin der Grünliberalen Wil, Anfang vergangener Woche in einer Medienmitteilung mit (siehe Artikel ganz unten). Die Wiler GLP schaltete sogar Zeitungsinserate, in denen sie sich für den Papier-Verzicht im Wahlkampf aussprach. Flyer seien ein Ausdruck der Wegwerfgesellschaft, begründete Häusermann den Entscheid im Namen der GLP Wil. Nur wenige Tage nach der Veröffentlichung der offiziellen Medienmitteilung lagen in vielen Haushalten des Wahlkreises Wil Flyer von Parteimitglied Franziska Cavelti Häller. Nach dieser Aktion zeigte sich vor allem die Wiler GLP-Präsidentin Häusermann enttäuscht und warf ihrer Jonschwiler Parteikollegin vor, sich nicht an einen Parteibeschluss zu halten, um sich daraus einen Vorteil zu verschaffen. Cavelti Häller wiederum wies jede Schuld von sich: «Es handelt sich um keinen offiziellen Parteibeschluss und die GLP Wil wusste, dass ich einen Flyer drucken lassen werde.»

Kandidaten dürfen Flyer und Co. drucken lassen

Und in genau diesem Punkt gibt die Geschäftsleitung der GLP Kanton St. Galler Cavelti Häller recht: Unglücklicherweise sei ein falscher Eindruck vermittelt worden. Häusermanns Verzichtserklärung im Namen der GLP Wil sei in Tat und Wahrheit lediglich auf die allgemeine Parteiwerbung gemünzt. «Den Kandidaten steht es gemäss protokolliertem Parteibeschluss der Wahlkreispartei Wil aber frei, eigene Drucksachen zu produzieren und zu versenden», so die kantonale GLP. 

«Franziska Cavelti Häller bringt es auf den Punkt», sagt die Geschäftsleitung der kantonalen GLP, «Diese Diskussion lenkt von den eigentlichen ökologischen Problemen ab.» Als WWF-Exponentin und verantwortungsvolle Unternehmerin wisse sie genau, wovon sie spreche. «Die GLP Kanton St. Gallen begrüsst ihr persönliches Engagement im Wahlkampf», heisst es in der schriftlichen Erklärung weiter. Dies liege ganz im Interesse der Gesamtpartei.

Erika Häusermann war für hallowil.ch am Mittwoch und Donnerstag nicht erreichbar. (pd/mac)

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Flyer sorgen bei den Wiler Grünliberalen für rote Köpfe (28.02):

Anfang der Woche war die Botschaft zu den Kantonsratswahlen der Grünliberalen Wil klar und deutlich: «Es ist Zeit, auf Wahlflyer zu verzichten.» In einer Medienmitteilung erklärte die Partei, dass sie genau berechnet hatte, wie viele Flyer sie produzieren müsste, um in allen Briefkästen im Wahlkreis Wil verteilen zu können und welche Papiermenge dazu benötigt wird. «36’000 Flyer oder rund 360 Kilogramm Papier bräuchten wir Wiler Grünliberalen, um alle Haushalte in unserem Wahlkreis mit Flyern zu bedienen», heisst es in der Mitteilung. Hochgerechnet auf alle Parteien im ganzen Kanton St.Gallen ergebe das rund 20 Tonnen verschwendetes Papier.

Die GLP braucht das Wort «Verschwendung» ganz bewusst, denn sie ist überzeugt, dass der «Wahlkampf zu einer Materialschlacht» geworden ist. «Flyer, Prospekte und Wahlzeitungen werden tonnenweise im ganzen Kanton gedruckt, verschickt und landen meist ungelesen im Altpapier.» Da wolle die Partei nicht mehr mitmachen. Denn Flyer seien Ausdruck der Wegwerfgesellschaft. «Wir möchten eine Kreislaufwirtschaft», wird erklärt. Man sei von erneuerbaren Energien überzeugt, um auf fossile Energieträger verzichten zu können. «Der Schutz von natürlichen Lebensräumen sowie der Artenvielfalt und der Schutz von Boden und Wasser sind für unser Wohlbefinden und für die künftigen Generationen unerlässlich», wird erklärt. Dazu brauche es eine innovative Wirtschaft, eine nachhaltige Stabilisierung der Bevölkerung und einen haushälterischen Umgang mit Steuergeldern.

Eine enttäuschte Partei

Die Einstellung und die Idee der Grünliberalen ist gut und recht, wäre da nicht der Wahlkampf von GLP-Kantonsratskandidatin Franziska Cavelti Häller. Denn die Jonschwilerin und Co-Präsidentin von WWF St. Gallen liess trotzdem Flyer drucken, die diese Tage in den Briefkästen aller Haushalte im Wahlkreis Wil landeten. Das wirft nun die Frage auf: Ist sich die GLP Wahlkreis Wil nicht einig? Oder wie konnte das passieren? «Franziska Cavelti Häller ist ein Neumitglied in unserer Partei», erklärt Erika Häusermann, Wiler Stadtparlamentarierin und Präsidentin der GLP Wahlkreis Wil auf Anfrage von hallowil.ch, «und es scheint, dass sie noch nicht mit unseren Gepflogenheiten vertraut ist». Bei der Nominationsversammlung und an der Vorstandssitzung Anfang Januar – an der Cavelti Häller teilgenommen habe – habe die Partei einen papierlosen Wahlkampf beschlossen. An diesen Beschluss müssten sich alle Mitglieder halten. «Deshalb sind wir sehr enttäuscht, dass sie – notabene Inhaberin einer Druckerei – mit einem privaten Flyer unsere Kampagne unterläuft, um sich einen persönlichen Vorteil zu verschaffen», so Präsidentin Häusermann. Die Jonschwilerin habe ihre Parteikollegen zwar über einen Flyer von WWF St. Gallen mit einer Wahlempfehlung für sie informiert, aber nie über einen zusätzlichen persönlichen Flyer mit dem GLP-Logo.

«Es war kein offizieller Parteibeschluss»

Franziska Cavelti Häller ist sich bewusst gewesen, dass ihr Flyer aufgrund der Medienmitteilung von Erika Häusermann Fragen aufwerfen wird. «Aber es handelte sich nicht um einen offiziellen Parteibeschluss und die GLP Wahlkreis Wil wusste, dass ich einen Flyer drucken lassen werde», erzählt Cavelti Häller gegenüber hallowil.ch. Denn für die Jonschwilerin und Unternehmerin sei das keine ökologische Frage, sondern eine Frage des persönlichen Kommunikationsstils. Der Flyer wurde auf FSC-Papier gedruckt und klimaneutral produziert. Das heisst, der CO2-Ausstoss der Produktion wurde kompensiert. Für Cavelti Häller lenke diese Diskussion von den eigentlichen okölogischen Problemen ab, denn andere Themen seien bedeutender. «Matchentscheidend ist doch, wie das Energiegesetz im Kantonsrat umgesetzt wird und welche Ergebnisse dabei rauskommen.» Oder: Wie man im Kanton die Biodiversität stärke und wie der Gewässerschutz gewährleistet werden soll. 

«Natürlich ist die Situation für die GLP Wahlkreis Wil nun unglücklich», betont Präsidentin Häusermann, «aber noch schlimmer ist die ganze Geschichte für Franziska Cavelti Häller». Sie sei Co-Präsidentin einer Umweltschutzorganisation und werbe jetzt mit zwei persönlichen Papierflyern. Wie die Partei nun auf diese Aktion reagieren und ob es Konsequenzen geben werde, sei noch unklar.

Cavelti Häller ist sich sicher, dass sie ihrer Partei nicht in den Rücken gefallen ist. «Ich bin nicht die Einzige, die nicht auf Papier verzichtet», sagt sie, «andere Mitglieder haben Plakate drucken lassen.» Es sei von Anfang an klar gewesen, dass Einzelpersonen einen Wahlkampf mit Flyern, Plakaten oder Prospekten betreiben werden. Ausserdem sei dies die persönliche Medienmitteilung von Erika Häusermann gewesen.